FREIHEIT will ERSPIELT sein

Ein Beitrag von Ursula Dotzler (Waldorfkindergarten Wien-Mauer)

Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblick seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist. Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt nicht darin, dass wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern dass er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen empfängt als ich.  (Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit")

Wenn wir wirklich aus der Ideenwelt schöpfen, dann gilt weiter „Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen."

Wie aber lernt der Mensch, sich selbst zu folgen, und wann ist er darin frei im Sinne seiner eigenen Entwicklung?
 

Erziehung zur Freiheit durch freies Spiel

Das frühkindliche Lernen entfaltet sich in einem ständigen Bezug zur Leiblichkeit: Das Kind schreibt sich die Welt in den Leib ein, bringt sie in sich zur Resonanz und findet zu dem ihm gemäßen Selbst- und Weltbezug und so zur Verbindung mit sich selbst. Zur Freiheit kommt nur, wer erst mit sich selbst verbunden ist.

Müssen wir das Kind dahingehend bilden? Oder bringt es vielmehr alle Fähigkeiten mit, sich selbst zu bilden? In der Zeit, in der sich das Kind seinen Leib als Instrument, als Wohnort „stimmt" und ihn sich unermüdlich in verschiedenen Phasen erarbeitet-vielmehr erspielt-, braucht es Entwicklungsräume zur Selbsteroberung, Anregung durch das menschliche Vorbild sowie „unfertiges" Material, weitgehend frei von vorgegebenen Funktionen, dessen Bestimmungen je nach Bedarf im Spiel wechseln können. Freies Spiel - das heißt Spiel ohne Vorgabe in Form und Inhalt - ist ein tragender Bestandteil des waldorfpädagogischen Alltags im Kindergarten.
 

Phasen des kindlichen Spiels

Das freie Spiel ist die dem Kind mögliche Äußerungsform, die sich in einer Abfolge von Entwicklungsstufen zeigt.
Am Anfang steht das Entdecken des eigenen Körpers. In der Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung ist das Kind ständig am Üben, und das mit bewundernswerter Ausdauer. Nichtgelingen wird akzeptiert, nach einer Pause neu probiert, bis die Aufrechte erreicht ist, die Hände zugreifen können, Auge und Hand koordiniert sind. Daraufhin werden die Gegenstände erobert, die dann im Weiteren zu Spielelementen werden. Die oft wiederholten verschiedenen Spielgesten sind dabei ein Ausdruck der Organentwicklung: Schütten, Weglaufen - Wiederkommen, Turmbauen, Zerstören, Sortieren - alles hat Sinn, Bezug und Wirkung auf die Organe.

Hat das Kind so den Umgang mit den Dingen ausreichend geübt, kann es mit zunehmender Sicherheit ins freie Spiel der Phantasie wechseln. Was (gegenständlich) vertraut ist, kann nun verwandelt werden. Die Umgebung wird so immer neu lebendig und immer neu „verdaut". Das Kind beginnt, in Rollen zu schlüpfen und so auch Gefühlsnuancen zu durchatmen. Das eigene Gefühl entfaltet sich, über die Nachahmung im Rollenspiel wird gelernt, „empathisch" damit umzugehen. Im letzten Kindergartenjahr tritt dann die eigene Vorstellung auf den Plan-Ideen kommen, Pläne werden gemacht, alle bekommen ihre Aufgabe -, oft nach einer Phase der „Langeweile", in der diese Fähigkeiten heranreifen können. Aus sich selbst heraus bewältigt das Kind dabei die Umkehr der vorangegangenen inneren Reihenfolge: Erst erwacht das Spiel an der Außenwelt - dann kann der Impuls aus dem erworbenen inneren Reichtum erwachsen. Der Weg über Handlung/Gefühl/Gedanke dreht sich um zu Gedanke/Gefühl/ Handlung. Ohne diese grundlegende Umkehr bleibt später ein Vorsatz oft in der Vorstellung, und der Gedanke führt nicht zur Handlung. Daher sollte dem Kind gerade für diese Entwicklungsphase vor dem Schuleintritt noch ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Denn hier klingt erstmals Verantwortung an.


Zutrauendes Verständnis

In der Zeit des freien Spiels ist der Erwachsene die verlässliche Bezugsperson für das Kind: der Mensch - der sich selbst laufend „vor ihm bildet" - ohne zielorientierte Erwartungen.

Wesentlich ist dabei das zutrauende Verständnis des Erwachsenen, das Kind selbst werden zu lassen, seinem ureigenen Interesse an der Welt Raum und Zeit zu geben und ihm dazu auch sinnhafte, durchschaubare und handhabbare Verrichtungen des täglichen Lebens zur Nachahmung anzubieten. Das kleine Kind ist ganz versunken im Willen, im Handeln -wozu im Vorschulalter auch die Neigung besteht. Der eigenständige Gestaltungswille wird dem Denkvermögen erst allmählich freier zur Verfügung stehen. Handeln aus innerer Motivation braucht ungestörte Entwicklungszeit, dann wird das eigene Motiv aufgenommen und nachhaltig umgesetzt. Ungestörtes Spiel als Kind forschend und staunend satt durch-leben zu können heißt, später aus den eigenen Idealen heraus handeln zu können. Das Kind darf im Spiel selbst so lange probieren und üben, bis es zufrieden ist und seine Selbstwirksamkeit frei erleben kann.
 

Selbstvertrauen durch Mitgestalten der Beziehung

Im Durchgang durch die Spielphasen übt das Kind auch das Zusammenleben, das Gestalten und Mitgestalten in der Beziehung zu anderen. Spielen ist ein Raum des Probehandelns im Sozialen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden mit dem ganzen Wesen unwillkürlich als Notwendigkeit des Miteinanders erfasst und gelebt.

Im Spiel der Kindheit gilt Freiheit als Ordnungsprinzip, und das Kind kommt über die Nachahmung in der Beziehung zu anderen Menschen zu sich selbst. „Frei wird man nur, wenn man zuerst als Kind möglichst intensiv Nachahmer war" (Rudolf Steiner).

Der Schutz der frühen Kindheit als Entwicklungsraum zur Freiheit ist heute zu einer alle Kräfte fordernden Aufgabe mit stetig wachsender Verantwortung geworden. Es geht hier um nichts weniger als eine gesundheitsfördernde Lebensgrundlage für den heranwachsenden Menschen: ihm zu ermöglichen, für seinen individuellen Weg das als Kind selbsttätig im Spiel erworbene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nachhaltig bis ins Leibliche zu verinnerlichen, damit er, „gut genährt, danken für alles lern' und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will" (Friedrich Hölderlin).
 

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