Action-Klassenfahrt nach Südfrankreich/Ardèche

mit KANU, KLETTERN, FLUßWANDERN, TREKKING, HÖHLEN, AUSFLUGSFAHRTEN...

Seit 1988 führt Freizeitaktiv, Werner Amann Klassenfahrten nach Südfrankreich in die Ardèche durch. Weit über 100 Schulklassen haben wir in dieser Zeit auf unserem eigenen Jugendzeltplatz empfangen dürfen. Ein großer Teil davon waren auch Lehrer mit ihren 8. Klassen von Waldorfschulen aus ganz Deutschland, welche sich bestimmt durch den wunderschönen Bericht von Rolf Krauss haben inspirieren lassen.

Viel Spaß beim Lesen und vielleicht ... bis bald ...
Gerne können Sie auch eine DVD anfordern.

Nähere Information unter:
www.freizeitaktiv.de
oder direkt bei
Werner Amann unter Tel. 0170/9177877

Hier finden Sie einen Link zu unserem Youtube-Kanal.

 

Meine Abschlussfahrt der Klasse 8b ins Ardéchetal

Ein Bericht von Rolf Krauss (Freie Waldorfschule Evinghausen)

Am Ende der Klassenlehrerzeit heißt es Abschied zu nehmen von der zentralen Führung durch eine Bezugsperson und sich vertrauensvoll auf veränderte Verhältnisse, neue Situationen und Persönlichkeiten einzustellen. Es war mir wichtig, dies in einer Umgebung zu tun, die die heranwachsenden Jugendlichen nicht nur durch ihre ureigene Schönheit inspiriert sondern sie auch unter kompetenter Anleitung dazu herausfordert ihre Fähigkeiten und Grenzen zu erweitern. Außerdem sollte die Fahrt diesmal zum „krönenden Abschluss" im Ausland und etwas weiter weg sein, vor allem aber länger als eine Woche dauern und ein möglichst breites Aktivitätenspektrum beinhalten.

Als mir - wie so oft in pädagogischen Fragen - scheinbar zufällig das Angebot von Freizeitaktiv im Lehrerzimmer um die Nase flatterte, witterte ich sofort die Chance, mein Vorhaben auch finanziell kostengünstig umzusetzen.(Vom letzten Jahr hatten wir zudem noch einen, durch verschiedene Aktionen erwirtschafteten, Überschuss in der Klassenkasse und so konnten wir davon nicht nur die Zugfahrt nach Saarbrücken bezahlen sondern sogar noch einige Elternhäuser unterstützen.) Ein kurzes Telefonat mit dem Veranstalter, der selbst ausgebildeter Sportlehrer ist und über jahrzehntelange Erfahrung mit geführten Gruppen verfügt, überzeugte mich schnell und im sympathischen saarbrückener Dialekt, dass nicht nur das Anbot insgesamt stimmte und sich nach unseren Bedürfnisse ausrichten ließ sondern dass auch die zwischenmenschliche Chemie stimmte. Damit war die Sache klar:

10 Tage mit An- und Abreise im Nachtbus von Saarbrücken aus. So fanden wir uns schließlich Anfang Juni, gleich nach Pfingsten, in einem Seitental der Ardéche, am Chassesac wieder. Dieser ist einer der wichtigsten Nebenflüsse der Ardéche.

Der intensive, ja durchdringende Geruch blühender Kastanienbäume, das schnarrende Zirpen der, für das ungeübte Auge stets unsichtbaren, Zikaden und die heiseren Rufe von Eichelhähern begrüßten uns bei der Ankunft auf dem Campingplatz „Le Vieux Moulin" in Casteljau.

Natürlich ging es nach der langen Anreise erst einmal ab an den Fluss und in die erfrischenden Fluten. Hier gab es schon gleich das erste Erstaunen über die von den Wassern des Flusses abenteuerlich ausgewaschenen Formen der Kalkfelsen und leise Anklänge an die so intensiv im Harz verbrachte Gesteinskundeepoche mögen wohl in der Seele so manchen Schülers wieder aus den Tiefen des Vergessens aufgestiegen sein. Im sogenannten Labyrinth machte das Schwimmen einen Heidenspaß, allerdings war es mit der Auflage verbunden, stets nur zu dritt an den Fluss zu gehen, da es durch das unregelmäßige Ablassen der oberen Stauseen durch die EDF zu raschem Ansteigen der Flut kommen kann. Schon gleich nach dem Frühstück und dem Zeltaufbau ging es zum Klettern an eine niedrige Uferwand des Chassesac. Ehe ich mich recht versah, fand ich mich an der Seite einer Schülerin wieder, die ebenso wenig wie ich wusste, wie und wo sie noch einen Fuß hinsetzen oder sich mit den Händen halten sollte. Freiwillig hätte ich mich wohl kaum jemals in eine solche „gefühlt missliche" Lage gebracht. Umso intensiver und in nachhaltiger Weise positiv ist mir wohl gerade deshalb diese Erfahrung geblieben, denn sie führt erstaunlicherweise zu einer absoluten Präsenz aller Sinne und zeigt, dass wir in der Lage sind ganz im Hier und Jetzt angstfrei zu handeln, sobald wir die Führung nicht mehr nur dem Kopf und seinen Konzepten alleine überlassen sondern „ aus dem Bauch" heraus handeln. Gerade für die eher ängstlichen Schüler war dies eine ganz wichtige Erfahrung.

Natürlich war die einzig wirkliche Gefahr dabei nur, sich ein paar nasse Füße zu holen, trotzdem reichte diese erste Lektion vollkommen, um etwas Wesentliches zu begreifen: Die Angst vor dem Fallen verschwindet durch das Vertrauen in sich selbst!

