Rattenfänger contra Schreihals

Ein Beitrag von Wolfgang Debus

Bekanntlich hat der Rattenfänger von Hameln mit seinem Flötenspiel nicht nur die Ratten sondern auch die Kinder von Hameln begeistert.

Ich habe nicht ausprobiert, ob Ratten tatsächlich mit einer Flöte zu locken sind. Bei Kindern habe ich noch nie eine Enttäuschung erlebt.

Als ich meine erste Klasse als Klassenlehrer übernahm, konnte ich meine Art von Musik erst einmal an der Garderobe abgeben (ich hatte gerade einige Jahre Folk in Hamburger Kneipen gespielt, meine dabei verwendeten Instrumente standen zu der Zeit bei "echten" Waldorflehrern nicht so hoch im Kurs). Jetzt war die Choroiflöte gefragt. Ein schönes Instrument, das auch im 32er-Pack noch gut zu ertragen ist.

Auf Ausflügen, die wir mindestens einmal im Monat machten - Stadtkinder wollen raus!, nahm ich Mundharmonika und Tinwhistle (irische Blechflöte) mit, weil bekanntlich nur wenige Volkslieder auf der pentatonischen Flöte zu spielen sind.
Die Kinder waren ganz begeistert von der irischen Blechflöte. (Weil sie so billig ist, wird sie auch Pennywhistle genannt.) Ich merkte, dass die Kinder zusammenströmten, sobald ich die ersten Töne spielte.

Von da ab habe ich zwanzig Jahre lang kein einziges Mal mehr gerufen oder geschrien, wenn ich meine Klasse auf Ausflügen versammeln wollte. Schon nach vier fünf Tönen kamen sie aus allen Richtungen angelaufen. Meine Lieblingsmelodie wurde zur Erkennungsmelodie.

Altersgemäß reagierten sie in der achten Klasse, als ich sie zur Klassenfahrt auf dem Kieler Bahnhof mit dieser Melodie empfing: die Bahnhofshalle wackelte von einem geballten Aufschrei: "Neiiiin..!"
Meine nächste Klasse war auf dem Land groß geworden und musste als 6.Klasse natürlich auch mal in die Großstadt Hamburg, viele zum ersten Mal. Hafengeburtstag. "Lauft nicht zu weit weg!" Nach 10 Minuten sah ich im Gedränge nur noch wenige meiner Schützlinge.

Ich war mir nicht mehr so sicher, ob alle den Weg zum vereinbarten Treffpunkt (für alle Fälle vereinbart) finden würden. Dank Tinwhistle dauerte es aber keine drei Minuten, bis meine Schäfchen alle wieder beeinander waren.

Die Idee darf ohne Genehmigung des Autors kopiert werden.
Und noch was: auch im Unterricht wird eine Klasse fast immer aus dem größten Towabohu zusammenfinden, sobald man eine Melodie anstimmt.

 

Kontakt:

Wolfgang Debus

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar