Eine Welle von Hospitationen

Ein Beitrag von Christina Singer (Freie Waldorfschule Freiburg St. Georgen)

Warum ist es wichtig, an Schulen eine Hospitationskultur anzulegen? Was für eine Bedeutung haben selbstverständliche und regelmäßige gegenseitige Besuche der Lehrenden untereinander?

Unterricht findet meistens hinter verschlossenen Klassenzimmertüren statt. Und er wird in der Regel von einer einzigen Lehrkraft gestaltet. Zwar arbeiten Lehrende mit ihren Kollegen in Konferenzen und Gremien zusammen, aber der Unterricht, das eigentliche Kerngeschäft, ist für die Kollegen nicht einsehbar.

Wer qualitativ hochwertige Arbeit leisten will, muss sich entwickeln (wollen). Wie aber wird Entwicklung angeregt? Wer in seinem eigenen Saft schwimmt, bewegt sich ständig in den gleichen, eingeschliffenen Mustern. In dem wir andere wahrnehmen oder selbst wahrgenommen werden, fangen wir an, uns in Beziehung zu setzen. Wir vergleichen, hinterfragen, positionieren und definieren uns. Je angstfreier wir dabei sind, desto offener sind wir für Neues und damit auch für die eigene Weiterentwicklung.

Hospitationen sind daher umso anregender und entwicklungsfördernder, je weniger sie mit Kontrolle und Festschreibungen zu tun haben. Denn das löst Ängste und Druck aus. Eine Hospitation, in der sich der Beobachtende auf seine Wahrnehmungen konzentriert und diese im Anschluss dem Unterrichtenden wertfrei zurückmeldet, kann für letztgenannten ein erkenntnisreicher Spiegel sein.

Niemand kann die Wirkungen seines Verhaltens exakt einschätzen, niemandes Selbstbild ist deckungsgleich mit dem Bild, das andere von ihm haben. Keine Beziehung funktioniert ohne Rückkoppelung. Deshalb sind Momente der Spiegelung so hilfreich.

Wie kann an Schulen eine Hospitationskultur angelegt werden? An unserer Schule gibt es immer wieder am Ende der Pädagogischen Gesamtkonferenz 5 Minuten Zeit, um sich für Hospitationen zu verabreden. Diese 5 Minuten in einem geschlossenen Raum sind sehr wirkungsvoll: es entsteht eine gemeinsame Energie, ein Netz aus sich verabredenden Kollegen über Fächer- und Stufengrenzen hinweg. Anschließend wird ein großformatiges Papier an die Tür des Konferenzraumes gehängt, auf dem in den folgenden Wochen jedes Tandem die stattgefundene Hospitation vermerkt. Das motiviert zusätzlich und veranschaulicht die Welle von Hospitationen, die durch das Kollegium geht.

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