Wie Selbstvertrauen entsteht - Lernbedingungen des Vorschulkindes

Ein Beitrag von Rita Pätzold (Waldorfkindergarten Heilbronn)

Das kleine Kind lernt durch Nachahmung. Das ist eine spezifisch menschliche Art des Lernens. Orientierungshilfen geben, liebevolles Vorbild sein und die Spielräume des Kindes schützen, sind die pädagogische Kernaufgaben vor der Schulzeit.

 

Weltbegegnung und Nachahmung

Schauen wir zunächst auf das ganz kleine Kind, so sehen wir: Ein Säugling ist überaus offen für alle Eindrücke. Sehr bald entwickelt sich ein „Dialog mit der Welt". Das Kind reagiert aktiv auf die Hinwendung der Mutter oder des Vaters. Und in dieser Begegnung von Ich und Du fängt das Kind an sich selbst wahrzunehmen. Dabei geschieht die Verarbeitung der von außen einströmenden Eindrücke noch eher träumend. Es dauert eine Weile, bis das Kind sich als ein Selbst bewusst wahrnimmt. Aber es ist trotzdem nicht hilflos den vielen Eindrücken ausgesetzt. Es „antwortet" und wird sich lustvoll dahin wenden, wo es den Kontakt als angenehm erlebt, wo etwas in ihm zum Klingen kommt. Und das, was es wahrnimmt, ahmt es nach.

Die Fähigkeit nachzuahmen unterscheidet den Menschen von allen anderen Wesen. Der aufrechte Gang, die Sprache und das Denken werden durch Nachahmung erlernt. Wenn ein Kind nicht unter Menschen aufwächst oder keine Zuwendung erhält, kann es diese grundlegenden Fähigkeiten nicht oder nur unzureichend erwerben.
Der Prozess der Nachahmung ist eine zutiefst schöpferischer Tätigkeit und kein Ausgeliefertsein. Ganz im Gegen-teil! Das kleine Kind verarbeitet durch seine Nachahmung Eindrücke und schafft sie aus der Sache heraus gewissermaßen neu. Das ist ganz wichtig zur Angstbewältigung. Das Kleinkind ist ja einer Fülle von Eindrücken ausgesetzt, die es nicht verstehen oder einordnen kann. Durch sein Nachahmen macht es sich nun die Welt zu eigen. Hennig Köhler beschreibt den Nachahmungsvorgang des kleinen Kindes als einen schöpferischen Wahrnehmungsprozess, weil „der Künstler im Menschen, die Seite des Menschen, wo er sich als gestaltendes, schöpferisches Wesen erlebt, diejenige Kraft ist, die am Gegenpol der Angst steht. (1) In der Nachahmung begegnen sich Eindruck und Ausdruck. Rudolf Steiner sagt in seinem Vortragszyklus „Die Erziehungsfrage als soziale Frage", dass in der Nachahmung der Keim zur Freiheit des Menschen liegt. Dieses Lernen im Dialog mit der Umwelt führt zum allmählichen Erwachen des bewussten Ichs.

Bei diesem indirekten Lernen, auch „implizites Lernen" genannt, stehen Tätigkeiten und Wahrnehmungen des Kindes im Vordergrund und nicht gedankliche Operationen und Reflexionen. Das Lernen gestaltet sich dabei auch in einem ständigen Wechselbezug zur Leiblichkeit. Das Kind öffnet sich mit allen Sinnen den Einflüssen und Eindrücken seiner Umgebung. Die Erfahrungen, die es dabei macht, werden gleichsam in seine noch so bildbare physische Konstitution eingearbeitet. „Es gibt zwei Zauberworte, welche angeben, wie das Kind in ein Verhältnis zu seiner Umgebung tritt. Dieses sind: Nachahmung und Vorbild... Was in der physischen Umgebung vorgeht, das ahmt das Kind nach, und im Nachahmen gießen sich seine physischen Organe in die Formen, die ihnen bleiben." (2)

 

