Tierkreisbilder im Jahreslauf

Eine stimmungsvolle Charakteristik der Tierkreisbilder aus: „Die Bildersprache des Tierkreises" von Frits H. Julius, J.CH. Mellinger Verlag 1991.

Die Aufeinanderfolge der Zeichen:

ein dramatisches Bild für die Sonne-Erde-Konstellation

„Während des ganzen Frühjahrs hebt sich die Sonne, in Übereinstim­mung mit ihrer Lichtnatur, aus der Tiefe empor. Wenn sie sich dann nach der Sonnenwende der Tiefe zuneigt, wird sie zum Krebs, der mit einer heftig rückwärtsdrängenden Bewegung sich aus der Weite seiner Umgebung zu­rückzieht und in einer engen Höhle verschwindet.

Aber noch ist ihre Macht nicht bezwungen. Nun wird sie erst zum Löwen: mit der ganzen Gewalt ihrer allerfeurigsten Lichtkraft greift sie tief in den lebendigen Erdenkörper ein. - Dann wird die Erdennatur zur Jungfrau, die in ihrem Schoße das Sonnenkind empfängt. Das wilde Kraft­gewühl kommt zur Ruhe. Die Atmosphäre wird sehr rein und durchsichtig, wenngleich sie auch oft versucht, die Dinge mit zarten Nebelschleiern zu umhüllen. - Nun sinkt die Sonne in allerschnellstem Tempo tiefer hinab, und nach der Tag-und-Nacht-Gleiche schlägt die Schale der Weltenwaage, auf der die Sonne nun ruht, hinab in die Tiefe. Doch schon bemüht sie sich um die Wiederherstellung des Gleichgewichtes: die Bewegung wird bereits wieder eingehalten und verzögert sich langsam.

Und wenn das auch so ist, und wenn auch die Hoffnung auf neues Licht und neues Leben nicht verloren ist, so muss doch zuvor noch etwas Schreck­liches geschehen. Das einst so strahlende Sonnenwesen wird mehr und mehr an die Erde gefesselt und all seiner lebenerweckenden Kräfte beraubt. Noch ist uns die Sonne der Lichtbringer, noch kann sie ein kleines Pflänzchen schwach wachsen lassen, wenn wir jedoch sehen, was sie verloren hat, dann erleben wir auch, wie mächtig die Todeskräfte sind, die sie umfangen. Gleich einem Skorpion kriecht sie weiter in die Tiefe und lässt sich vom Todesreich binden. Verglichen mit dem, was sie einst war, ist sie nun zu einem dürren und dürftigen Wesen geworden, wie es ja der Skorpion ist im Vergleich zu den anderen Tierkreiswesen.

So tief sie nun auch schon hinabgestiegen ist, noch immer tiefer versinkt sie in das Tal der Finsternis. Doch scheinbar wirkt dort eine gewaltige Spannung, die dieser Bewegung entgegenwirkt. Immer tiefer sinkt sie, wenn auch sehr verzögert. Größer und größer wird die Spannung, stärker ihr Widerstand gegen die Fesselung an die Unterwelt. Wie ein Kentaur ist sie nun, ein höheres Wesen gebunden an ein niederes, das diese Tragik ganz durchlebt und sich dieser Bindung mit Gewalt widersetzt.

Endlich dort, wo der letzte Absturz in den unermesslichen Abgrund der Weltentiefen droht, beginnt ihr Aufstieg doch wieder von neuem. Dann gleicht sie dem Steinbock. Ihr ganzes Sein wird zum Kampf gegen die herabziehenden Erdenkräfte. In der heftigsten Spannung mit ihrer Umgebung, findet sie ihr Eigenwesen wieder und sucht mit unbezähmbarer Kraft ihr eigentliches Gebiet in der Höhe.

Doch bald spricht der Tierkreis nicht mehr von Spannung und Kampf. Beim Wassermann-Bild, der edlen Männergestalt mit dem ausfließenden Wasserkrug, müssen wir uns eine erhabene Ruhe denken. Unter den Erden­wesen ist es nur der Mensch, der aus der tiefsten Tragik die höchsten Kräfte zu schöpfen weiß. Die Sonne tief im Winter hat etwas, was vor allem dem Menschen eigen ist: schon inmitten von Finsternis und Kälte beginnt sie der Erde neues Leben zu entlocken, so wie der Mensch dem tiefsten Schmerz höchsten Segen abzuringen weiß.

