Über Puppenbau und Puppenspiel an einer Förderschule

Teile aus einer Facharbeit, geschrieben von Christine Görlich-Schneider (Institut für Waldorfpädagogik in Witten-Annen)

Einleitung

Im Heliand-Zweig, Förderschulzweig für geistige Entwicklung der Freien Waldorfschule in Essen gehört zum Oberstufenkonzept ein künstlerischer Abschluss und ein Klassenspiel der 12. Klasse. Im Schuljahr 2011/2012 bestand die 12. Klasse nur aus vier Schülern; zwei davon wollten auf jeden Fall am Ende des Schuljahres die Schule verlassen. In der Planung für das Schuljahr 2011/2012 tauchte im Oberstufenkollegium die Idee auf, mit den vier Schülern der 12. Klasse ein Kleinkunst-Theaterstück zu spielen.

Ein Puppen-Theaterstück wurde vorgeschlagen. Warum Puppentheater?

In den Gesprächen wurde deutlich, dass sich mit vier Schülern kaum ein großes Klassenspiel inszenieren ließe. Zu viel Druck würde da auf den einzelnen Schülern lasten. In der Vergangenheit hatte sich nämlich gezeigt, dass zwei der vier Schüler ihre gut gelernte Rolle nicht spielen oder sprechen konnten, weil sie die Aufmerksamkeit des Publikums nicht ertragen konnten, nicht standhalten konnten.

Im Puppenspiel wäre den Schülern die Möglichkeit gegeben, sich „hinter die Puppe zu stellen", die Puppe spielen und sprechen zu lassen. So könnten sie ihrer Spielfreude (die ja durchaus vorhanden war!) und ihren Darstellungsfähigkeiten Ausdruck verleihen. Dabei hätten auch die Zuschauer andere Möglichkeiten als im Schauspiel, das Stück wahrzunehmen.

Aufgrund dieser Beratungen fiel in der Oberstufenkonferenz die Entscheidung, mit der 12. Klasse in diesem Schuljahr ein Figuren-Theaterstück zu erarbeiten. [...]

 

Vom erzählten Märchen zum Bühnenstück

Der Text von dem Stück "Das Borstenkind"wurde auf der Grundlage der Märchenerzählung von Josef Haltrich bearbeitet. Schon vor Beginn der ersten Epoche wurde das Märchen in der Werkgruppe Handarbeit gelesen, nacherzählt, von den Schülern gemalt und erste kleine Figuren aus Pappe für das Rollenspiel hergestellt. Die Schüler wurden dadurch mit dem Märchen vertraut gemacht. So ergab sich auf ganz natürliche Weise eine Gliederung in sechs Szenenbilder.

Da zuerst geplant war - in der Tradition der Klassenspiele - dass die Schüler ihre Rollen spielen und sprechen sollten, wurden Dialoge ins Märchen eingearbeitet. Das stellte sich bei den Proben als nicht zweckmäßig heraus, da der Spielfluss immer wieder ins Stocken kam, bzw. erst gar nicht entstehen konnte. Es zeigte sich, dass die Schüler damit überfordert waren. Auch bei professionellen Puppenspielern wird die Sprache meist von einer anderen Person oder von einem Tonträger übernommen. Eine Ausnahme ist das dialogische Kasperle-Theater mit Handpuppen (z. B. „Punch-and-Judy-Show").

 

Schattenfiguren

Bei der Anfertigung dienten die Figuren des Schattenspiels „Die Bremer Stadtmusikanten" zur Orientierung. Auf der Schattenbühne traten folgende Figuren auf: die Prinzessin, der Wind, das Mäuschen, Sonne und Mond, der Abend- und der Morgenstern.

Die Figuren wurden zunächst auf Papier entworfen. Der Entwurf wurde dann auf Karton übertragen. Die endgültige Ausführung war dann aus dünnem Sperrholz. Die Sterne und die Sonne als Lichtwesen wurden nur als Schattenkontur ausgeführt und der Innenraum der Sterne mit farbigem Transparentpapier ausgefüllt. Die anderen Schattenfiguren bekamen farbige Akzente. Zum Beispiel hatte die Prinzessin blonde Haare, um den Wiedererkennungseffekt zur Marionette zu gewährleisten. Sonne und Mond sind in diesem Märchen personifiziert und hatten deshalb - ebenso wie die Prinzessin - bewegliche Arme. Die Schattenfiguren konnten sich auf dem Schattenbühne hin und her bewegen. Sie wurden von unten an einem dünnen Stab (Draht) geführt.