Welterfahrung im Spiel

Nachahmen heißt also nicht nachmachen. Das kleine Kind möchte in die Tätigkeit des Erwachsenen gewissermaßen „hineinschlüpfen" und sie auf seine Art umsetzen. Es will mitschaffen, wenn die Mutter putzt und kocht. Alles, was der Erwachsene mit Intensität ausführt, ist interessant. „Kann ich dir helfen?", ist eine Frage, die man immer positiv beantworten sollte. Wenn die Mutter aufräumt und die Dinge in den Augen des Kindes verstellt, ahmt es das nach - es hilft der Mutter. Das ist dann vielleicht keine sinnvolle Tätigkeit in den Augen der Mutter, für das Kind schon. Auch Kochen ist beim Kind nicht zweckgebunden - es entsteht kein Mittagessen für die Familie -, aber es hat mit Feuereifer verschiedene Dinge zusammen geschüttet und mit dem Kochlöffel verrührt! Dieses „Kochen" befriedigt das Kind zutiefst und es ist wichtig ihm Raum dafür zu geben.
Beim älteren Kind wird das nachahmende Tun komplexer, es kann zeitlich auch später stattfinden oder auch nicht mehr so offensichtlich sein. Die Mutter ist vielleicht wieder am Kochen und das Kind ist mit etwas ganz anderem beschäftigt. Trotzdem ahmt es die Mutter nach: es lässt nämlich die Intensität, mit der die Mutter beschäftigt ist, in sein Spiel einfließen. Das kann man merken, wenn plötzlich ein Telefonanruf kommt, und nicht nur die Mutter ihre Tätigkeit unterbricht, sondern auch das Kind innehält.
Beileibe ahmt das Kind nicht alles nach, was wir machen! Es wählt aus, was es für sich als sinnvoll erachtet, und das taucht dann in seinem Spiel auf. „Sinnvoll" sind dabei für das Kind nur solche Tätigkeiten, die es unmittelbar mitempfinden kann, die sinnlich-konkret erfahrbar sind. Außerdem müssen sie von einem Menschen ausgeführt werden, zu dem das Kind eine Beziehung hat. „Dasjenige, was der spätere Ernst des Lebens fordert und der spätere Ernst des Lebens in Arbeit hineinverwebt, das wird beim Kind als Spiel betätigt, aber als Spiel, das zunächst dem Kinde voller Ernst ist." (3) „Spiel" heißt hier also, was das Kind aus seinem inneren, ureigenen Drang zur Nachahmung heraus tut, und nicht das, was man aus intellektueller Überlegung heraus sich an „Spielartigem" für die Kinder ersonnen hat.

Im Spiel verarbeitet das Kind durch die seelisch-geistigen Kräfte der Nachahmung auch belastende und beunruhigende Erlebnisse. Die Puppe erhält dann die gleiche Behandlung, die das Kind erlebt hat. Durch dieses „Hinausversetzen" des Erlebten kann das Kind belastende Erfahrungen verarbeiten. Kinder haben die Fähigkeit „sich gesund zu spielen", wenn sie dafür Zeit und Raum haben.

 

Erziehen heißt mit den Kindern leben

Wenn wir die geschilderten Lernbedingungen des kleinen Kindes ernst nehmen und wollen, dass es vertrauensvoll in die Welt hineinwachsen kann, müssen wir als Erzieher gewisse Faktoren beachten. Zum einen braucht das Kind unseren Schutz. Wir müssen die Eindrücke, denen das Kind ausgesetzt ist, beschränken oder sorgfältig auswählen. Je kleiner es ist, um so notwendiger ist dieser Schutz. Das Kind will umgeben sein von anregenden, freudigen und schönen Eindrücken, jedoch nicht von Lärm, Streit, Hektik und Reizüberflutung. Das ist sicherlich nicht immer zu bewerkstelligen.

Zum anderen will und muss das Kind „am Leben für das Leben lernen". Unsere Aufgabe besteht nun darin, es schrittweise ins Leben hineinzuführen. Aber wir sollten uns davor hüten, es belehren zu wollen. Das Kind braucht gute menschliche Vorbilder, die durch ihre Tätigkeiten sein Interesse wecken. Das Nachahmen können wir ihm allerdings nicht beibringen, das muss von dem Kind willentlich selbst ergriffen werden. Wir können aber unsere Tätigkeiten so gestalten, dass es Freude hat am Mittun.

Man kann das kindliche Lernen auch, wie Michaela Glöckler, „nonverbales Lernen" nennen. (4) Der Erzieher trägt der Tatsache Rechnung, dass nicht Worte, sondern Handlungen das kleine Kind zum Tun bewegen. Worte sind beim kleinen Kind oft verschwendet! Redewendungen wie: „Ich habe dir das doch schon hundertmal gesagt!" Oder: „Du sollst das nicht, weil..." stoßen meist auf taube Ohren. Je mehr man redet oder predigt, desto weniger hört das Kind hin. Wenn man auf Erklärungen verzichtet und auf das eigene Vorbild vertraut, bedeutet das immer an der eigenen Selbsterziehung zu arbeiten. Eindeutigkeit im Handeln, Intensität und Freude beim Tun können auf ein Kind viel motivierender wirken als unser Reden.