Immer stärker weckt sie nun die Lebenskräfte. Zwar ist sie noch größ­tenteils an die dunkle Tiefe gebunden, doch jeden Tag schon steigt sie höher und zeigt sich länger im Lichtreich. Und just in dieser Zeit geht ihr Anstieg am allerschnellsten vor sich. Es ist, als nähme die Sonne nun einen Anlauf für den mächtigen leuchtenden Bogen, den sie im Sommer über dem Reiche der Finsternis ausführen wird. Wie ein Fisch ist sie jetzt, der eigentlich noch unter die Oberfläche gehört, aber in einem blinkenden Bogen doch immer wieder darüber hinausspringt. Und wie ein Fisch rundum im Wasser ruht, dem lebenweckenden Element, so sind alle Knospen und Keime innerlich von strömender Lebenskraft umspült, während sie äußer­lich gesehen gerade sich zu öffnen beginnen, um sich ins Licht hinein zu entfalten.

Während der Tag- und Nachtgleiche hat die Sonne schon die Über­windung der Tiefe vollzogen, sie erhebt sich nun immer höher mit un­widerstehlicher Kraft. Von Tag zu Tag jagt sie die Finsternis weiter zu­rück. Wie ein Widder, der mit heftigen Stößen seinen Gegner zurückdrängt und seinen eigenen Willen durchsetzt, tritt nun ihre Lichtnatur unbarm­herzig in Erscheinung. Die gesamte Natur folgt ihrem Vorbild. Überall begegnen wir der großen Entfaltung im Lichtreich, dem großen Durchbruch durch die starren Bindungen.

Immer höher steigt die Sonne, wenn auch nun schon etwas ruhiger. Ihr Licht eint sich noch nicht der mordenden Hitze, wie es das in der Löwe-Zeit tut, doch nun erreicht es den Höhepunkt seiner lebenerweckenden Kraft. Niemals ist das Leben so produktiv, nie der Aufbau so stark wie in dieser Zeit. Was das Rind ist unter den Tieren, ein Wesen, das mehr als die anderen inmitten blühender, sprossender Lebenskräfte lebt und ganz und gar erfüllt ist von stärksten Stoffwechselvorgängen und produktiver Kraft, das ist die Sonne jetzt im Vergleich zu ihrem Sein während der an­deren Jahreszeiten.

Wie hoch sie auch schon gestiegen ist, sie steigt doch immer noch weiter. Nun kommt die ganze Schönheit ihrer zarten Lichtnatur zu voller Geltung. Mit herrlichen Bögen umschwebt sie jetzt die Erdoberfläche. Nur noch wenig taucht sie hinab in die dunkle Tiefe. Alles, was finster und schwer ist, lässt sie hinter sich, und fast droht sie in der Höhe zu entschweben. Wie in keiner anderen Zeit ist die Erdenoberfläche zu einem wunderbaren Sonnenspiegel geworden. Nirgends sonst findet man so viel Glanz und Farbe, so viele herrlich aufsprießende Pflanzen, so viel Vogeljubel, solch einen Reichtum an Blumen und Faltern. Die ganze Natur wird zu einem luftigen Spiel, als wären Sonne und Erde zwei fröhliche Kinder. Das ist die Zwillings-Zeit, wo die große Polarität von Licht und Schwere äußerlich sichtbar wird in der Gegenüberstellung von Sonne und Erde, so wie sie in der Schütze-Zeit zu den heftigsten verborgenen Spannungen führte. Im Bild erscheinen Sonne und Erde als die Zwillinge.

Wie die starken Kräfte, die die Sonne im tiefen Winter zur Umkehr be­wegen, nur durch die Kletterfähigkeit des Steinbocks symbolisiert werden konnten, so können wir nun erst ganz verstehen, dass im Gegensatz dazu nur ein Tier, das so fest und so der Erde verbunden ist wie der Krebs, eine Vorstellung vermitteln kann von dem gewaltigen Übergang zur Sommer­sonnenwende. Die Sonne beginnt im Zeichen des Krebses wieder ihre eigene Lichtnatur zu verleugnen und lässt sich fesseln von den quälenden Banden der Schwere.

Auf diese Weise haben wir mehr oder weniger flüchtig die aufeinander folgenden Konstellationen, die sich im Jahresverlauf ergeben, dargestellt. Obwohl die Sonnenbewegung als solche gleitende Übergänge vollzieht, ist die Aufeinanderfolge dieser Bilder doch reichlich dramatisch. Und tatsäch­lich, wenn man die aufeinander folgenden Konstellationen, die durch die Bilder angedeutet werden, sorgfältig genug charakterisiert, dann sieht man, dass sie von überraschender Verschiedenheit sind."

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