Ein Waldtag im Kindergarten

Ein Beitrag von Claudia Bucher (Waldorfkindergarten Heilbronn)

Mit allen Sinnen den Wald erleben

Durch den Waldtag hat das Kind im Kindergarten die Möglichkeit, sich mit allen Sinnen zu betätigen, also seine Sinneswahrnehmung durch die unterschiedlichsten Eindrücke zu bereichern. Im Folgenden will ich schildern, wie ein solcher Tag aussieht und welche Erlebnisse und Erfahrungen die Kinder dabei machen. Kommen Sie mit zu diesem Waldabenteuer!

 

Ankommen auf dem Bauernhof

Es ist an einem Donnerstagmorgen. So um die 15 Kinder zwischen 5 und 6 Jahren treffen sich wöchentlich auf dem Demeter-Bauernhof „Haghof' in der Nähe Kirchheims. Das sind die „Waldkinder" des Lauffener Waldorfkindergartens - die künftigen Schulkinder aus zwei Kindergartengruppen.

Mit freundlicher Genehmigung der Bauernfamilie Gamnitzer dürfen wir diesen Hof als Ausgangspunkt für unseren Waldtag benützen. Das ist natürlich großartig, denn so können die Kinder sehen und erleben, was ein Bauernhof ist und welche Tiere dort leben. Der Waldtag hat noch gar nicht begonnen, doch die Sinne haben hier schon ein reiches Betätigungsfeld: die Schweine dürfen getätschelt, die Kühe gefüttert und die Katzen nach Herzenslust gestreichelt werden.

 

Der Weg

Nach einer morgendlichen Begrüßungsrunde liegen ca. 2 km Wegstrecke vor uns, bis wir unseren Hauptplatz im Lauffener Kaywald erreichen. Die erste Wegstrecke führt über holprige Feldwege. Im Sommer sind diese Wege hart und staubig, im Herbst und Frühjahr oft sehr matschig und weich und im Winter finden sich in den Traktorrillen und Pfützen kleine und größere Eisflächen. Diese Wegbeschaffenheit lässt erahnen, welche differenzierten und vielfältigen Gleichgewichts- und Bewegungserfahrungen das Kind schon beim Laufen zu machen hat. Dann geht es hinein in den Wald. Hier liegen gleich die ersten Baumstämme am Wegesrand und es darf geklettert und gehüpft werden. Kann man auch rückwärts über einen Baumstamm balancieren? Der Ideenreichtum der Kinder ist unerschöpflich. So manch großer Ast muss aus dem Wald herausgezogen und für den Lagerbau mitgenommen werden. Alleine oder zu mehreren tragen oder ziehen die Kinder am Seil das Fundstück, dafür braucht man (Kind) natürlich ganz schön viel Kraft.

Dieser einstündige Fußmarsch durch den Wald verlangt den Kindern einiges an Durchhaltevermögen ab. Es gilt eine Wegstrecke auch dann noch zu gehen, wenn man eigentlich nicht mehr will, und schließlich zu erleben, dass die Mühe sich gelohnt hat, wenn wir am Ziel, an unserem „Zwergenplatz" angekommen sind. Der Lebenssinn ist hier schon stark mit eingebunden. Natürlich darf man hier nicht das leckere Frühstück im Wald vergessen, auf das sich alle sehr freuen. Zu den selbstgebackenen Butterbrötchen kosten wir auch die verschiedenen Waldkräuter, die wir kennen, und schmecken sozusagen auf diese Weise den Wald. Der Geschmackssinn und der Geruchssinn sind hier stark beteiligt.

Nach dem Fußmarsch und dem Frühstück haben die Kinder nun die Möglichkeit, zu erkunden und zu erobern, was uns der Wald alles bietet. Tipis werden gebaut, Totholz und große Baumwurzeln werden untersucht, es wird gesammelt, gefühlt, gebaut, gerochen und nach Schätzen gegraben. Mal geht es laut und geschäftig zu, mal leise-verträumt und lauschend. Eine wahre Sinnesflut.

