Eine Wundertüte aus lauter Stichen

Ein Beitrag von Melida Laukner (Freie Waldorfschule Leipzig)

Die Kreuzstichtasche im vierten Schuljahr

Der Kreuzstich in der 4. Klasse fällt auf den ersten Blick aus dem Handarbeitslehrplan der Waldorfschule ein bisschen heraus, wirkt er doch in unserer modernen Zeit besonders antiquiert. War der Kreuzstich im Mittelalter als Zeitvertreib für höher gestellte Damen gedacht, kennen wir von Großeltern eher gestickte Sprüche, die dem fleißigen Wirken der Hausfrau in der Küche zugeordnet waren. In jüngster Zeit erlebt man diese künstlerische Betätigung als reine Vorlagenstickerei, was die Frage aufwirft, was das mit einem künstlerischen Prozess gemein hat.

Wenn ich über die vielen Jahre Handarbeit an der Waldorfschule zurückblicke, ist und bleibt die Kreuzstichtasche eine der rätselhaftesten und gleichzeitig wundersam stimmigsten Aufgaben aller Jahrgänge für mich. Mir ist es ein Wunder wie die enge Freundin Rudolf Steiners, Hedwig Hauck, dem Sticken über ein Jahr Handarbeit so eine Präsenz geben konnte, denn dann verschwindet die Aufgabe des Stickens wieder und taucht nur in der 7. Klasse im freien Sticken nochmals auf.

Die meisten Kinder sind am Anfang der 4. Klasse über den Rubikon hinweg und wir als Handarbeitslehrer kennen die Kinder mit all ihren Besonderheiten nun schon ein paar Jahre. Inzwischen kommen die ersten prüfenden Blicke, die uns hinterfragen: „Wer bist du? - Macht die Arbeit mit den Händen wirklich so viel Freude wie du sagst? - Ist das nicht zu anstrengend? -   Brauche ich das, was wir hier lernen, wenn man doch alles kaufen kann, wirklich?“ Alles, was die Kinder bis dahin einfach so hingenommen und liebevoll gemacht haben, wird auf die Probe gestellt. Wir als Unter- und Mittelstufenlehrer kennen das und können dem mit verständnisvoller Gelassenheit entgegentreten. Die Kinder bekommen einen distanzierteren Blick zur Welt, der ihnen aber ermöglicht, Eigenes sich entwickeln zu lassen.

Der Wille ist über die Schuljahre gefestigt und so können wir das erste Mal eine Aufgabe stellen, die komplexer als alles Vorherige ist und über ein ganzes Schuljahr geht. Nach und nach tauchen wir so in einen künstlerischen Prozess ein, der eine innere Freiheit innerhalb eines festen äußeren Rahmens ermöglicht.

Was muss eine Tasche haben, damit wir gern etwas in sie hineinstecken – wie können wir ein Oben und ein Unten nur durch das Spiel mit den Farben erzeugen? Wie entsteht der Kreuzstich und wie forme ich aus dem Stich ein Muster, das sich als Eigenart des Kindes widerspiegelt? - Alles Fragen, die uns in den ersten Stunden bewegen.

Anfänglich leiten wir das Thema Kreuzstich durch verschiedene Übungen, zum Beispiel im Flechten von Schlüsselbändern mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden und zeichnerischen Aufgaben im Heft, ein. Auch suchen wir nach Wortteilen, die das Wort „KREUZ“ in sich tragen. Anschließend fertigen wir mit den Kindern die ersten Farb- und Formübungen und Entwürfe für unsere Tasche an.

Den Stich üben wir anfänglich Kreuz für Kreuz mit dem ganzen Körper. Wir stampfen fest auf und alle Kinder machen mit: „Linkes Bein - rechter Arm - linker Arm - rechtes Bein - linkes Bein - rechter Arm… Man probiert es am besten aus, um zu verstehen, was es mit dem Kind in seiner Körperhaltung und in seinem festen Stand in der Welt macht. So ist es nachzuvollziehen, warum wir uns für den florentinischen Kreuzstich und nicht für den einfachen Deckstich entschieden haben. Bei diesem werden erst Kreuze als Diagonalen in einem Zug vor und dann rückwärts gestickt.

