Verfremdung und Aufmerksamkeit

Ein Beitrag von Jörg Frenzel (Freie Waldorfschule Kaltenkirchen)

Ein Rückblick auf die Kunstepoche der 12. Klasse

Um der Wahrheit die Ehre zu geben - die Idee wurde aus einem Frust-Erlebnis geboren: Es war im Herbst letzten Jahres, als ich wie jeden Donnerstag zwischen 19.30 und 20.00 aus einer vierstündigen Konferenz auf den Flur trat. Natürlich drängte es mich nach einem langen Schultag hinaus aus diesem Gebäude und nach Hause, doch irgendwie verharrte ich und sann über mich und meine Umgebung nach. Was mir da entgegentrat, spiegelte exakt meinen inneren Zustand wider. Ich sah auf abgestoßene, dreckige Wände, auf verschmierte und teilweise zerstörte Schülerarbeiten, an denen sich unverständige Geister vergangen hatten, auf dem Boden verstreut. Müll und Dreck um mich herum, Pinnwände mit veralteten, zerfledderten Mitteilungen -  ein Geruch von Achtlosigkeit, von Nachlässigkeit, von Nicht – Wahrnehmen – kurz – von Alltag schlug mir da entgegen. Ich fragte mich allen Ernstes, ob die ausgestellten Arbeiten der Schüler überhaupt noch von irgend jemand zur Kenntnis genommen wurden – es sei denn mit zerstörerischen Absichten. Irgendwie müsste man die Dinge wieder ins Bewusstsein rücken, dachte ich mir, und was war da naheliegender, als sie verschwinden zu lassen! Zunächst wollte ich nur eine der Figuren im Eingang „verpacken“ doch dann bekam ich plötzlich Spaß an der Sache. Wenn schon - denn schon! Nach etwa 2 ½ Stunden schweißtreibender Arbeit war alles unter geduldigem Nesselstoff verschwunden, was nicht unmittelbar praktischen Zwecken dient, sondern um seiner selbst willen da ist als Ausdruck der Freude an Form und Farbe. Ja selbst das Relief im ersten Stock – vom ganz realen Staub des Vergessens gereinigt - würde sich nun für geraume Zeit den Blicken entziehen.

Dass die Dinge durch das Verschnüren einen zum Teil ganz eigenen, neuen ästhetischen Reiz bekamen (ich musste natürlich auch an Christo denken) war ein willkommener Nebeneffekt, doch nicht der Ausgangspunkt. Ein Titel für die Verhüllungsaktion war auch schnell gefunden: Du siehst nur was du nicht siehst!

Meine Befürchtungen, das Ganze sei zu dreist für eine Schule und die kleinen Drittklässler würden sich nun vor den etwas gespenstisch wirkenden Figuren im Eingang gruseln, sollten sich schon am nächsten Morgen schnell zerstreuen. Die Wirkung der Aktion war beeindruckend. Die Gegenstände schienen nun, da sie sich den Blicken entzogen, paradoxerweise zum ersten Mal nach langer Zeit wieder wahrgenommen zu werden. LehrerInnen sahen sich von unbequemen – vor allem jungen - Fragern umringt, die begreiflicherweise auf eine Erklärung drängten. Eine Kollegin meinte kopfschüttelnd, sie habe zum ersten Mal bemerkt, wie „blind“ sie eigentlich durch die Gegend läuft. Allen Befürchtungen meinerseits wurde das Experiment also durchweg als anregend und erfrischend empfunden.

So beschloss ich – nach einigem anfänglichen Zögern – dieses Thema in der bevorstehenden Kunstepoche der 12. Klasse aufzugreifen. Das war eindeutig ein Experiment mit unsicherem Ausgang. Ich selbst hatte mich schon lange mit dieser Thematik beschäftigt und fand sie hochspannend! Aber wie würden die Schüler sie aufnehmen? Ich tauschte also mit meinem Kunstkollegen kurzerhand das Fachgebiet  - ich übernahm das im Sinne von „Raumgreifen“ Bildhauerische und er die Malerei. Vielleicht war es meine eigene Begeisterung, die dazu führte, dass sich entgegen meinen Erwartungen spontan die halbe Klasse für einen Kurs entschied, für den sie sich auch noch selbst den Titel finden sollten! (Ich hatte ihn einfach nur “?“ genannt)

Ausgangspunkt sollte unsere alltägliche Realität sein. Automatisierte Wahrnehmungs- oder Verhaltensmuster sollten  durch Techniken der Verfremdung bewusst gemacht und gleichzeitig in Frage gestellt werden. Es galt, die alltägliche Selbstverständlichkeit aufzubrechen und sie als nur eine von vielen möglichen Sichtweisen zu entlarven.

Zunächst wurden anhand von Dias einige Künstler vorgestellt, die sich der Technik der Verfremdung bedient haben bzw. dies noch tun. Den Anfang machte hier Marcel Duchamp, der  mit seinen „Ready Mades“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Aufsehen und  Skandale in der Kunstwelt sorgte, indem er gewöhnliche Alltagsgegenstände wie ein z. B. ein Pinkelbecken oder einen Flaschentrockner als Kunstobjekte ausstellte. Neben der offenkundigen Polemik gegen antiquierte Kunstvorstellungen wollte er damit verdeutlichen, dass Kunst erst in Wechselwirkung mit der  Erwartungshaltung des Betrachters entsteht. Der Blickwinkel, unter dem ich einen Gegenstand – wie z.B. ein Urinal – betrachte, macht diesen banal oder zum Kunstwerk!

