Marionettenbau und -spiel in der Zeit der Pubertät

Ein Beitrag von Magdalene Dycke (Freie Waldorfschule Schopfheim)

„Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", Projekt der Klasse 7a.

 

Die Tradition an unserer Schule

Seit einigen Jahren hat sich an unserer Schule die schöne Tradition entwickelt, jeweils im siebten Schuljahr im Rahmen des Werk- und Handarbeitsunterrichtes Marionettenpuppen mit den SchülerInnen herzustellen, mit welchen dann ein Märchen einstudiert werden konnte. Dazu wurde vor vielen Jahren im Kleinen Festsaal eine professionelle Marionettenbühne eingerichtet, die ein „Theateraufführung in Kleinformat" ermöglicht. Kulissen, Beleuchtung und Vorhang erlauben Spielabläufe wie beim Theater auf der großen Bühne.

 

Pädagogisches Anliegen

Der Marionettenbau sowie die Einstudierungsphase des eigentlichen Spiels bieten vielfältige Lern- und Erfahrungsfelder, die der Entwicklungsphase der ca. 13-jährigen SchülerInnen in verschiedensten Bereichen entgegen kommen und enorm bereichernd wirken.
Mit Eintritt in die Pubertät wird den Kindern nach und nach die eigene Körperlichkeit fremd und schwer. Alles „hängt" und nur mühsam bringt man sich in Bewegung. Es bedarf einer „höheren" Kraft, trotz der unglaublichen Schwere in Aktion zu treten. Die Gefühle, die alles Handeln und „Denken" beherrschen, schwanken enorm und machen ein kontinuierliches, ausgeglichenes Handeln nur schwer möglich. Tiefe Lebens- und Sinnfragen beschäftigen die jungen Menschen, aber nur selten können diese formuliert und damit auch diskutiert werden.
Wie hilft nun da das Marionettenprojekt?

 

Die Arbeitsbereiche und ihre Qualitäten

Beim Bau der Marionette erleben die SchülerInnen, wie aus einfachstem Material durch ihre eigene Arbeit eine Gestalt entsteht, die man später durch die „Führung" zum „Leben" erwecken kann. Im Rahmen der Herstellung sind auch Themen wie Temperamente, Charaktere, Physiognomie, Charakterisierung der Farbe, Symbolik von Haar- und Augenfarbe sowie der Kleidung von Bedeutung. Dabei klingen unterschwellig Lebensfragen an, die dadurch in objektiver Weise diskutiert werden können.

Bei der Marionette muss alles schwer zur Erde tendieren. Die Füße werden mit Blei beschwert. Alle Gliedmaßen, sogar auch der Kopf, hängen zur Erde. Hier können die angehenden Jugendlichen sich gut einfühlen und intensiv mitempfinden! Wie schön, zu erleben, wenn durch die Spieler spätere sich die Gestalt streckt, aufrichtet und in die Leichte kommt. Welche Kräfte können dabei den Jugendlichen helfen?

 

Die Einstudierungsphase

Wie beim echten Theater, braucht es verschiedene Aufgabenbereiche, die für das Gelingen des Ganzen zusammenwirken. Um nur einige zu nennen: Das Bühnenbild, die Kulissen, die Sprache, Inszenierung und Gestik, musikalische Umrahmung, Beleuchtung, Organisation etc..
Neben dem Effekt, viel für das Klassenspiel in der 8.Klasse vorzuarbeiten, bieten all die genannten Bereiche ungeheuer passende Entwicklungs- und Lernchancen für die SchülerInnen der ausgehenden Mittelstufe.

