Unser Michaelsfest

Ein Beitrag von Nadja Baumgart (Waldorfkindergarten Heilbronn)

Wir sind noch kräftig dabei, die Früchte des Gartens zu verarbeiten, haben Pflaumen und Äpfel gedörrt für den kommenden Winter. Im Garten gibt es schon jede Menge Walnüsse zum Aufsammeln. Die Tag-und-Nacht-Gleiche ist vorbei. Die Michaelizeit umfängt uns.
 

Werden die Tage kurz, werden die Herzen hell.
Über dem Herbste strahlt leuchtend Sankt Michael.
Sankt Michael, Herr der Zeit!
Du gibst wahres Brot! Und ein neues Kleid!

 

In der Michalizeit nimmt die Farbe Rot Einzug in unseren Gruppenraum, es ist nicht das leuchtend helle Rot der Osterzeit (die ja der Michaelszeit gegenübersteht), sondern ein etwas dunkleres, hüllendes Rot, das für Mut und Tapferkeit steht. Über dem Jahreszeitentisch hängt ein Bild vom Erzengel Michael, der die Weltkugel und eine Lanze in der Hand hält.

Auf dem roten Tuch, in der Mitte des Tisches liegt ein goldgelbes leuchtendes Seidentuch, worauf unsere Michaelskerze steht. Davor hat das goldene Schwert des Erzengels Michael einen würdigen Platz erhalten, auch das Himmelseisen als Kraftstein, gebettet in ein Stück farbige Wolle, darf nicht fehlen. Neben dem Strauß mit den Herbstzweigen steht unser Ritter Georg, der mit dem Drachen kämpft.

Den Michaelsreigen lieben die Kinder sehr. Wir verwandeln uns dabei in tapfere Ritter, die sich Helm und Schwert schmieden, auf ihren Rössern in den Wald reiten, in welchem die Drachen hausen und schmatzend umherstapfen, um uns ihnen mutig in den Weg zu stellen und sie zu besiegen.
 

Wenn ich groß bin,
wenn ich groß bin,
so groß wie die Welt,
dann werd' ich gewisslich
ein Ritter und Held!

 

 In den Tagen vor dem Fest polieren wir mit den Kindern die roten Äpfel bis sie kräftig glänzen und betten sie in einen runden Korb, der auf dem Jahreszeitentisch oder daneben seinen Platz findet. Am Tag davor backen wir gemeinsam unsere Michaelswecken, verziert mit einem Kreuz bzw. Schwert, und einen Apfelkuchen, polieren die fünf Kerzen für die Festtagstafel, bereiten die roten Servietten und die Goldbändchen vor, die wir benötigen, um unseren herrlich leuchtenden Apfel darin einzupacken und mit nach Hause zu tragen.

Am Festtag selbst helfen einige Kinder mit, die lange Festtagstafel vorzubereiten. Anschließend an das Platzdeckchen liegt die rote Serviette mit dem Goldband darauf. Der Tisch ist unter anderem geschmückt mit vielerlei Grün aus dem Garten, bunten Herbstblättern und kleinen Kerzen. Im Stuhlkreis, der heute das runde Tischchen mit unseren roten Äpfeln umringt, singen wir Michaelilieder und die Kinder hören die Michaeligeschichte, danach erhalten sie schweigend ein jedes einen Apfel. Bis nach dem Frühstück harren die Kinder auf das Geheimnis im Apfel. Wir Kindergärtnerinnen gehen von einem zum andern und wie im oben genannten Spruch durchfährt das Lichtesschwert jeden Apfel und gibt dessen Geheimnis preis: den Fünfstern, der in ihm strahlt, mit seinen sprühenden Fünkchen.

Der Apfel ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis, also ein weiteres Symbol für die Beziehung von Michael zu den Erkenntniskräften des Menschen. Dieses Wunder bestaunen wir innig mit jedem Kind, bevor wir die beiden Apfelhälften wieder sorgfältig aneinanderlegen, um sie mit der Serviette und dem Band zu verpacken, damit die Kinder zuhause gemeinsam mit ihren Familien das Wunder noch einmal entdecken können, falls der leckere Apfel nicht schon vorher verspeist wurde.

In der folgenden Zeit arbeiten die Großen an ihren Schwertern aus Holz. Es wird gefeilt, geschmirgelt und gehämmert und über Nacht hat sich schon so manches Schwert vergoldet. Die Freispielzeit ist erfüllt von Ritterspielen und so mancher Drachenkampf muss ausgefochten werden.

Auch begleitet uns die Michaeligeschichte noch im Puppenspiel: „Die Königstochter in der Flammenburg". Das Drachensteigenlassen und Ringen mit dem Herbstwind ist auch sehr passend für diese Zeit.

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