Die Johanni-Zeit im Kindergarten

Ein Beitrag von Dorothea Schneider (Waldorfkindergarten Heilbronn)

Am 24. Juni gedenken wir des Geburtstages Johannes des Täufers. An diesem Tag findet bei uns im Kindergarten eine kleine Johannifeier statt. Der Jahreszeitentisch ist festlich hergerichtet: Um einen Strauß aus Johanniskraut fliegen kleine Bienen, rote Rosen und weiße Lilien umrahmen das Bild. Auf einer Kunstkarte können die Kinder die besondere Beziehung von Johannes dem Täufer und Jesus sehen, wie sie sich in liebevoller Geste einander zuwenden. Zum Frühstück bereiten wir eine besondere Festtagsspeise aus Johannisbeeren und trinken unseren Johanni-Früchteteepunsch.

Reigen und Geschichte sind in dieser Zeit von sommerlichen Insekten, z.B. Glühwürmchen und Elementarwesen, geprägt. In den Tagen vor dem Johannifest binden wir während der Freispielzeit Sommer-Johannibälle. Sie symbolisieren das luftige, feurig-warme Element des Sommers. Zum Abschluss unserer Johannifeier erhält jedes Kind einen Johanniball. Gemeinsam gehen wir in den Garten und werfen uns die Bälle mit ihren feurigen Schweifen gegenseitig zu: „Goldkugel fliege, dass ich dich kriege, hoch hinauf, hoch hinauf, ich fang dich wieder auf. Fall nicht in den Sand, fall in meine Hand."

Bereits Anfang Juni hat die erste Ernte im Kindergarten begonnen, erste eigene Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren schmecken allen Kindern sehr. In den Wochen gegen Johanni zu entfaltet sich die Natur in all ihrer Pracht und erreicht dabei ihren Höhepunkt. In der Sommerhitze grünt und blüht es üppig, viele Insekten wie Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und spätabends auch Glühwürmchen schwirren durch die Gärten. Rosen blühen und verströmen ihren herrlichen Duft, Lilien öffnen ihre Blüten, ebenso wie die hochwachsenden Sommerblumen Fingerhut, Rittersporn, Eisenhut oder Stockrosen. Die Linden öffnen jetzt zur Johannizeit als letzte Bäume ihre Blüten und ziehen viele nektar-sammelnde Insekten an.

Die Sonne steht jetzt fast senkrecht am Himmel; sie erreicht ihren höchsten Stand. Wir können nun die Zeit des hellsten Lichtes erleben. Die Erde hat in dieser Hochsommerzeit ganz ausgeatmet und wird von kosmischen Kräften durchwärmt und durchleuchtet. Wir können beobachten, wie die geistig-göttlichen Kräfte bis ins Irdische hineinwirken.

Der Tag der Sommer-Sonnenwende, der 21. Juni, war in vorchristlicher Zeit ein großes, wichtiges Fest. Die Menschen erlebten das Wirken von kosmischen Kräften und Elementarwesen noch viel intensiver und unmittelbarer. Zur Hochsommerzeit begaben sich die Menschen in ekstatische Tänze um und in das Feuer und waren durch diese entrückt und dem kosmischen Geschehen ganz nahe. „Die Sommersonnenwende war die Empfangsstunde für die Gaben der Götter" (Emil Bock). Da diese Tänze kosmischen Gesetzen folgten, kann man auch sagen, dass die Menschen wie Gestirne von kosmischen Kräften bewegt wurden.

Dem Menschen heute ist es nicht mehr gemäß, himmlische Kräfte in dieser Art aufzunehmen. Er hat das Traumbewusstsein verlassen und verfügt über Freiheit und waches Bewusstsein, um in innerer Besinnung Kontakt zur geistigen Welt zu suchen und aufzunehmen.

Mit der Christianisierung begann man an dieser Stelle des Jahreslaufes, am 24. Juni, den Geburtstag Johannes des Täufers zu feiern. Johannes der Täufer steht am Übergang der Zeiten; er ist Wegbereiter des Christentums und ruft zu Sinneswandel und Umkehr auf. Als Einsiedler lebte er in der Wüste und predigte als letzter Prophet des Alten-Testaments. Er war ein Vertreter des alten Weltprinzips. Zur Vergebung der Sünden taufte er das Volk. In Jesus erkannte er den verheißenen Messias. Bei dessen Taufe zieht das Christuswesen ein und so wird Johannes zum Wegbereiter des Christentums. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen" sind seine Worte. Er wusste, dass nun die Zeit gekommen war, dass die alten weisheitsvollen Mysterien zurücktreten und die Menschen aus deren Führung entlassen werden sollten, um in Freiheit, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zum Göttlichen zu finden.

So steht also das Johannifest einerseits am Wendepunkt des Menschheitsgeschehens, andererseits aber auch am Umkehrpunkt der jahreszeitlichen Entwicklung in der Natur. Denn nach der Sommer-Sonnenwende bzw. nach Johanni werden die Tage wieder kürzer, das Sonnenlicht nimmt ab und die Hauptwachstumszeit geht zu Ende. Die Sommersonnenwärme ballt sich im Reifen der Früchte.

 

ERIKA BEULE:

STIMMUNG NACH JOHANNI

Blätterglanz, Lavendelduft und Stille.
Sommerfülle hat sich ausgegeben,
Keine Stimmen, die die Luft beleben.
Ausgeflogen ist der Vogel Brut,
Doch die Farben in den Gärten bleiben.
Rosen glühen noch
und die Astern treiben
blaue Blüten in der Mittagsglut.
Dennoch fühlen wir ein Atemhalten
einen Pulsschlag lang
im Gang der Zeit,
Wende. Mitten in der Helligkeit
will die Welt
des Blühens Lustgewalten
wandeln zu der Früchte
Süßigkeit.

 

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