Während den nächsten Tagen boten sich beim Trecking, Klettern am Seil, beim Wandern und Kanufahren ausgiebig die Möglichkeit all dies in intensiven Gruppenprozessen zu erfahren und zu vertiefen.Eine Höhepunkt war zweifelsohne das Canyoning in Neoprenanzügen am Oberlauf des Chassesac auf 1200 m Höhe. Bei strahlendem Sonnenschein kletterten, sprangen und schwammen wir durch den Gebirgsbach hinauf zum sogenannten „Paradis". Von kleinen Wasserfällen gespeist macht dieser außergewöhnlich harmonische Ort durch die dort herrschende Schönheit, Reinheit und Stille seinem Namen alle Ehre.

Ich glaube, es gab keinen , der nicht von der besonderen Schwingung und Atmosphäre diese Ortes ergriffen wurde. Was gab es für die „wilden" Jungs und die „wilden" Mädels auf dem Weg des Perce -val, „Mitten durchs Tal", Schöneres als von den hohen Felsen hinab ins tiefe, kristallklare Wasser der natürlichen Schwimmbecken zu springen - so etwas hatte kein Schwimmbad bisher je zu bieten!

Unsere Wanderungen während der kommenden Tage führten uns bereits in unmittelbarer Nähe des Campingplatzes an wunderbare Orte, verwilderte Esskastanienhaine, die etwas Zauberisches und Feenhaftes ausstrahlten, voller Moose und Farne, wie man sie ansonsten in dem trockenen und heißen Klima nicht vermuten würde. Manche Stellen schienen gar direkt aus den Kulissen von „Herr der Ringe" zu stammen und man spürte förmlich das gnomelich Zwergige im Raum ... und tatsächlich in den alten abgestorbenen Kastanienstämmen blickten uns zahlreiche Fratzen und Gesichter. Da war es kein Zufall mehr, dass ich am Wegesrand ein Einhorn fand, oder doch..?

Auch hier wieder gab es Anklänge an die erlebten Geschichten und Theaterspiele der letzten Jahre, an Gedichte und Epochen, an mythische Erzählungen und handfeste Projekte. So gab es immer wieder Momente in denen Altes aufs Neue Anklang und weitergeführt wurde. Ein Besuch auf dem Wochenmarkt in Vaux stellte dazu einen farbigen Kontrast zu dem intensiven Naturerleben dar und machte den Schülern eindrucksvoll die mediterane Lebensweise und Kultur deutlich.

Für mich persönlich war neben dem „Paradis" natürlich die kilometerlange Wanderung durch die unterirdischen Höhlensysteme das Highlight, noch dazu da wir zuvor das Museum der Grotte de Chauvet besucht hatten. Die Ausstellung ist zwar recht dürftig, doch in der Filmvorführung ist auch für nicht französisch sprechende Schüler die Faszination und die Magie der Höhlenzeichnungen erlebbar. Diese spiegeln in einer unglaublichen Fülle von Zeichnungen wie eine Art Kulturdenkmal der Steinzeit sämtliche Mal- und Zeichenstile wieder, die wir teilweise erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben.

Hier ergeben sich pädagogisch zahlreiche Anknüpfungspunkte, die sich auch ohne Probleme in der Oberstufe weiterführen lassen. Ich ergriff die Gelegenheit und ließ nach der Rückkehr außer Pastellzeichnungen zu den Felsenbildern im abgedunkelten Klassenzimmer die Schülerinnen und Schüler mit Kreide den Abdruck ihrer Hände auf die Tafel oder auf große Papierrollenstreifen pressen. Vor allem auf der schwarzen Tafel bekam das Ganze eine fast magische Qualität des ureigensten , individuellen Ausdruckes der Persönlichkeit! Ecce Homo ... hier bin ich ... wahrhaft ein Mensch! Mit dem Eindruck dieses gemeinsam gestalteten Abdruckes verließen wir dann anschließend für immer unser altes Klassenzimmer.

Ich muss sagen, dass unsere Fahrt wohl von Anfang an unter einem guten Stern gestanden hat. Das fing schon an mit Selami unserem freundlichen Busfahrer aus dem Kosovo und der Tatsache, dass wir durch günstige Umstände einen besonders geräumigen Bus für die Nachtfahrt zur Verfügung hatten, was das Reisen im Schlaf- oder Halbschlafzustand wesentlich angenehmer gestaltete. Die Tatsache, dann vor Ort einen professionellen Koch die ganze Zeit über zur Verfügung zu haben, trug ebenfalls zum allgemeinen Wohlbefinden der Klasse bei. Die professionelle Kompetenz der Leiter, ihre Fähigkeit zu motivieren und die Leichtigkeit im Umgang mit den Schülern, die sich nicht nur bei den auflockernden Spielen sondern vor allem auch in etwas kritischeren Situationen zeigte, schuf schnell eine Atmosphäre des Vertrauens und der sozialen Nähe.

Es war für mich als scheidender Klassenlehrer besonders angenehm und erfreulich, zu erleben wie sowohl das gemeinsame an die Grenzen Gehen von Jugendlichen und Erwachsenen als auch die natürliche Autorität durch Sachkompetenz neue Beziehungen und Verhältnisse untereinander schuf und dadurch befreiend wirkte, was stets die Selbstständigkeit und das Verantwortungsgefühl fördert.

Die Klasse war im nachhinein einhellig der Ansicht, dass diese Fahrt für alle ein Höhepunkt war, eben der „krönende Abschluss" ihrer Klassenlehrerzeit.

In diesem Sinne kann ich nur zu einer solchen Reise ermutigen, die Abschluss und Neuanfang für alle werden kann.

Rolf Krauss