Das Herr war nicht nur groß, es war auch widerwärtig gut

Denn Friedrich Wilhelm ist der soldatischste Herrscher Eu­ropas, obwohl vier Männer nötig sind, um ihn aufs Pferd zu heben. Er hat es fertig bekommen, dass das kleine Preußen das gleiche Heer hält wie das zehnmal größere Österreich. Auf acht erwachsene Männer kommt ein Soldat. Es ist natürlich unmög­lich, diese 80.000 Mann im Inland auszuheben; die Hälfte wirbt er im Ausland. Die preußischen Werber sind in ganz Europa gefürchtet. Am unverschämtesten pressen sie Soldaten für das Leibregiment, denn der König, selbst nur 1,60 Meter hoch, hat eine Vorliebe für Riesen: für einen Iren von 6 Fuß, 11 Zoll Länge zahlt er 9.000 Taler, das war das dreifache Jahresgehalt eines Ministers. »Das schönste Mädchen, das man mir ver­schaffte, wäre mir gleichgültig. Aber Soldaten, das ist meine Schwäche, damit kann man mich so weit bringen, wie man will.«

Aber mochte das Riesenregiment auch Spielerei sein: das Heer war als Ganzes bittrer Ernst. Denn es war nicht nur groß, es war auch widerwärtig gut. Zu einem Teil bestand es aus Bauernsöhnen, denn dieser eigensinnige Kopf war als einer der ersten in der Welt auf den Gedanken der allgemeinen Wehr­pflicht gekommen, die er freilich mehr verkündete als durch­führte. Aber auch das in- und ausländische Gesindel, das den Rest des Heeres bildete, war durch eine Reihe merkwürdiger Maßnahmen in den Schraubstock einer Disziplin gepresst, die Menschen in Maschinen verwandelte. Wenn man ein preußi­sches Regiment daherkommen sah, überfiel jeden Ausländer ein Grausen. Denn diese Soldaten gingen nicht wie andere Men­schen daher, vielmehr setzten alle zur gleichen Zeit den linken und dann den rechten Fuß auf; diesen »Gleichschritt« hatte der preußische Feldmarschall Fürst Leopold von Anhalt-Dessau er­funden. Und nicht nur der Schritt war der gleiche, auch die Haltung jedes Mannes, jede Bewegung, ja selbst das Aussehen: jede Uniform, jede Halsbinde, jeder Stiefelknopf war der glei­che, mit dem gleichen Scherenschnitt waren die Zöpfe gestutzt, ja, in manchen Regimentern mussten alle den gleichen Bart tra­gen, und wer ihn nicht hatte, dem wurde er aufgemalt. Und sie marschierten nicht nur wie Maschinen: maschinenmäßig knie­ten sie nieder, legten die Gewehre an und feuerten, feuerten sechs Schuss in der Minute, dreimal mehr als jeder andere Sol­dat, auch das dank einer Erfindung des Alten Dessauers, der ihnen den eisernen Ladestock beschert hatte.

Dass er diese Disziplin in die Menschen hatte hineinpressen können, verdankte der König wiederum einem seltsamen Ein­fall: die preußische Armee war die einzige in Europa, in der die Offiziersstellen nicht an den Meistbietenden verkauft wurden, sondern dem Adel des Landes Vorbehalten waren, den der Kö­nig nach Verdienst beförderte. Und diesen Adel bezahlte der sparsame König nicht etwa mit viel Geld - der Sold war erbärm­lich sondern er bezahlte ihn, indem er ihm eine besondere ständische Ehre verlieh. Der jüngste Fähnrich rangierte bei Hofe vor dem ältesten Geheimrat. Auf Pflichtgefühl und Todesverachtung dieser privilegierten Herrenkaste konnte sich der König verlassen, und die Leutnants und Kapitäne sorgten mit Fuchtel und Spießruten für Disziplin, in deren stählernen Fang­armen der Soldat eingepresst blieb bis ans Grab. Ja selbst die Flucht in den Tod - es gab in der Berliner Garnison alle vier­zehn Tage einen Selbstmord - versuchte der König zu erschwe­ren: der Selbstmörder wurde mit den Füßen an ein Pferd gebun­den und durch die Straßen zum Schindanger geschleift. So ge­horchte das uniformierte Gesindel blind jedem Befehl.

Aber einen Befehl gab der König nie: den Befehl zu schießen. Die meisterhaft gedrillte preußische Armee: Pulver hat sie nicht viel gerochen. Der Soldatenkönig war der friedfertigste Mon­arch Europas. »Der König von Preußen ist nur im eigenen Schafstall ein Wolf«, höhnte man in London. »Friedrich Wil­helm will zwar gern fischen, aber ohne sich die Füße nass zu machen«, sagte Zar Peter der Große. Aus jener Zeit rührt die Redensart her: »So schnell schießen die Preußen nicht.«

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