Gebt nicht die eigenen Verletzungen weiter!

Ein Beitrag von Christian Wirz

In meinem Alltag nehme ich immer stärker wahr, wie tief wir alle in unseren eigenen Positionen und Blickwinkeln gefangen sind. Wie können wir dahin kommen, Erziehungs- oder Schulprobleme nicht mehr beim Kind zu sehen, dafür seine Perspektive und die Situation in einem größeren Zusammenhang?

Ich halte es oft kaum aus, wie mit Kindern umgegangen und gesprochen wird. Kaum verhält sich ein Kind nicht nach unseren Vorstellungen, sind sofort wir Erwachsenen die verletzten Kinder – aus unserer Machtposition sagen wir den Kindern den Kampf an und versuchen, unsere Vorstellungen mit Gewalt durchzusetzen. Ich möchte wütend dazwischenfahren, wenn Eltern ihre schreienden Dreijährigen durch die Gegend schleifen, Schulkinder bloßgestellt, aus dem Zimmer geworfen oder zum Abschreiben der Hausordnung verknurrt werden.

Das Schlimmste aber ist: Ich bin selber gar nicht besser. Auch bei mir treffen (meine) Kinder immer wieder zielgenau den Nerv, der mich in meine Not bringt, in der ich aus der Beziehung gerissen in einem inneren Kampf lande und Dinge sage und tue, die ich im Nachhinein daneben finde und bereue.

Auf diese Weise geben wir die Verletzungen und Nöte weiter, die wir selber einst als Kind erlebt haben. Auf diese Weise wird die Welt zum Kampfplatz, der sie ist, werden all die zerstörerischen Kräfte möglich, in zwischenmenschlichen Beziehungen wie auch allen globalen Konflikten. Denn lieber geben wir die eigene Verletzung weiter, als sie in uns drin zu fühlen. Lieber versuchen wir unsern inneren Mangel mit Konsum zu kompensieren, als ihn wahrzunehmen. Lieber sehen wir die Verursacher unserer Not in der Gegenwart als die Erkenntnis zuzulassen, dass die Gründe dafür in unserer Kindheit zu finden wären: Bei unseren Eltern, vielleicht auch mal bei den LehrerInnen oder andern Erwachsenen.

Wie können wir den Teufelskreis durchbrechen, damit wir den bitteren Kelch aus dem wir schon trinken mussten nicht einfach weitergeben? Von den eigenen Eltern abweichende Meinungen und Lebenskonzepte, neue pädagogische Ideen, freie, achtsame oder potenzialentfaltende Schulen oder Homeschooling helfen uns da nicht weiter - denn es zählt nicht die äußere Form.

Wesentlich ist einzig, wie weit wir es schaffen, was wir fühlen nicht mehr mit dem Außen der Gegenwart, sondern unserem tieferen Innern zu verbinden. Das führt uns durch unseren eigenen Schmerz, in die Beziehung zu uns selber. Dies ist die Voraussetzung, um mit unseren Mitmenschen und vor allem unseren Kindern in eine wirkliche Beziehung zu treten. Nur wenn dies gelingt nehme ich wahr, wie es dem Kind vor mir geht und kann ihm geben, was es braucht - denn dann bin ich frei und brauche nichts mehr von ihm. Je häufiger dies gelingt, umso eher schaffen wir es den Teufelskreis zu durchbrechen und etwas anderes weiterzugeben, als wir selber erlebt haben.

Leider kann dies mit keinem Tagesseminar vermittelt werden. Es bleibt unsere Lebensaufgabe, unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein dafür täglich weiter zu wecken und mehr und mehr in die Selbstverantwortung für unser Leben, und was wir weitergeben, hineinzuwachsen.

Christian Wirz

Entnommen dem Newsletter des Freien Pädagogischen Arbeitskreises FPA, Blümlimattweg 23, 3600 Thun, Tel: +41 (0)33 534 31 34, www.arbeitskreis.ch

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22.01.2019 | Christa Leitenberger | Großmutter
Vielen Dank!
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