Der menschliche Körper im Kunstunterricht

Ein Beitrag von Jörg Frenzel (Freie Waldorfschule Kaltenkirchen)

Jeder, der schon einmal versucht hat, den menschlichen Körper im Stillstand und in der Aktion halbwegs lebendig und glaubhaft zu zeichnen, kennt das Problem. Meistens sieht es sehr unbeholfen und irgendwie „falsch“ aus. Die Darstellung des Menschen gehört sicherlich zu den spannendsten Themen im Kunstunterricht, ja vielleicht in der Kunst überhaupt. Wer kennt nicht die berühmte Proportionsstudie von Leonardo da Vinci, heute zumeist auf Krankenkassenkarten zu finden. In dem Buch „Über die Heilige Proportion“, zu dem Leonardo die illustrierenden Zeichnungen beisteuerte, geht der Mathematiker und Kunsttheoretiker Luca Pacioli um 1500 dem Zusammenhang menschlicher Proportionen und mathematischen Gesetzen wie dem Goldenen Schnitt auf den Grund. Ein Thema für sich, ungemein spannend wie ich finde, das aber hier den Rahmen sprengen würde. Immer schon hat der Mensch die eigene Existenz hinterfragt, ist er doch das einzige Wesen, das seinen Körper wie von außen betrachten kann. Daran schließt sich natürlich unmittelbar die Frage an: Wer (und wo) ist es denn, der da beobachtet? Nun, den Schülern scheint es ähnlich zu gehen. Mit dem Beginn der Pubertät tritt der eigene Körper und die Beziehung zu ihm in eine ganz neue Dimension. Die kindliche Einheit und Spontanität erfahren einen Bruch. Der junge Mensch beobachtet seinen Körper, ist oft unzufrieden mit ihm, fühlt sich zuweilen „wie im falschen Körper“. So erklärt sich das Interesse der Schüler für seine Darstellung, die natürlich ein grundlegendes Verständnis seines Aufbaus und seiner Bewegungsfunktionen voraussetzt.

Ich habe die folgende Methodik zunächst in der 12. Klasse mit Erfolg angewendet und später auch in der 9. Klasse. Die Beschäftigung mit den Proportionen des eigenen Körpers übte auf alle Schüler eine mehr oder weniger große Faszination aus.

 

Die Unterrichtsschritte

I. Die tatsächlichen Proportionen des Körpers

Dazu stelle ich kleine Schülergruppen zusammen (je 2 Schülerinnen, 2 Schüler, wenn möglich).

Sie bekommen die Aufgabe, mit einem Zollstock anhand einer Tabelle (s. Anhang) bestimmte Längen (Gesamtkörperlänge, Arm – und Beinlänge, größte Breite, Abstand Nabel/Fußsohle im Vergleich Nabel / Scheitel, Länge des Kopfes in Relation zur Gesamtkörperlänge usw.) genau auszumessen und die Werte in die Tabelle einzutragen. Das geschieht einmal bei einem Schüler und einmal bei einer Schülerin. Das wird schon eine halbe

Stunde dauern. Im Anschluss werden die Ergebnisse gesammelt und ausgewertet. Das kann schon eine Unterrichtseinheit von einer Doppelstunde füllen. Je mehr Beispiele, so überzeugender lassen sich die Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Die SchülerInnen lernen anhand der Ergebnisse den eigenen Körper als ein Zusammenspiel einzelner in sich unveränderlicher Komponenten kennen, die durch Gelenke beweglich mit einander verbunden sind. Hier kann man schon erstaunliche Entdeckungen machen. Die Kopflänge fungiert wie ein Modul für den ganzen Körper. Sie passt zwischen etwa 7- bis 8-mal in die GKL. (Gesamtkörperlänge).

Das lässt sich gut in den Kunstgeschichtsunterricht der 9. Klasse integrieren, wenn es um die ägyptische oder griechische Plastik geht! Viele Teile des Körpers verhalten sich im Zahlenverhältnis des Goldenen Schnittes, also etwa 1:1,6 (Beispiel: Abstand Nabel / Fußsohle zu Abstand Nabel / Scheitel) Das ist bei Jungen und Mädchen gleich. Die Körpermitte wird durch das Schambein gebildet, das man als Teil des Beckens bei sich ertasten kann. Auf gleicher Höhe befindet sich auch der sogenannte Rollhügel, also die Stelle, wo der Oberschenkelknochen an der Hüfte spürbar ist. Die breiteste Stelle ist bei Jungen oder Männern der Schultergürtel, bei Mädchen / Frauen der Beckengürtel. Ansonsten gleichen sich die Proportionen in erstaunlicher Weise.

 

II. Erstellen eines Diagramms des menschlichen Körpers

Aus den gesammelten Messergebnissen sollen die Schüler nun ein Diagramm entwickeln. Dazu wird zunächst ein senkrecht stehendes Rechteck aus größter Körperbreite und GKL mit dem Lineal gezeichnet. Dieses wird in 8 gleiche Teile geteilt, die Kopflängen. In diese Tabelle sollen die Schüler mit locker gezeichneten Ovalen Kopf, Schultergürtel, Brustkorb, Bauchregion, Beckengürtel, Ober- und Unterarme, Ober- und Unterschenkel eintragen. Die Überschneidungen bilden die Gelenke. Umfasse ich die so entstehende Figur, entsteht wie von selbst eine spannungsreiche, realistisch anmutende Gestalt des Menschen, ganz anders als bei einer Figur, der die beschriebenen Überlegungen nicht vorausgegangen sind.
 


Ich kann die Proportionen auch grotesk verzerren. Sie bleiben trotzdem in sich stimmig!

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