 

Bau der Stabpuppen und Marionetten

 

Köpfe, Hände und Füße

Wesentlich aufwändiger als die Schattenfiguren gestaltete sich der Bau der etwa 40 cm großen Puppen. Sofort nach Karneval wurde damit begonnen. Da waren zunächst die Köpfe:

Als Grundkörper diente ein Styropor-Ei. Darauf wurde eine selbsthärtende plastische Masse aufgetragen (so wie sie in den Bastelläden angeboten wird). Gesichtszüge der verschiedenen Charaktere wurden von den Lehrern gestaltet, allerdings nach gemeinsamem Unterrichtsgespräch und in Absprache und Anwesenheit der Schüler.

Anschließend wurden auch passende Schuhe aus derselben Masse geformt. Nach einer Trocknungszeit von einer Woche grundierten die Schüler die Köpfe mit passenden Farben, ebenso die Schuhe. Augen, Mund Falten und „Make-up" wurden von den Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeitern gemalt. Auch die Haare der Spielfiguren wurden nach Absprache mit den Schülern von der Lehrerin gestaltet.

Die Anfertigung der Puppenhände erwies sich als eine Aufgabe, die von den Schülern überschaubar und durchführbar war: Eine Näharbeit; bei der zwei passende Filzteile zusammengenäht werden mussten.

 

Die Körper von Stabpuppen und Marionetten

Wie schon weiter vorne aufgeführt, wurden Stabpuppen aufgrund körperlichen Einschränkungen einer der Schülerinnen und des Märchens ausgewählt und entwickelt. Es waren Puppen, die nur auf einer bestimmten Ebene spielten und sich nicht oder kaum von der Stelle bewegt werden mussten.

So wurde den Bedürfnissen der SchülerInnen Rechnung getragen, was die Spielfreude steigerte. Den Rumpf dieser Puppen bildete ein Rundstab, auf dem oben der Kopf und unten eine Standfläche angebracht war. An dem Rundstab war ein Handgriff befestigt. Das Kostüm bildete den Puppenkörper. Beide Hände und Arme der Stabpuppe waren beweglich. [...]

Der Zusammenbau der Stabpuppen und Marionetten fand in der ersten Hauptunterrichts-Epoche statt. Die Schüler waren an diesen Zusammenbau aktiv beteiligt. Ebenso der die Anfertigung der Führungskreuze und das Aufschnüren einzelner Marionetten. So konnte schon am Ende der ersten Epoche mit dem Proben kleiner Szenen begonnen werden.

 

Kostüme und Führungskreuze

Die Gestaltung der Kostüme wurden im Team mit Schülern und Mitarbeitern besprochen. Ein kleiner Teil wurde mit den Schülern gemeinsam genäht, z. B. das Kleid der „Weltenende-Prinzessin" nähte ein Schüler auf der Nähmaschine. Der größte Teil der Puppenkleider musste allerdings von der Handarbeitslehrerin genäht werden. Um die zeitlichen Vorgaben einzuhalten, mussten Kompromisse eingegangen werden. Die SchülerInnen konnten kleinere Näharbeiten selbstständig bewältigen. Das war wichtig, weil es altersgemäß ist, selbstständig zu arbeiten. Das Nähen der Kostüme hätte sie überfordert. Deswegen wurde es nur exemplarisch gemacht.

Dagegen konnten die Schüler bei den Führungskreuzen der Marionetten wieder tatkräftig mitarbeiten.

 

Die Bühne

Dies war das erste Puppenspiel, das als Klassenspiel einer Oberstufe im Heliand-Zweig inszeniert wurde. Es gab keine feste Puppenbühne. So konnte alles passend für die Inszenierung des Märchens gebaut werden.

Die Bühne hatte drei Ebenen, die sich aus dem Märchen ergaben. Als unterste Ebene wurde eine Holzbank ohne Lehne genutzt. Für die mittlere Ebene wurden zwei Schemel benutzt, mit einem Brett überbrückt. Die Schattenbühne bestand aus einem Lattengestell, mit weißem Tuch bespannt. Die Bildfläche befand sich oberhalb der Köpfe der Puppenspieler. Der untere Teil der Schattenbühne war mit lichtundurchlässigem Stoff bespannt. Die vorderen Bühnenteile waren mit einfarbigen, farblich passenden Tüchern belegt.

 

Requisiten

Die Requisiten wurden im Werkunterricht angefertigt. Da war zum Beispiel das silberne und das goldene Schloss, die wurden ausgeschnitten und beklebt. Durch die eigene Herstellung der Requisiten konnten sich die Schüler mit „ihrem" Theaterstück identifizieren.

