Offene Werkstatt IN klasse 10

Ein Beitrag von Jürgen Bauer (Kunstlehrer an der Tübinger Freien Waldorfschule)

Es ist Mittwoch, nach sechs Stunden theoretischem Unterricht am Morgen treffen um 13.45 Uhr die Schüler der 10. Klassen in den Malwerkstätten ein. Erstaunlich ist, dass kaum einer trotz anstrengendem Vormittag meckert, denn sie wissen, der Unterricht endet erst um 16.45 Uhr, ein langer Tag!

Selbstständig und zielgerichtet bereitet jeder seinen Arbeitsplatz vor. Zwei Schüler montieren ihre Siebe am Tisch, damit sie die zweite Farbe ihres Portraits drucken können. Drei sind im Computerraum und bearbeiten ihre zuvor gemachten Fotos, die anschließend ebenfalls gedruckt werden. Andere richten sich ihre Staffeleien und Farben her, um an ihren Werken weiter zu malen. Es werden Leinwände aufgezogen, Graffitis gesprüht - ein reges und arbeitsames Treiben belebt die vorbildlichen Ateliers im Glasbau. Der Lehrer ist mehr Gesprächspartner und weniger didaktischer Lehrmeister, er ist hauptsächlich künstlerischer Berater, der auf die individuellen Schülerpersönlichkeiten und deren unterschiedliche, selbst entworfene Aufgaben und Ideen eingeht.

„Pflichtübungen Landschaftsmalerei" 

Zuvor mussten aber alle Schüler dieselben „Pflichtübungen" absolvieren. Hierbei gestalteten sie nach strengen formalen Kriterien und einer Werkvorgabe eines Künstlers aus der „Klassischen Moderne", farbige Kompositionsskizzen. Diese fördern einerseits ein freieres künstlerisches Gespür hinsichtlich einer fein differenzierten Farbgebung, andererseits erkennen die Schüler an den vorgegebenen Kunstwerken und der Aufgabenstellung klare objektive Kompositionskriterien.

Anschließend an diese Übungen entwickelt jeder Schüler, unter Absprache des Lehrers, eigene Aufgaben. Diese bewegen sich im Bereich der Zeichnung, Collage, Malerei, Drucktechnik, Fotografie oder deren Mischformen. Hierbei werden nach und nach eigenständige Arbeitsweisen entwickelt, so dass am Ende neben der „Pflichtübung" Werke entstehen, die mehr den individuellen Neigungen jedes einzelnen Schülers entsprechen, aber trotzdem nicht der bloßen Beliebigkeit verfallen.

Zugegeben, diese Ideen und deren Umsetzungen sind nicht ohne Probleme. Sie liegen aber weniger, wie oft vermutet, in der mangelnden Motivation der Schüler oder der langen Arbeitszeit. An manchen Tagen allerdings ist diese Länge, wie man im Schülerbericht liest, doch anstrengender als vom Lehrer oft vermutet.

Deutlich schwieriger ist allerdings die Umstellung von einer eher lehrerzentrierten Vorphase zu der individuellen Findungsphase.

Nicht wegen mangelnder Ideen bei der eigenen Aufgabenfindung, hierbei überzeugen die Schüler generell, sondern eher wegen der notwendigen Einführungen in die verschiedenen technischen Möglichkeiten. Hierbei entstehen die meisten Fragen, diese können aber nicht gleichzeitig vom Lehrer beantwortet werden. Gerade in so einer Situation müssen die Schüler selbst ausprobieren, Erfahrungen sammeln, Fehler machen dürfen und nicht nur geduldig auf den Lehrer warten, der vielleicht die Lösung schneller bietet.

Außerdem kann hierbei jeder Schüler seine Situation als Lernender erweitern, indem er seine schon gemachten Erfahrungen und Kenntnisse seinen Mitschülern weitergibt, berät und so den Lehrer unterstützt. Gegenseitiges Lernen wird in dieser Phase des Arbeitsprozesses immer wichtiger, entlastet den Lehrer und fordert die Schüler zu eigenständigen Arbeitsweisen.

Inzwischen ist es 16.30 Uhr, die Zeit verging wie im Flug. Der Ordnungsdienst beginnt mit dem Putzen, vier Schülerinnen wollen aber noch eine halbe Stunde weiterarbeiten - kein Problem, der Lehrer ist bereits verschwunden, er muss in eine Besprechung.

Als er um 18.15 in die Werkstatt zurückkehrt, stehen drei dieser Schülerinnen immer noch an der Staffelei und malen! Sie sagten, sie hätten die Zeit ganz vergessen!

Zugegeben dies sind Einzelfälle, trotzdem werden solche Fälle durch diese vielfältigen Möglichkeiten der vorbildlichen Ateliers mehr und mehr gefördert.

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