Wenn alle Kinder den Stich und damit das Kreuzen in die gleiche Richtung und das Drehen auf die neue Arbeitsreihe gut können, beginnt die eigentliche Stickarbeit an der Tasche. Wir haben uns an unserer Schule für eine große, komplett mit dem gedeckten Kreuzstich gestickte Tasche entschieden, um so Noten oder Ähnliches transportieren zu können und der Tasche den regelmäßigen Gebrauch in Aussicht zu stellen.

Anschließend wird die dunkelste Farbe ausgesucht, der Stramin umrandet und die eigentliche Stickarbeit kann losgehen. Nach den langen, die ganze Fläche übergreifenden Reihen ist bei allen Kindern das Sticken in Fleisch und Blut übergegangen. Dann ist es endlich so weit: Die ersten Muster dürfen nach oben wachsen und die Kinder mühen sich in der Aufgabe, den starren Kreuzstich zu bewegten Formen zu überlisten. Würde man es an dieser Stelle den Kindern überlassen, die Tasche mit einfachen Mustern wie Karos zu füllen, würde schnell der eigentliche Sinn der Arbeit verloren gehen. Kaum eine Aufgabe in der Handarbeit ist so wunderbar gleichzeitig für die schwächeren und die intellektuell sehr weiten Kinder geeignet. Leistungsstarke Kinder begeben sich oft sehr intensiv in die Form und halten es schwerer aus, Farbe an Farbe zu setzen – sie fangen an verschiedenen Stellen an und stehen in der Spiegelsymmetrie vor der Herausforderung, fertige Stiche und die dazugehörigen Lücken zu zählen – eine Aufgabe, die eine hohe Konzentration erfordert. Schwächere Kinder werden durch diese Aufgabe unheimlich gefördert und erleben eine Erhöhung des Bewusstseins beim Sticken.

Hier gibt es oft Anfragen, warum wir als Handarbeitslehrer diese Aufgaben nicht mehr auf das Kind schauend differenzieren (z. B. schwächere Kinder nur eine kleine Tasche machen lassen). Aus Sicht des Kindes ist für mich der Umkehrschluss „Ich traue es dir nicht zu, dass du die Aufgabe schaffen kannst.“ Deshalb unterstützen wir lieber am Jahresende beim Nähen, falls die Zeit wirklich mal knapp werden sollte. Dann können die schnellen Kinder den schwächeren helfen und so gibt es auch die Möglichkeit der sozialen Begegnung.

Nie habe ich so viele Überraschungen wie bei der Tasche erlebt. Kinder mit heilpädagogischem Förderbedarf erspüren scheinbar im Arbeiten, wie heilsam der Stickprozess ist und tauchen ganz besonders in diese Arbeit ein. Schwächere Kinder wachsen mit der Tasche mit und erleben Scheitern und Frustration, Mühe und Durchhalten am Anfang eines Prozesses, an dessen Ende diese Kinder als stolzer Sieger, gestärkt in allen Sinnen, hervorgehen. Das habe ich in 16 Jahren immer wieder erleben dürfen, in einer Qualität, die mich in jedem Jahr neu erstaunen lässt.

Am Anfang jeder Handarbeitsdoppelstunde hängen wir alle Stramine an die Tafel und die Kinder können so ihre anfänglichen Möglichkeiten zu reflektieren positiv umsetzen. Sie geben sich gegenseitig Inspiration und beraten sich untereinander bei der Farbwahl. Durch diese Arbeitsmethode kann die Arbeit zu einem ästhetisch-künstlerischen Gesamtprozess werden, bei dem der Lehrer die begleitende Rolle im Hintergrund hat. Eine einfache Möglichkeit für Eltern zu Hause ist es, die Spiegelung der Tasche als Hausaufgabe bestärkend zu begleiten. So haben die Kinder selbst die Möglichkeit, in jeder Stunde zu sehen, wo sie mit ihrer Arbeit stehen und die daraus resultierenden Hausaufgaben in Eigenverantwortung einzuteilen.

Am Ende des Schuljahres steht noch der Prozess des Nähens. Es dauert ein paar Wochen, um die Taschen endgültig fertigzustellen. Durch das lange Warten auf das Werkstück werden die Kinder noch auf eine Geduldsprobe gestellt.

Wenn alle Arbeit getan ist, zeigen die Kinder den Schülern der anderen Gruppe oder Parallelklasse gern ihre Taschen. Auch die Kollegen nehmen in der großen Konferenz gern Anteil. So kann man als Klassenlehrer oder Fachkollege sein Bild von den Kindern vervollständigen und über das eine oder andere Kind auch staunen.

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