Auch die farbige Gestaltung der Brücke zwischen den Schlössern entstand in ähnlicher Weise. Auf der untersten Bühnenebene gab es das Haus der Alten, das im Verlauf des Stückes durch ein Gitter zum Gefängnis umgewandelt wurde.

 

Beleuchtung

Der Zuschauerraum war während der Aufführungen abgedunkelt. Die offene Bühne wurde mit zwei Baustrahlern ausgeleuchtet, die rechts und links neben der Bühne aufgestellt waren. Ihre Helligkeit konnte mit einem einfachen Schaltpult verändert werden. Die Schattenbühne wurde von hinten (oben) mit einem Tageslichtprojektor ausgeleuchtet, der ebenfalls vom Schaltpult aus bedienbar war. In dem Tageslichtprojektor konnten farbige Folien eingesetzt werden.

 

Choreographie und Musik

Eine sinnvolle Choreographie wurde bei den Proben entwickelt. Dabei waren die folgenden Notwendigkeiten zu berücksichtigen:

  • Drei Spielebenen (Zweistufige Bühne mit offener Spielweise und da-rüber noch das Schattenspiel)
  • Die Stabpuppen waren ortsfest
  • Zwei der vier Puppenspieler mussten aus körperlichen Gründen überwiegend im Sitzen spielen
  • Nur mit den Marionetten und den Schattenfiguren konnten verschiedene Variationen der Choreographie entwickelt werden.

 

Die Musik wurde eingesetzt, um die szenischen Abläufe zu unterstützen. Sie hatte aber auch die Aufgabe, Umbaupausen zu überbrücken. Ein Lehrerkollege übernahm die musikalische Begleitung während der Aufführungen. [...]

An Instrumenten kamen zum Einsatz: Metallophon, Xylophon, Blockflöte, rhythmische Instrumente wie Triangel und Trommel, Gong, Klangschale und Donnerblech. Einzelne Melodien wurden im rhythmischen Teil des Hauptun-terrichtes eingeführt und von den Schülern auf ihren Blockflöten eingeübt. 

 

Proben

Nach der ersten Epoche und den Osterferien war alles so weit vorbereitet, dass mit den Proben begonnen werden konnte. Zunächst wurden die Rollen verteilt. Die Stabpuppen (die 1. Königin, die „Alte", das Königspaar im Königspalast) wurden vorwiegend von Bea gespielt, da sie aufgrund ihrer Erkrankung nur im Sitzen spielen konnte. Außerdem spielte sie in der vorletzten Szene im Schattenspiel.

Ela hatte das Borstenkind mit Unterstützung ihrer Integrationshelferin genäht und sich von Anfang an in dieses Wesen verliebt - also „musste" sie auch spielen. Daraus ergab sich, dass sie auch den Prinzen spielte, der ja das verwandelte Borstenkind war.

Hakim „verliebte" sich in den kleinen Königssohn, der gleich am Anfang des Stückes in das Borstenkind verwandelt wurde. Da Hassan ein guter Puppenspieler war, bekam er auch die zweite Hauptrolle, der Königstochter zugesprochen - als Gegengewicht zu seinem männlichen Auftreten.

Florin hat den Alten gespielt und gegen Schluss des Stückes, die Königstochter vom Ende der Welt. Außerdem war er am Schattenspiel beteiligt.

Als Regisseurin und Betreuerin des Puppenspiels war ich während des ganzen Stückes die „Spielerin hinter den Spielern" und habe, wenn es nötig war, buchstäblich eingegriffen und Hilfestellung gegeben. Die Musik hat Christian L., ein Oberstufenkollege, übernommen. Die Beleuchtung besorgte Hans B., einer unserer FSJler. Der Text wurde von unserem Sprachgestalter, Xandor K. gelesen. Ida P. und Gabi N. waren aktiv am Bühnengeschehen beteiligt (Requisiten-Wechsel, Schattenspiel und Unterstützung der Schüler).

In der Anfangszeit wurde während des Hauptunterrichtes jeden Tag eine Szene geprobt. So wurde der Szenenablauf erübt und festgelegt. Dieses Vorgehen war aber später nicht mehr effektiv genug. Deshalb wurden zwischendurch Einzelproben angesetzt, was sich als sehr hilfreich erwies: in einer intensiven Einzelarbeit konnten die Schüler Mängel ihrer Spielweise wahrnehmen und dann verändern.

Eine besondere Herausforderung bedeutete für die Schüler das enge Nebeneinander, teilweise mit Körperkontakt, beim Puppenspiel. Das hätten sie im Alltag niemals zugelassen Es entstanden dadurch immer wieder Spannungen, und auch Situationskomik.

