Die „Rolle" des kleinen Kindes

Ein Beitrag von Rahana Sonneck (Waldorfkindergarten Benefeld)

Kinder bzw. Schüler präsentieren sich häufig nach außen durch Darbie­tungen wie Monatsfeiern, Theateraufführungen o.a. Für das Kindergartenalter ist es jedoch noch gar nicht gewünscht, dass sich das kleine Kind nach außen darstellt. Es ist noch dabei, sich in sich selbst zu finden, seinen Leib aufzubauen und zu ergreifen und seinen Seelenraum zu entfalten. Es ist noch weit entfernt davon, sich selbst von außen betrachten zu können, oder sich kritisch zu hinterfragen, was so eine Darstellung beinhaltet. Aus diesem Grund wollen wir das Kind auch ganz in seinem Element, dem freien unreflektiertem Spiel, seine Umgebung nachahmend, belassen.

Weniger Publikum, eher Gäste
Wenn wir die Eltern einladen, um unser Krippen- oder Dreikönigsspiel anzuschauen, sind sie weniger Publikum, eher Gäste, die wir hereinlassen, wenn wir unser Spiel genauso spielen, wie jeden Tag - ohne Aufführungscharakter. Aber man merkt trotzdem, dass die Kinder das Spiel etwas verhaltener ausführen als gewohnt. Der Blick von außen befremdet.

Ein einziges Tuch
Die kleinen Kinder zeigen im täglichen Rollenspiel, dass sie jede Rolle ausfüllen können, wenn es von innen heraus entsteht. Ohne viel äußere Verwandlung werden sie zu Bauern, Elfen, Zwergen, Ritter, Prinzessinnen, Hexen, Hunde, Ärzte uvm. Ein einziges Tuch kann all diesen Rollen ihre Bedeutung geben: der Bauer schleppt einen Sack Kartoffeln (Tuch!), die Elfe nimmt das Tuch als Flügel und lässt es hinter sich her flattern, der Zwerg baut eine Höhle, der Ritter braucht einen Mantel, die Prinzessin einen Schleier, die Hexe ein Kopftuch, der Hund eine Platzdecke, der Arzt einen Verband etc. Es sind die Kinder selber, die das Tuch beleben und die Rolle aus ihrer Fantasie heraus ergreifen. Wird aber eine Rolle von außen an das Kind herangetragen und abverlangt, gerät die sprudelnde Schaffenskraft der Kinder schnell ins Stocken.

Faschingsfest
Dies ist z.B. beim Faschingsfest zu beobachten. Aufwendig genähte Kostüme werden oft von den Kindern nur mit Unbeha­gen getragen und nicht selten schnell ausgezogen, damit das Kind „besser spielen kann".

Wochen vorher stimmen wir die Kinder auf das Faschingsthe­ma (z.B. „Die Welt aus Eis und Schnee“) durch Raumgestaltung, Lieder und Spiele ein. Sie sollen innerlich eine Verbindung durch das gemeinsame Tun aufbauen können. Dann wird es für uns Erwachsene schwer, den Mut aufzubringen, den Kindern nicht unser Verständnis von Verkleidung liebevoll „aufzudrücken", sondern herauszufinden, was braucht das Kind eigentlich, um diese Rolle auszufüllen? Mein Kind möchte als Eisbär gehen? Braucht es ein Ganzkörperfell, riesige Pranken, eine Maske? Oder reicht ein weißes Tuch um die Schulter ge­bunden und ein schwarzer Punkt auf der Nase? Denn aus seinem Empfinden heraus ist das Kind schon längst ein Eisbär.

Das kleine Kind ist voll und ganz im Erleben und nicht in der Reflektion! Und das ist gut und gesund! Viel zu früh fördern wir alle, dass das kleine Kind sich ständig von außen betrachtet.

Handybilder
Jede Situation wird mit dem Handy fotografiert oder gefilmt und den Kleinen sofort gezeigt und kom­mentiert: Schau mal, das bist du, da machst du das, hier siehst du so aus etc. Damit holen wir die Kinder immer aus ihrem Eigenerleben heraus in eine Position, die nicht entwicklungsge­mäß ist, denn das Erlebte und das Foto sind nicht dasselbe! In der ständigen Selbstbespiegelung entwickelt sich vielleicht ein stark ichbezogenes Verhalten des Kindes, aber ein starkes Ich entwickelt sich nur aus der intensiv erlebten Verbindung mit der Welt (Kohärenz).

Somit wollen wir das kleine Kind nicht in die darstellende Posi­tion bringen durch öffentliche Auftritte o.a. Nur das gemeinsame Tun und Erleben ist dem kleinen Kind gerecht, und so sind auch unsere öffentlichen Darbietungen wie Basar, Aktionstage oder auch Sommerfeste angelegt.

Schulalter
Zum Schulalter hin ist das Kind nun körperlich so ausgereift, dass es sich „unabhängiger" erlebt und mehr und mehr in der Lage ist, auch ergebnisorientiert zu agie­ren, z.B. beim Schulkinderabschied ein kleines Puppen­spiel mit der Erzieherin vorzuführen, oder seine fertige Handarbeit mit der eines anderen Kindes zu vergleichen, ja sogar zu messen. Dieses erste Erkennen der reellen eigenen Fähigkeiten ist ein Element der Schulreife.

Wir freuen uns dann immer sehr „unsere" Kinder bei Darbietungen in der Schule wachsen und reifen zu sehen.

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