Nonverbale Erziehung heißt jedoch nicht, dass dem Kind keine Grenzen gesetzt werden. Hier wird leicht etwas missverstanden. Die Freiheit des Kindes wird nicht beschnitten, wenn wir ihm helfen seine oft noch chaotischen Willensimpulse zu ordnen. Es ist oft auch noch nicht in der Lage zu entscheiden, was es gerade braucht, und kann noch nicht abspüren, was eine Situation gerade erfordert. Hier braucht es unsere stützende und ordnende Hand. Es bedeutet mehr Freiheit für das Kind, wenn es sich nachahmend in Prozesse einschwingen darf, als wenn es seinen fordernden und manchmal verwirrenden Willensimpulsen hilflos ausgeliefert ist.

Das Lernen durch Nachahmung stellt somit hohe Anforderungen an die Erzieherpersönlichkeit. Wir wirken durch unser Sein und nicht durch das, was wir sagen - und vielleicht gar nicht wirklich meinen. Kinder beobachten genau, wie ein Erwachsener etwas tut. Ist sein Handeln sinnvoll oder lieblos, oberflächlich oder mit Engagement verbunden? Passen Reden und Tun zusammen oder nicht? Kinder erkennen an der Art und Weise, wie ein Mensch lebt, spricht und handelt viel von seiner seelisch-geistigen Grundstimmung.

Die Persönlichkeit des Erziehers ist gewissermaßen die bildende Umgebung des Kindes. Auch unsere Empfindungen, unsere Gedanken, unsere Moralität werden fein erspürt und beeinflussen das Kind, selbst wenn sie nicht ausgesprochen werden. „Nicht moralische Redensarten, nicht vernünftige Belehrungen wirken auf das Kind in der angegebenen Richtung, sondern dasjenige, was die Erwachsenen in seiner Umgebung sichtbar vor seinen Augen tun." (5)

 

Vertrauen schaffen, Sicherheit geben

Rudolf Steiner sah es als Aufgabe des Kindergartens an, die „Arbeiten des Lebens" in solchen Formen in das Kindergartengeschehen hineinzutragen, dass sich daran die Nachahmung der Kinder entzünden kann. Deswegen „bespielt" der Erzieher die Kinder nicht, sondern ist in tätige Prozesse eingebunden. Das sind Frühstücksvorbereitungen, das Herstellen und Reparieren von Spielzeugen, Nähen, Werken, Gärtnern und viele andere praktische Tätigkeiten. Die Arbeiten des Erwachsenen regen zum Mittun an oder geben - freilassend - Impulse für das Spiel der Kinder. Zudem ist der Kindergarten so gestaltet, dass er reich ausgestattet ist mit Anregungen und Erfahrungsmöglichkeiten praktischer Art. Er soll einladen zum Entdecken, zum Erforschen und zum Experimentieren.

Auch setzen wir das Prinzip des nachahmenden Lernens dadurch um, dass wir gute Gewohnheiten anlegen, Rituale und eine rhythmischen Tages-, Wochen und Jahresgestaltung schaffen, sowie in den Räumen und im Tagesgeschehen eine klare und überschaubare Ordnung einhalten. Gute Gewohnheiten und Rituale erübrigen vieles Reden. Es ist einfach selbstverständlich, dass vor dem Essen die Hände gewaschen werden, dass wir beten und erst dann anfangen zu essen, dass wir uns hinterher an den Händen fassen und für das Essen danken. Das ist jeden Tag immer gleich. Auch Übergänge im Tageslauf werden auf eine ganz bestimmte Art gestaltet, die immer wiederkehrt. Ein Beispiel: Zuerst räumt die Kindergärtnerin ihren Arbeitsplatz auf, dann wird der Stuhlkreis gestellt und es werden die Spielecken aufgeräumt. Nun gibt es ein Aufräumnüsschen und die Kleinen gehen schon auf die Toilette, während die Großen vielleicht noch den Kaufladen aufräumen und die Tische zur Seite stellen. Dann wickeln alle Kinder im Kreis die Schneckenbänder. Wenn die Schneckenbänder fertig sind, fängt der Morgenkreis an.