Konflikte zwischen den Spielern eskalierten, eine Probe musste z.B. abgebrochen werden, als einer der Mitspieler ernährungsbedingt starke Blähungen entwickelte. Durch eine Umstellung der Ernährung konnte das Problem behoben werden. Gegen Ende der Probenzeit waren nach dem Mittagessen Durchgangsproben angesetzt. Es zeigte sich aber, dass die Schüler dann nicht mehr genügend Konzentrationsfähigkeit aufbrachten und nur der erste oder der zweite Teil des Stückes durchgängig geprobt werden konnte.

 

Die Aufführungen

Das Puppenspiel wurde im Saal des Heliand-Zweiges aufgeführt. Die Fensterfront war abgedunkelt. Der Raum wurde mit einem ansteigenden Gestühl ausgestattet. Die Puppenbühne stand auf einem 30 cm hohen Podest, um den Zuschauern der vorderen Sitzreihen bessere Sicht zu ermöglichen. Bei jeder Aufführung wurde das Publikum von einer Marionette, eine Kasperle-Puppe, von mir geführt und gesprochen - willkommen geheißen und in das Stück eingeführt.

Die Spieler hatten sich durch dunkle Kleidung unauffällig gemacht und in Puppenspieler „verwandelt". Bei den Aufführungen zeigte sich, dass die Schüler das Stück so verinnerlicht hatten, dass sie es auswendig mitsprechen konnten.

Die Generalprobe und zwei Aufführungen fanden an drei Tagen in Folge vormittags statt. Alle drei Aufführungen wurden von Schülern und Lehrern des Heliand-Zweiges und der Parzival-Schule besucht. Ein weitere Aufführung war öffentlich. Wegen reger Nachfrage wurde in der folgenden Woche noch eine weitere Schüleraufführung durchgeführt. Beim künstlerischen Abschluss der Oberstufe ein paar Wochen danach zeigten die SchülerInnen einzelne Szenen des Puppenspiels nochmals in improvisierender Weise. Dabei erzählten die vier Schüler der 12. Klasse spontan zusammen mit mir die Entstehung und den Inhalt des Puppenspiels vor allen Gästen des Oberstufenabschlusses. Das war eine große Leistung der SchülerInnen und für mich eine schöne Überraschung, weil sie mir damit zeigten, wie sehr sie „ihr Stück" verinnerlicht hatten.

 

Reflektion

Die Vorbereitung und Durchführung eines Klassenspiels war eine große Herausforderung, gerade im heilpädagogischen Bereich, bei der man in vieler Hinsicht Unterstützung brauchte.

Beginnend bei der Auswahl des Stückes, das „altersgemäß" also der seelisch-geistigen Entwicklung der Schüler förderlich sein sollte. Gleichzeitig sollte es so umgearbeitet und angepasst werden, dass es von den Schülern verstanden und gespielt werden konnte. Alles musste erprobt und erfahren werden:

Wie fühlte es sich an, ein Puppenspieler zu sein? Die SchülerInnen haben von Anfang an den Puppenbau in allen Konstruktionsschritten erlebt und soweit wie es die Zeit und ihre Fähigkeiten erlaubten, aktiv mitgearbeitet. Sie machten vielfältige Sinneserfahrungen mit den unterschiedlichen Materialien beim Puppen - und Requisitenbau und begriffen die verschiedenen Puppenfiguren, in dem sie z. B. die Marionetten mit Haken und Ösen, Lederbändern zusammenbauten und mit uns zusammen aufschnürten oder Führungsstäbe an selbstgenähten Händen der Stabpuppen befestigten. Das kam ihnen in den Spielproben zugute. Durch den Puppenbau entstand außerdem eine innere Beziehung zu „ihren" Puppen. Die Schüler verliebten sich in einige ihrer selbst gebauten Puppen. Dies wurde, soweit möglich, bei der späteren Rollenverteilung berücksichtigt.

In die Führungsrolle zu schlüpfen und gleichzeitig mit Hilfe dunkler Puppenspielkleidung als Puppenspieler in den Hintergrund zu treten, war eine große Herausforderung für die SchülerInnen.