In unserer ersten gemeinsamen Aktion vertauschten wir „Innen“ und „Außen“, indem wir eine Holzbank mit herbstlichem Blätterwerk aus ihrer gewohnten Umgebung heraus– und ins Foyer hineinversetzten. Um der Gefahr einer „netten Herbstmarkt-Dekoration“ vorzubeugen, „garnierten“ wir das Laub mit dem allgegenwärtigen Schulhofmüll wie Coladosen, Kippen, zerknülltem Papier usw. und stellten auch noch eine Mülltonne dazu – alles unter den fragenden Blicken des Putzpersonals! Die Verwunderung bei den beteiligten Schülern war groß über das gestalterische Feingefühl, das die überzeugende Darstellung einer doch so banalen Alltagsszene verlangte. Einen gewissen „Kitzel“ verschaffte auch die ernsthafte Verrichtung einer als gemeinhin vollkommen unsinnig eingestuften Tätigkeit wie das Herankarren und sorgfältige Verteilen von Herbstlaub im Schuleingang. Das Ziel, Irritation und Aufmerksamkeit für die uns ständig umgebenden Dinge zu wecken, verfehlte die Aktion nicht. Vor allem die Unterstufenschüler drängten sich entlang der rot–weißen Absperrung mal mit fragendem, mal mit belustigtem Ausdruck im Gesicht.

Im weiteren Verlauf galt es, sich zu kleinen Gruppen zusammenzufinden und entweder selbst eine Idee zu entwickeln und zu realisieren oder sich aus der Fülle der Anregungen eine herauszugreifen. Nun erwies sich weniger  der Mangel an Ideen als problematisch, als vielmehr deren technische Umsetzung! Einen besonders zähen Kampf hatten zwei Schülerinnen mit einem ganz gewöhnlichen Stuhl auszufechten. Er sollte so in zwei Hälften von beiden Seiten eines Fensters im Schuleingang angebracht werden, dass er in einem scheinbar ewigen Augenblick durch die Scheibe flog. In einem Auszug aus der Projektbeschreibung, die Teil der Aufgabe eines jeden Schülers war, war später zu lesen: „Die ersten Schwierigkeiten traten auf bei der Zersägung des Stuhls. Wir mussten irgendwie den Strich ziehen, wo wir sägen sollten...Wir versuchten, den Vorschlag von Herrn Frenzel umzusetzen, den Stuhl in eine Badewanne zu tauchen und die `Wasserlinie` zu markieren. Der zweite Vorschlag war kam von unserem Werklehrer. Er schlug vor, den Stuhl schräg in eine Werkbank einzuspannen, ein Gerüst mit einem waagerechten Balken darüber zu bauen und dann von diesem das Lot zu fällen.....“

Nach etlichen missglückten Versuchen, die Stuhlhälften mit dem bei der kalten Witterung nur sehr langsam aushärtenden  Silikon beiderseits der Scheibe zu befestigen, hing „Der Rote Stuhl“ dann doch scheinbar schwerelos im Schuleingang – zur allgemeinen Verwunderung aller, die hier ein– und ausgingen. “Der Rote Stuhl, es scheint, als sei er geworfen worden und dann wurde die Zeit angehalten. Täglich gehen Hunderte von Menschen hastig an ihm vorbei, an dem Ort, wo die Zeit stehen zu bleiben scheint...“

Und auch zu lernen gab es eine Menge: „...Ich bin geduldiger mit den Materialien geworden und ich habe Ehrgeiz für die Perfektion entwickelt. Dieses Projekt hat mich hart gefordert, denn ich musste es zu Ende bringen, ich durfte nicht aufgeben und mir etwas anderes suchen. Das hat einen gewissen Ehrgeiz in mir entwickelt. Ich wollte die Illusion perfekt haben.“

Alle Projekte hier detailliert mit all den Tücken zu beschreiben, die sich dabei den Schülern stellten – dazu fehlt hier sicher der Platz. Aber soviel ist sicher: Ob es galt, lange Röhren scheinbar mühelos durch die Außenwand der Schule zu „schieben“ oder das ewig neue „Lied des Windes“ mittels einer elektrisch verstärkten Windharfe vom Schuldach ins Foyer zu holen, ob das Schulhofpflaster als Vorlage für ein abstraktes Bild diente oder das Lehrerpult mit Rasen bepflanzt wurde, ...

 

... ob zwischen kahlem Gebüsch durch eingegrabene Spiegel plötzlich der „Himmel auf Erden“ glänzte, ...

 

... ob eine alte Schulbank in Teilen über dem Schulalltag schwebte oder ein roter Hammer über dem Schuleingang, ob eine „sinnlose“ Tür auf dem Schulhof den „Weg ins Nichts“ ebnete oder ein geheimnisvoller Läufer auf dem Dach des Eurythmiesaals den aufmerksamen Zeitgenossen irritierte oder rote Folie auf den Lampen  die 12. Klasse unversehens in ein zweifelhaftes Licht rückte ...

 

... zumindest für die Zeitspanne dieser Epoche schien sowohl für die teilnehmenden Schüler als auch für die zahlreichen Betrachter nicht mehr alles so unverrückbar fest und nicht alles mehr so gewohnt selbstverständlich wie noch kurz zuvor. Vielleicht hat sich der eine oder die andere still zu sich gesagt: Stimmt, eigentlich könnte alles auch ganz anders sein! Vielleicht hat doch der eine oder andere gedacht, dass die größten Abenteuer gar nicht so weit in der Zukunft oder einem fernen Urlaubsziel liegen, sondern genau hier und jetzt vor deiner Nase - nur bedeckt von einer dünnen Schicht aus Routine und Achtlosigkeit.

Vielleicht ist der einen oder dem anderen eines deutlicher geworden – nämlich dass die Grenze, die das Feld dessen absteckt, was wir so sicher zu wissen vermeinen, niemals das Ende, sondern stets nur ein neuer Anfang ist!          

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