Puppenbau und Figurentheater

Ein Beitrag von Andreas Geiger (Pensionierter Lehrer und aktiver Puppenspieler der Freien Waldorfschule Evinghausen)

SPIELPUPPEN IM UNTERRICHT?

Das ist keine neue Idee. Es gab schon immer Lehrer, die das praktizierten: im Handarbeitsunterricht, beim Plastizieren und Zeichnen werden Figuren gestaltet. Und es wird in der Schule mit Figuren auch gespielt: kleines Kaspertheater oder großes Figurentheater. Das können Geschichten sein, die die Kinder selbst geschrieben haben; oder es sind die großen Erzählthemen des Hauptunterrichtes; oder ein pfiffiger Oberstufenschüler macht in der Facharbeit Puppen-Kabarett… Zum Theater gehört die Sprache! Erinnern Sie sich an Puppenspiele von Märchen? Diese Bilder, diese Stimmen - das hat starke Wirkung auf Kinder! So werden auch Themen aus dem Alten Testament auf der Puppenbühne gezeigt. Und es ist gar nicht so selten, dass der Kaspar auch mal im Fremdsprach-Unterricht reinschaut.

Sie merken: das Thema ist vielseitig und kann viele Fachbereiche zusammenführen. Ja gewiss, es ist schwierig, die Kollegen „unter einen Hut“ zu bringen. (Uns ist das nur selten gelungen, aber das Puppenspiel hat immerhin einen festen Platz im Stundenplan erobert.) Schließlich sind die Puppen ja nur ein Medium. Lassen Sie sich aber nicht beirren: auch ein einzelner Lehrer kann viel bewirken, wenn er es versteht, die Kinder für das Puppenspiel zu begeistern. Wie der Schmetterling aus seiner Puppe schlüpft, so beflügelt Lebendigkeit die Stoffpuppen im Spiel.

 

Puppenspiel im Unterricht:

Wir greifen hier drei Beispiele heraus, wo die Kinder die Figuren selbst gebaut und damit Theater gespielt haben: Marionetten, Stabpuppen und Schattenfiguren.

 

MARIONETTENBAU UND –SPIEL IN DER 5. KLASSE

(„FADENPUPPEN“)

16 Kinder, unterrichtet von einer Lehrerin (Eurythmistin); 3 Wochenstunden während einem Quartal.

Das Leitmotiv dieser Arbeit heißt: schöpferische Phantasie entfalten. Im ersten Teil der Epoche werden die Puppen angefertigt. Als Thema wird vorgegeben: „Tiere“ - keine weitere Festlegung! Die Kinder überlegen und entscheiden sich: Giraffe, Krebs, Eule, Seehund, Maikäfer … alles ist möglich, ein ganzer Zoo! Zunächst malt jedes Kind sein Tier (Planungsphase). Dann werden die Werkstoffe (zum Anfertigen) ausgewählt: Holzleisten bilden meist das „Knochengerüst“, das dann mit Wolle, Stoff, Leder, Fell, Federn usw. umkleidet wird. Da wird gesägt, geschraubt, geschnippelt, geklebt, genäht, bemalt … Die Kinder helfen sich gegenseitig; manche sind schneller als die anderen oder geschickter. Am Ende des handwerklichen Teiles entsteht ein „Fadenkreuz“ – angepasst an die Bewegungsmöglichkeiten der Figur – an dem das Tier an dunklen Fäden angeschnürt wird.

Im zweiten Teil der Epoche wird mit den Puppen gespielt. Was? Ein längeres oder mehrere kurze Stückchen, - auf jeden Fall müssen alle Tiere, die in der Gruppe entstanden sind, vorkommen! Die Texte entstehen nach und nach im Gespräch miteinander. Da tauchen kuriose Dinge auf. Es wird verändert, verbessert, ergänzt… und schließlich aufgeschrieben. Die Phantasie an einem „roten Faden“ entlang zu führen und alle Kinder einzubeziehen, ist Aufgabe des Lehrers. – Nach den langen Vorarbeiten beginnen endlich die Proben: eine Figur am Fadenkreuz führen; den Bewegungen Ausdruck geben; eine Choreographie erarbeiten … deutliches Sprechen, zur Handlung passende Geräusche …

Zum Abschluss eine Aufführung vor Eltern, Mitschülern oder im Kindergarten – da spielen die Schüler am liebsten!

MÄCHENSPIEL MIT STABPUPPEN:

10 Schüler (Sonderschule) der 10. Klasse, angeleitet vom Klassenlehrer (Sprachgestalter). Das Projekt beschäftigte die Klasse während eines ganzen Schuljahres.

Die Freude an der Sache und eine gute Zusammenarbeit der Lehrkräfte stellte das Projekt von Anfang an unter einen guten Stern.