Wie schwer ist es, in diesem Alter die Kinder zu klarem, deutlichem und womöglich gestaltetem Sprechen zu bringen! Unglaubliche Lernfelder tun sich für die Gruppe der Sprecher hier auf. Bei der Gestaltung des Bühnenbildes braucht es intensive innere Bilder, die aus der Beschäftigung mit dem Stück entstehen. Diese finden nun Ausdruck im eigenen Gestalten; objektiv an die bühnentechnischen Gegebenheiten angepasst. Dazu kann man das Erlernte der letzten Schuljahre anwenden: Farbgestaltung, Hell-Dunkel-Technik, Perspektive etc.. Die Beleuchtung verlangt ein aktives und sensibles Miterleben des Spielablaufes und ständige Geistesgegenwart - unabhängig vom eigenen, aktuellen Gefühlsleben. Die Spieler, welche die Puppen führen, dürfen die Gestik, den Ausdruck feinen seelischen Empfindens, über die Puppe darstellen und müssen sich noch nicht selbst auf der Bühne zeigen, was ja in dieser Entwicklungsphase so schwer ist. Als „Führer" der Puppe ist dies nur besonnen und mit äußerster Ruhe möglich - ansonsten rächen sich die vielen feinen Fäden! (Objektive Konsequenz!) Dazu kommt noch die Zusammenarbeit mit der Spielergruppe: Ruhe und Konzentration während knapp einer Stunde, im Dunkeln hinter der kleinen Bühne, auf engstem Raum zusammengedrängt. Das Zurückstellen von Sympathie und Antipathie, dem Gelingen des Stückes zuliebe, ist absolut gefordert. Dazu fast wortlose Absprache und Zusammenarbeit. Welch eine Anforderung an die sonst so impulsiven SiebtklässlerInnen! Die begleitende Musik dient der Stimmung des Ganzen und der einzelnen Szenen. Auch hier: viel Üben, aufeinander hören, eigene Befindlichkeiten zurück stellen und absolute Konzentration und Aufmerksamkeit, wann was gefordert ist. Und das Ganze in Eigenregie und ohne DirigentIn!

Die Beschäftigung mit dem Inhalt und der Symbolik des Märchens liegt allem Tun zugrunde und knüpft, auf neuer Ebene, an die vielen Märchen, die im ersten Schuljahr gehört wurden, neu an.

 

Projektablauf

Seit Schuljahresbeginn bis zu den Osterferien wurden in epochalen „Projektstunden" die Puppen hergestellt. Gemeinsam mit mir als Klassenlehrerin erarbeiteten die SchülerInnen das Bauprinzip der recht einfachen „Bleischnurmarionette".

Während einer Schulwoche malte eine Gruppe von 10 SchülerInnen während des Fachunterrichts am Vormittag am Bühnenbild und den Kulissen. Die Musikgruppe erarbeitete die Musikstücke schon während der Projektstunden nach Fertigstellung der Puppen und intensivierte die Probenarbeit in den drei Wochen vor den Aufführungen. Zehn SchülerInnen bildeten die „Sprechergruppe", welche Abschnittweise den Märchentext erarbeitete. In der letzten Phase der Projektzeit wurden intensiv an Sprachübungen gearbeitet und an den Texten gefeilt. Die kürzeste Einstudierungsphase hatten die Spieler und Beleuchter: aus organisatorischen Gründen war für diese anspruchsvolle Aufgabe, die Puppen führen zu lernen, nur zwei Wochen Zeit. Dafür aber intensiv, jeden Tag mindestens zwei Stunden! Das erforderte jede Minute absolut ernsthafte Arbeit und Einsatz jedes Einzelnen!
In der letzten Schulwoche vor Pfingsten fanden insgesamt 7 Aufführungen, für die Klassen der Unter- und Mittelstufe, Kindergartenkinder sowie Eltern und Freunde, statt.

 

Fazit

Noch viele Dinge wären aufzuzählen, die es zu lernen und entwickeln galt. Ich denke, die genannten Beispiele überzeugen von der Bedeutung eines solchen Projektes im siebten Schuljahr!

Ich danke den SchülerInnen der Klasse 7a, die durch ihre gute Mit- und Zusammenarbeit sowie Selbständigkeit das gute Gelingen des Märchens ermöglicht haben. Es war ein großartiges Projekt und hat allen viel Freude gemacht.

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