 

Die Elemente als Wahrnehmungshelfer

Auch die Elemente können in diesem Waldstück intensiv erlebt werden und dazu beitragen, die Sinneseindrücke zu verstärken, sie sind sozusagen Wahrnehmungshelfer. Wir Erzieherinnen versuchen den Kindern das zu ermöglichen, indem wir abwechselnd zum „Wasserplatz", zum „Kletterplatz" (Element Luft) und zum „Feuerplatz" gehen. Einen speziellen „Erdeplatz" haben wir nicht, denn Erde ist ja überall.

Unser Wasserplatz ist eine Waldquelle, welche in einem Steintrog aufgefangen wird. Das ist ausreichend, um vielfältige Erfahrungen mit dem Element Wasser zu machen: wie viele Grasbüschel braucht man, um den Ablauf zu verstopfen, und wann läuft das Wasser endlich über den Trog? Oft haben wir auch leere Behälter dabei, damit die Kinder Wasser schöpfen, umfüllen und experimentieren können. In diesem kleinen Bachbett fanden wir an einer Stelle Ton im Boden und es entstanden so kleine „getöpferte" Kunstwerke. Tastsinnerfahrungen werden hier so ganz nebenbei in großem Maße gemacht.

Der Kletterplatz (Element Luft) ist eine Stelle im Wald, wo vor einiger Zeit mehrere Bäume gefällt wurden. An manchen Stellen sind die Bäume auch übereinander gefallen, so dass es den Kindern möglich ist, auch in die Höhe zu klettern. Oben angelangt können sie an von uns zuvor befestigten Seilen wieder hinunterrutschen, dafür braucht man schon etwas Mut! Jedes Kind kann hier nach Möglichkeit seine eigene Kühnheit erproben. Bei manchen muss man etwas bremsen, sonst würden sie gerne in den Baumwipfeln verschwinden, andere Kinder brauchen etwas Ermutigung und Zuspruch um hier etwas zu wagen. Aber was für ein Glücksgefühl, wenn man sich getraut hat ... Spätestens nach dem Besuch dieses Platzes haben alle Kinder rote Backen und es ist gut, dass wir im nahe gelegenen Zwergenplatz Tipis zum Ausruhen geschaffen haben.

Auch der Feuerplatz, eine öffentliche Grillstelle ganz in der Nähe unseres Hauptplatzes, erfreut sich großer Beliebtheit bei den Kindern, vor allem im Winter. Hier darf nach Herzenslust „gezündelt" werden. Als erstes suchen wir trockenes Holz oder die Kinder dürfen den Erwachsenen dabei helfen, das mitgebrachte Holz vorzubereiten, indem wir sägen oder das Holz spalten. Dabei ist natürlich größte Sorgfalt und Vorsicht geboten! Sobald das Feuer entfacht ist, ist es Zeit nach einem geeigneten Grillstecken zu suchen und ihn anzuspitzen. Dafür haben wir für die Kinder Schnitzmesser angeschafft und den Umgang damit gut eingeübt. Nach so viel Arbeit schmeckt das Stockbrot oder die „rote Wurscht" gleich doppelt so gut. - Nach so vielfältigen Aktivitäten sind Kinder wie Erwachsene etwas müde, aber glücklich, und wir lassen den Waldtag mit einer Zwergengeschichte in unserem selbst erbauten Tipi ausklingen.

So, oder so ähnlich, sieht ein Waldtag im Kindergarten aus. Man sieht, es sind nicht einzelne Sinne, sondern eine Vielzahl, die bei all diesen Waldplätzen mit ihren jeweils besonderen Gegebenheiten in reichem Maße ein Betätigungsfeld finden. Neben all den „sinn"-vollen Angeboten im Kindergartenalltag bietet ein solcher Tag somit zahlreiche zusätzliche Möglichkeiten für die Pflege der Sinne und für die gesunde leibliche Entwicklung insgesamt. Damit die Kinder ein gutes Instrument zur Verfügung haben für die Aufgaben, die in der Schule und im späteren Leben auf sie zukommen.

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