Die Klasse wurde zuerst mehrere Tage lang an verschiedenen Beispielen auf das Thema „Märchen“ eingestimmt. Dann breitete der Lehrer erzählend und in Betrachtungen das Grimmsche „Aschenputtel“ vor den Schülern aus: dies soll unser Märchen sein! – Der Werklehrer war bereit, die Puppen in seinem Unterricht mit den Schülern zu bauen. Auch die Kunstlehrerin willigte ein, mit Schülern am Bühnenbild zu arbeiten. Ein beratender Puppenspieler und die Klassenhelferin standen zur Hilfe bei den Proben bereit; der Musiklehrer schrieb eine einfühlsame Begleitung zu dem Stück.

Zu den Stabpuppen: Sie sind groß (Scheitel bis Sohle etwa 110 cm) und werden auf offener Bühne gespielt. Die Spieler werden vom Zuschauer zwar gesehen, aber nicht beachtet, weil sie schwarz gekleidet sind. (Auch die Gesichter sind mit schwarzen Schleiern verhüllt, die Hände stecken in schwarzen Handschuhen). - Das „Rückgrat“ der Puppen ist ein Stab, der unten in einer Art (Pfeil) Köcher steckt. Den Köcher trägt der Spieler an einer Schnur um den Hals. – Die Arme der Puppe sind beweglich und werden von der freien Hand des Spielers (oder gelegentlich von einem zweiten Spieler) geführt. – Verglichen mit Handpuppen oder Marionetten, die distanzierter gehalten und differenzierter geführt werden, sind diese Stabpuppen eng mit dem Spieler verbunden. Dementsprechend wirkt das Spiel: archaisch und in seiner Schlichtheit suggestiv.

Noch etwas zur Sprache: Der Grimmsche Wortlaut wurde nahezu unverändert übernommen, aber so aufgeteilt, dass jeder Schüler eine Sprechrolle bekam. Sprechen und Puppenführung war getrennt, d. h. zu jeder Figur gehörten zwei Personen: ein Sprecher und ein Spieler. Im Verlauf des Stückes trat jeder Schüler mal in der einen, mal in der anderen Funktion auf.

Die Inszenierung wurde in Evinghausen und mehreren anderen Orten in Deutschland gezeigt.

SCHATTENSPIEL EINER 3. KLASSE

(36 Kinder), angeleitet vom Klassenlehrer (ehemals Techniker). Mehrere Wochen lang wurde am Schluss des Hauptunterrichtes an diesem Spiel gearbeitet.

Schattenfiguren und Schattenspiel regen den Zuschauer an: er ergänzt in seiner Phantasie, was der Schatten verdeckt und verschweigt. Man schaut innerlich aktiver hin als bei räumlichen und farbigen Bildern. Die Schattenfigur lässt für den Sehsinn vieles offen. Umso eingängiger wird das gesprochene Wort.

Der Lehrer hatte das Hauffsche Märchen „Der Kleine Muck“ schon früher erzählt, es war den Kindern vertraut. Nun sollte es aufgeführt werden. Mit einer neuen Textfassung – jetzt in Reime gesetzt – begann die Arbeit: Chorisches Sprechen der Verse; aber auch Be-Sprechen des Ablaufes, Zusammentragen von Ideen.

Dann der eigentlich schöpferische Teil: Malen. Eine Fülle von Figuren entstand, manche Personen der Geschichte wurden mehrfach dargestellt in verschiedenen Situationen… ergänzende Bilder zum Umfeld, die Gebäude und Landschaftselemente wurden zu Papier gebracht. Vorgegeben war lediglich die Größe der Figuren (etwa 30 cm). – Die Konturen wurden mit der Schere freigelegt. Dann hing alles mehrere Tage lang an der Pinnwand.

Die Bilder – von jedem Kind mindestens eins – mussten für den praktischen Umgang versteift werden z. B. durch Sperrholz. Dazu wären viele Schüler zwar fähig gewesen, aber es war mit der großen Gruppe nicht durchführbar. Vielleicht hätten sich Eltern dazu bereit gefunden, aber der Lehrer hat es gern selbst gemacht. - Die „Bühne“ bestand aus einem weißen Tuch, auf einen senkrechten Rahmen aufgespannt und mit einer Spielleiste versehen, auf der die Figuren aufgesetzt wurden (in Scheitelhöhe des größten Kindes). Dahinter ein Strahler, der auf der Leinwand die Schatten erzeugte.

Die Rahmenhandlung der Geschichte wurde als Schauspiel dargestellt: ein Junge mit Turban als der „Kleine Muck“, der Lehrer als der „Strenge Vater“, mehrere Kinder als „Böse Buben“.

Jedes Kind bekam einen Sprechpart und einen Spielpart. Dialoge wurden von einzelnen Kindern gesprochen, der Handlungsfortgang von Gruppen chorisch. Die Spieler standen hinter der Bühne, die Sprecher daneben. Nach jeder Szene ein Wechsel.

 

Weitere Informationen unter: www.marionettenbuehne-evinghausen.de

oder bei Andreas Geiger

Email: geigervenne[at]web.de

Tel.: 05476-9199940

 

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