Sich außerhalb seiner eigenen Befindlichkeiten und Gefühle um ein kleines lebloses Wesen zu kümmern, es lebendig werden zu lassen, durchzuhalten, dabei zu bleiben, ein Bild, eine Szene lang, die Geschichte durch seine Figur entstehen zu lassen - das hat uns alle an Grenzen gebracht. Es war bis zur letzten Woche vor den Aufführungen nicht klar, ob die Schüler es schaffen würden, über sich, ihr auffälliges Verhalten, ihre Dramen untereinander hinauszuwachsen, um ganz in ihrer Puppe, ihren Rollen in der Geschichte aufzugehen. Nachdem wir wochenlang Szene für Szene entwickelt und geprobt hatten, meist mit mehreren Puppen und Puppenspielern, brachten dann die aus Verzweiflung angesetzten Einzelproben den ersehnten Durchbruch. In diesen Einzelproben konnten sich die Schüler auf die Bewegungsabläufe und die damit verbundenen seelischen Regungen „ihrer" Puppen so konzentrieren, das dies die Szenenproben, die folgten, nachhaltig veränderte und die Motivation und die Spielfreude der Schüler stärkte.

Wie kann die Zeitplanung, sowohl beim Puppenbau in der ersten Epoche, als auch in der Probenzeit in der zweiten Epoche so optimiert werden, dass die Schüler bestmöglich gefördert werden?

In dieser Produktion hat es sich als sehr fruchtbar erwiesen, dass sich eine begeisterte Gruppe von Lehrern, Helfern und Puppenspielern um die Schüler herum für das „Projekt" Puppenspiel bildete, die diese Puppen, eine passende Puppenbühne, Requisiten, Beleuchtung Musik, Sprache dafür schufen. Aus dem Klassenzimmer wurde eine Werkstatt. Die Schüler wählten sich immer wieder ihre Erwachsenen, mit denen sie zusammenarbeiten, denen sie helfen wollten.

Jeden Tag gab es eine Besprechung: Was haben wir gestern gemacht, wie war das? Was haben wir uns für heute vorgenommen, was muss noch getan werden? Die Schüler wurden in dieser Werkstattatmosphäre immer aktiver und selbstständiger.

Es war sinnvoll und hilfreich, dass sich auch noch im zweiten Teil der Produktion die Proben ab und zu mit immer noch notwendiger Werkstattarbeit für Requisiten und Kostüme abwechselten. In dieser Werkstatt konnten sie sich bis zu den Aufführungen im praktisch-künstlerischen Werken entspannen und für die nächste anstrengende Probe regenerieren.

Die Puppe zu halten, oben am Spielkreuz, aufrecht, sie aufrecht stehend mit den Händen, mit dem Kopf „reden" zu lassen, ohne Worte, synchron zu den Worten des Erzählers, das war eine Herausforderung, von der ich lange nicht wusste, ob unsere Schüler die Kraft und den Willen aufbringen würden das zu schaffen.

Es wurde zusammen, manchmal auch gegeneinander, darum gerungen. Die ersten zwei Schüleraufführungen waren erfolgreich. Bei der öffentlichen Aufführung fiel eine Spielerin ganz aus ihrer Rolle: Sie konnte nicht mehr ihre Rollen (Puppen) spielen, sondern sprach den ganzen Text des Stückes laut mit, den sie zu unserer Überraschung perfekt auswendig konnte.

Bei der letzten Aufführung spielte diese Schülerin wieder ihre Puppen. Gegen Ende des Stückes fing sie plötzlich an zu weinen und konnte nicht mehr damit aufhören. Ihre Mutter erzählte später, ihre Tochter wäre während der letzten Vorstellung so traurig geworden, weil sie sich von ihrer Rolle als Puppenspielerin verabschieden musste.

 

Nachwort

Das Borstenkind war eine Entwicklungsgeschichte auf vielen Ebenen. Der Inhalt wurde durch den Puppenbau und eine lange Zeit des Übens von den Schülern verinnerlicht. Die Schüler konnten lernen, außerhalb ihrer eigenen körperlich-seelischen Befindlichkeiten für „ihre" Puppe Verantwortung zu übernehmen und sie ihrer Rolle gemäß durchs Stück zu führen. So wuchs in 12 Wochen ein begeistertes Puppenspieler-Team aus Schülern und Lehrern heran. Nur schwer konnten wir Abschied nehmen von unseren "Puppen" und dem Puppenspiel.

Es bleibt der Wunsch, dass durch die Wahl des Stückes, durch die kognitiven, seelisch-sozialen Prozesse und durch die vielseitige praktische Arbeit die Ich-Kräfte und das Selbstbewusstsein der Schüler so gewachsen sind, dass ihnen für den Arbeitsprozess und für die Ablösung vom Elternhaus Kräfte gewachsen sind.

Für das „ Das Borstenkind" wurde ein vielseitig nutzbares Puppenspieltheater gebaut, und wir hoffen, dass weitere Puppenspiele folgen werden.

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