Ein Wandgestaltungsprojekt - Graffity und Malerei

Ein Beitrag von Hermann Dölger (Kunstlehrer an der Freien Waldorfschule Wetterau)

Im Frühjahr 2010 erreichte die Schule eine Anfrage für eine große Gestaltungsaufgabe: die Bahnhofsunterführung in Bad Nauheim konnte auf zwei mal 25 m Länge und am Treppenaufgang in Richtung unserer Schule farbig gestaltet werden. Geradezu wie bestellt passte dazu die Anfrage einiger Schüler der achten und elften Klasse, an der Schule ein Graffity Gestaltungsprojekt zu organisieren.

Da sich etwa 250 qm nicht ohne Vorplanung interessant gestalten lassen, trafen wir uns einige Male, um ein Konzept für das Projekt zu besprechen. Daraus ergab sich die Idee, in Gestalt und Farbe sehr verschiedene, aber thematisch zusammenhängende Graffity Felder mit Malerei zu kombinieren und so eine vielfältige Gliederung und Beziehung der beiden Techniken zu erzeugen.

Wir wollten die Malerei mit dem Ort optisch verbinden, indem wir die Passage mit perspektivischen Raumdarstellungen verlängern und passend Passanten hineinsetzen wollten. Die Graffity sollten die großen Flächen mit Graffity typischen Motiven füllen, die sich in ihrer Abfolge reizvoll ergänzen und darüber hinaus thematisch „Elementares" ausdrücken sollten. Wir fanden Motive wie Fels, Wind, Wurzel oder Wasser. Solche Themen sind eine Herausforderung für einen Graffity Sprayer, da normalerweise die Schriftzug Entwürfe der Sprayer freie Formerfindungen ohne solch konkrete Bezüge sind. Da mussten die Schüler über einen Graben springen, ihre Formvorlieben („styles") hintanstellen und um des Ganzen willen neu denken und entwerfen. Sie haben sich diesem aber geöffnet - und dies offensichtlich mit großem Erfolg.

Waren die Spraybilder eine schnelle, großzügig die Flächen deckende Arbeit (die auch sehr geruchsintensiv in die nähere Umgebung wirkte), so ging es beim Malen eher kleinteilig und langwierig zu. In mehreren Schritten wurden Positionen und Proportionen bestimmt und Farbauftrag und Farbmischungen erprobt, mehrfaches Überarbeiten und Nuancieren brauchte es bis zum angenähert stimmigen Ergebnis. Die Figuren Motive wurden aus Zeitschriften oder von privaten Fotos entnommen und später auch nach Menschen, die wir vor Ort fotografierten, gestaltet. Mit den illusionistischen Räumen konnten wir eine Weitung und Aufhellung der Unterführung suggerieren, die man schon beim Eintritt in die Bahnhofshalle erleben kann.

Zum Redaktionsschluss dieser Zeilen dauert das Gestaltungsprojekt noch an, da wir nur an wenigen gesetzten Terminen extra arbeiten können - bedingt durch die Stundenpläne der Teilnehmer. Die Wirkung lässt sich aber schon erleben und stimmt uns zuversichtlich, den Bahnhof durch unsere Gestaltung bereichert zu haben. Jetzt wünschen wir uns eine gediegen lange Lebensdauer unserer Arbeit.

Hermann Dölger

 

Über Graffity

Graffity ist nicht nur eine schnelle, effektive Malweise, sondern in hohem Maße eine Szene Kultur mit eigenen Chiffren und einem differenzierten Kodex, gestalterisch, sozial, moralisch, kulturell. Graffity kann man leben, man kann in ihm versinken, auch versumpfen.

Graffity kann Sachbeschädigung sein aber auch effektives Mittel zur Veränderung der Umwelt.

Graffity entstammt historisch einer subkulturellen Bewegung, die im illegalen Untergrund amerikanischer Städte entstand. Mit nächtlichen Sprühaktionen an Orten, die in der Öffentlichkeit sichtbar wurden, wie U-Bahnen oder Straßenbrücken überraschten die Graffity Künstler die Öffentlichkeit. Damit stellten sie wirkungsvoll der funktionalen, anonymen und unpersönlichen Gestalt der Städte einen Gegenentwurf gegenüber. Besonders wichtig ist dabei der individuelle Stil des Sprayers. Und: Indem er sein eigenes „Logo" in die Öffentlichkeit stellt, tritt er aus der Masse heraus und stellt sein „Ich" dieser entgegen. Das kann Züge von „Ich Kult" haben - auch bekannt aus der stilverwandten Musikszene der Rapper.

Graffity haben sich inzwischen auch selbst etabliert und breite Anerkennung gefunden. Das war schon an den überwiegend positiven Äußerungen von Passanten erkennbar. Heute fehlt dem Graffity die soziale Sprengkraft, es kann nur in wenigen Fällen von besonderer Geschmacklosigkeit oder Deplaziertheit Ärgernis erregen.
Auf viele Jugendliche übt Graffity auch wegen der oben genannten Aspekte große Anziehung aus. Es demonstriert der Umwelt eine kritische und eigenständige Haltung.

Graffity Künstler untereinander haben Regeln für den respektvollen Umgang untereinander und mit den Werken des anderen. Hierin zeigt sich der zutiefst idealistische Charakter dieser Bewegung.

Graffity ist ebenso nicht nur eine Farbauftrags-Technik, sondern eine gestalterische Disziplin, vergleichbar den -Ismen der klassischen Moderne. Diese besitzt ihre eigenen Regeln, und auch definierte Grenzen. Durch ihre Regelhaftigkeit entstehen Qualitätskriterien und eine klare Abgrenzung zu allen anderen künstlerischen Richtungen und Ismen. Immer ist der Ausgangspunkt einer Gestaltung ein Schriftzug, der durch Verformung und Stilisierung dargestellt wird - häufig bis an die Grenzen der Lesbarkeit heran. Es gibt eine Insider Nomenklatur - besondere Bezeichnungen für die einzelnen Gestaltungselemente und Techniken, wie „Outline", „Filling", „Fading" etc. Graffity ist eine Technik, die großzügiges, geschwindes Agieren, also auch Geistesgegenwart erfordert. Es ist kontrolliertes gestisches Malen aus dem ganzen Arm und wirkt am besten auf großen Flächen.

Der Sprayer wie jeder Künstler begibt sich auf einen Weg intensiver Übung, um im Rahmen seiner Disziplin hohe Qualität zu erreichen. Es gibt das Arbeitsfeld der Kreativität im Entwurf und die Qualität der handwerklichen Ausführung. Das Ansehen von Graffity in der Jugendkultur schafft großen Anreiz, sich mit fantasievollen Gestaltungen zu präsentieren.

Besonders Jungen begeben sich in dieses Feld, wenn auch Mädchen in der Szene vorkommen. In unserem Fall war es ein eindeutiges Bild, dass nur Jungen Graffity und nur Mädchen Malerei betrieben.

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