Die rhythmische Gestaltung des Tages, der Woche und des Jahres, ebenso die vielen Wiederholungen, geben den Kindern Sicherheit und Halt, wirken sogar außerordentlich wohltuend. Ein Tageslauf, der rhythmisch gegliedert ist und einer bestimmten Ordnung folgt, gibt dem Kind Lebensorientierung. Reigen, Geschichten, Lieder und Fingerspiele tauchen nicht nur einmal sporadisch auf, sondern werden über eine gewisse Zeit immer wieder aufgegriffen und vertieft. Eine rhythmische Zeitgestaltung fördert die seelische Ausgeglichenheit der Kinder und bringt innere Sammlung und Ruhe in eine Kindergartengruppe.

Nicht nur in den zeitlichen Abläufen halten wir Ordnung, sondern auch im Raum. So wird jeden Tag nach dem Spielen alles wieder an den gleichen Platz gestellt und sorgsam gepflegt. Auch diese Ordnung und Verlässlichkeit in der Umgebung gibt Sicherheit und Geborgenheit. Die Kindergärtnerin bereitet, wenn möglich, innerlich und äußerlich im Raum die nächste Situation schon vor. So können die Kinder sich besser in das Geschehen hineinfinden und sich einstimmen. Dieses Vorgreifen ist oft sehr hilfreich und erspart unnötiges Reden und Ermahnen.

 

Der Weg zur selbstbewussten Persönlichkeit

Seit einigen Jahrzehnten gibt es eine „Salutogenese"-Forschung, das heißt eine Wissenschaft von der „Entstehung und Entwicklung von Gesundheit". Im Hinblick auf eine gesunde und gesundende Erziehung des Kindes wurden von ihr drei wesentliche und grundlegende Bedingungen erarbeitet, die verdeutlichen, wie sich ein Kind zu einer starken Persönlichkeit entwickeln kann, auch unter biographisch schwierigen Voraussetzungen.

  • Das Kind braucht in den ersten Jahren tragfähige Primärbeziehungen, wenigstens zu einer Person. Es braucht verlässliche Menschen, die es bejahen. Man könnte auch sagen, es so lieben, wie es ist. Das Kind braucht nicht die elektronische Vernetzung mit der Welt, sondern die unmittelbare „Vernetzung" mit Bezugspersonen. Nur so kann Vertrauen entstehen.
  • Das Kind braucht ausreichend sensorische Grunderfahrungen, um ein Gefühl von „Kohärenz" entwickeln zu können. Kohärenz entsteht, wenn das Kind das sichere Gefühl hat mit der Welt verbunden zu sein. Wenn das Kind durch entsprechende Erfahrungen zu der unumstößlichen Gewissheit kommt, dass die Welt bei entsprechender Bemühung prinzipiell durchschaubar, handhabbar, gestaltbar ist und Sinn enthält, wird es Sicherheit entwickeln.
  • Das Kind muss erfahren, dass es lohnenswert ist, sich auf die Herausforderungen des Lebens einzulassen. Das kann es nur erleben, wenn es Menschen in seiner Umgebung gibt, die ihm durch ihr Verhalten vorleben, was es bedeutet, der Welt so gegenüberzutreten, dass man sich nicht von den Ereignissen erdrücken lässt, die auf einen zukommen, sondern sie zu ordnen und zu bewältigen weiß, sie bejaht und ihnen einen Sinn abringt. An der Bewältigung von Krisen kann es dabei seine Widerstands-kraft („Resilienz") entwickeln. -
  • Kinder brauchen somit keine perfekten Erzieher und auch keine perfekte Umgebung, aber sie brauchen unser Verstehen, unsere Wärme, unsere Authentizität und unser waches Interesse. Sie müssen Kinder sein dürfen, die nachahmend in die Welt hineinfinden, aus ihren ureigensten Impulsen heraus. Beziehungspflege ist heute wichtiger denn je. In einer Welt, in der es immer mehr um materielle Leistung und Profit geht und wo menschliche Beziehung zunehmend durch Technik ersetzt wird, ist der Hunger nach Verstandenwerden und nach wirklicher Begegnung groß. Dem wollen wir mit unserer Pädagogik Rechnung tragen. Heinrich Pestalozzi formulierte es schon vor 200 Jahren in einem lapidaren Satz: „Erziehung ist Beispiel und Liebe - sonst nichts!"

 

1 Hennig Köhler: Die schöpferischen Kräfte der Nachahmung, in: Von der Würde des Kindes, S. 73
2 Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft
3 Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes.
4 Michaela Glöckler: Elternsprechstunde. Kapitel über nonverbale Erziehung
5 Rudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes.

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