Farbqualitäten erleben

In den ersten beiden Schuljahren bekommen die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, die Qualitäten der Primär- und Sekundärfarben tätig und spielerisch zu erleben. Dieses Erlebnis ist, neben der Freude am Malen, vor allem ein innerer Wahrnehmungsprozess. Wie wirkt rot im Vergleich zu gelb und blau? Was strahlt das Goldgelb aus, was das Zitronengelb? Welchen Charakter haben die Farben (bestimmend, ruhig, strahlend…)? Welche Farben wirken warm, welche sind eher kühl? Je nachdem, wie die Farben aufgetragen werden, kann ein Rot wild, wütend, stark, mutig usw. sein. Ein Gelb hingegen kann vorwitzig, fröhlich, neugierig usw. sein. Ein Blau wirkt möglicherweise umhüllend, traurig, sanft…

Um sich auf die Qualitäten der Farben zu konzentrieren, wird ungegenständlich gemalt. Das Thema des Bildes wird deshalb in Farbgeschichten angegeben. Dabei geht es um den Gestus, um die Absicht, mit der die Farben auftreten und sich miteinander in Beziehung setzen: „Ein kleines, mutiges (Karmin-) Rot setzt sich mitten aufs Blatt. Nun kommt das (Preußisch-) Blau von den Rändern des Blattes dazu. Das Rot tritt dem Blau entgegen und wird größer. Das Blau bildet freundlich einen Mantel um das Rot.“ Oder: „Das Sonnengelb strahlt kräftig am unteren Blattrand. Nun steigt es auf und wird dabei immer leichter und heller, bis man es am oberen Blattrand kaum noch sehen kann.“

Auch Farbmischungen dürfen entstehen: „Das (Preußisch-) Blau ruht dunkel und schwer unten. Oben strahlt hell das (Zitronen-) Gelb. Da werden sie neugierig aufeinander. Das Blau beginnt nach oben zu steigen, das Gelb senkt sich nach unten. Sie begegnen sich und lassen gemeinsam eine neue Farbe entstehen.“ (Zahlreiche Anregungen und Hintergrundgedanken zu Farbqualitäten, -begegnungen und -mischungen sowie zu Kompositionen mit großen und kleinen Figuren finden sich bei Thomas Wildgruber „Malen und Zeichnen 1.-8. Schuljahr“, Verlag Freies Geistesleben.)

Die Bilder werden so unterschiedlich sein, wie die Malenden es sind. Dennoch wird bei der gemeinsamen Betrachtung der Bilder die Aufgabenstellung erinnert: Wo ist das Rot besonders mutig geworden? Wie geht es dem Blau, wenn es seinen Mantel um das Rot legt? Auch technische Aspekte können angesprochen werden: Auf welchem Bild mischen sich die Farben so, wie wir es in der Farbgeschichte gehört haben? Wo ist zu viel Wasser verwendet worden, so dass die Farben einem davonlaufen? So kann jedes Bild nach klar verständlichen Kriterien betrachtet und wertgeschätzt werden.

Der Lehrer kann beim Aquarellmalen viel über die seelische Gestimmtheit und Beweglichkeit seiner Schülerinnen und Schüler erfahren und diese wiederum durch stimmige Farbgeschichten, lebendiges Malen und wertschätzendes Betrachten pflegen. 

Kommentar
16.10.2018 | Thomas Wildgruber | Ex-Waldorfklassenlehrer
Liebe Nutzer des Waldorf-Ideen-Pool, ich freue mich über diese Darstellung des Malens in der Grundstufe. Seit dem ersten Erscheinen des Buches in deutscher Sprache arbeiten Pädagogen mit den verschiedenen Ausgaben im englischen, spanischen und chinesischen Sprachraum mit den empfohlenen malerischen Mitteln. Es fehlt weltweit an einer menschenkundlich und kunstdidaktisch fundierten Ausbildung. Das erlebe ich vor allem in Mittel- und Südamerika, wo ich seit sieben Jahren mit sehr interessierten und auch dankbaren Lehrern in verschiedenen Schularten und in sozialen Projekten Kenntnisse und Können in der Kunstdidaktik erarbeite. Die sozialen und politischen Verhältnisse in diesen Ländern sind oft zum Verzweifeln. Eine menschenkundlich fundierte Schulausbildung und mit den Künsten entwickelten schöpferische Fähigkeiten aber lassen hoffen. Herzliche Grüße aus Guatemala Thomas Wildgruber
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