Die Pest

Die Gastfreundschaft des Fulco della Croces

Urplötzlich, ohne jede Vorwarnung, spürt der Genueser Kaufmann (sein Name ist nicht überliefert) ein merkwürdiges Kribbeln in den Gliedern. Wenige Stunden später überfällt ihn lähmende Müdigkeit. Er ahnt Böses: Die Krankheit, die seit Wochen in Genua grassiert, hat nun auch ihn gepackt.

Ihn beherrscht nur noch ein einziger Gedanke - Flucht! Der Mann muss alle Kräfte aufbieten, um das Pferd zu besteigen, dann verlässt er, sich mühsam im Sattel haltend, die Stadt in Richtung Piacenza, zu einem Freund, dessen Namen wir kennen: Fulco della Croce. Als er dort ankommt, bricht er erschöpft zusammen. Man bringt ihn zu Bett, nicht wissend, dass er den Tod ins Haus bringt. Der Kranke klagt über unerträgliche Kopfschmerzen, sein Körper glüht, und es fällt ihm immer schwerer zu reden. Er lallt nur noch.

Am nächsten Tag werden die ersten nussgroßen Beulen in der Leistengegend (bei manchen entstehen sie in den Achselhöhlen) sichtbar. Sie schmerzen höllisch, auch bei leisester Berührung. Über den ganzen Körper breiten sich Bläschen und Flecken aus. Besonders schlimm ist der Gestank des Erkrankten - wie verdorbenes Fleisch. Er speit Blut, sein Urin wird schwarz, das Herz rast. Fast drei Tage lang stirbt der Mann, dann kommt das Ende. Akutes Herzversagen.

Die Gastfreundschaft wird Fulco della Croce und seiner Familie zum Verhängnis. Kaum haben sie ihren Gast begraben, erkrankt das erste seiner Kinder. Auch in der Nachbarschaft hört man schon Klagen über Kopfschmerzen und Fieber.

 

Die Pest in Europa 1348

Es ist das Jahr 1348. Die Pest macht ihre Runde in Europa. Sie springt von Mensch zu Mensch, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt - fegt ganze Landstriche leer -, und niemand weiß, wie man ihr entkommen kann. Man stirbt, einfach so, qualvoll und stinkend - ohne Würde und ohne den Trost der Kirche. Entweder sind die Priester tot, oder sie haben Angst, die meisten jedenfalls, sich den Sterbenden zu nähern, um ihnen die letzte Beichte abzunehmen.

In den Städten stapeln sich die Leichen auf den Straßen. Es gibt nicht genügend Totengräber, um sie unter die Erde zu bringen. Schließlich überredet man die Ärmsten der Armen mit reichlich Geld, die Toten zu begraben. Doch der neue Reichtum nützt ihnen wenig. Nach wenigen Tagen liegen auch sie tot auf der Straße.
So unheimlich ist die Krankheit, dass manche schon vom Weltuntergang reden. Man kann es noch immer nicht fassen, dass dieses Grauen Wirklichkeit ist. „Und wäre ich nicht einer gewesen, der es mit den eigenen Augen gesehen hat, würde ich es kaum zu glauben, geschweige denn es niederzuschreiben wagen ..." notiert der Dichter Giovanni Boccaccio, der es miterlebt hat - in Florenz, wo etwa fünfzigtausend Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, innerhalb von Wochen der Epidemie zum Opfer fallen.

Sein Zeitgenosse Gabriele de' Mussis, Rechtsanwalt in Piacenza, verfolgt den Weg der Pestilenz und stellt fest, dass die geheimnisvolle Krankheit 1346 im Osten unter den Tataren ausgebrochen ist. Um diese Zeit, so de' Mussis, herrschte große Spannung zwischen den Tataren und den italienischen Handelsleuten, die sich am Schwarzen Meer niedergelassen hatten.

 

Tataren

Eines Tages kam es in der Stadt Tana zum Streit zwischen Christen und Tataren, es drohte Krieg. Die Italiener, die in der Minderheit waren, flüchteten nach der Küstenstadt Kaffa (heute Feodosia). Eine Tatarenarmee hetzte hinterher und nahm Stellung vor der Stadt. Für die Italiener wurde die Lage immer hoffnungsloser - aber dann geschah Seltsames: Eine grausame Seuche verbreitete sich unter den Angreifern, die Tataren starben wie die Fliegen. Das Heer wurde so geschwächt, dass es die Belagerung aufgab.

Die Menschen in der Stadt jubelten. Zu früh. Der Tod fand schließlich doch noch einen Weg zu ihnen: Bevor die Tataren den Rückzug antraten, schleuderten sie ihre Toten mit Katapulten über die Stadtmauer. Pestverseuchte, stinkende Leichen fielen vom Himmel. Die Bewohner warfen sie, so schnell es ging, ins Meer, aber es half ihnen nichts. Die Pest hatte sie bereits im Griff. Kurz darauf brach die Seuche auch unter ihnen aus. Wer konnte, flüchtete mit dem Schiff nach Europa.

Von Kaffa aus segelten die italienischen Schiffe nach Konstantinopel und Kairo. Die heimtückische Krankheit fuhr mit. Gegen Ende des Jahres 1347 erreichte die Seuche Messina, von dort reiste sie - ebenfalls per Schiff - nach Genua, Venedig, Marseille, Barcelona und in andere Hafenstädte. Händler brachten sie mit ihren Waren ins Landesinnere. Im Jahr darauf, April 1348, hielt sie Einzug in Florenz, im Juni in Paris und London. Sie überquerte die Alpen und verwüstete Süddeutschland.

lm nächsten Jahr zog sie weiter nach Norden und Osten, bis sie im Mai 1349 Bergen erreichte. 1352 schloss sich der Kreis wieder, als die Pest Moskau, das einige Hundert Kilometer nördlich von Kaffa liegt, heimsuchte.

 

Ratlosigkeit und Vorurteile

Die klügsten Köpfe Europas vermochten die Ursache der Krankheit nicht zu ergründen. Die Doktoren der angesehenen Pariser Medizinischen Gesellschaft mutmaßten, sie könnte mit einer ungewöhnlichen Konjunktion am 20. März 1345 von Saturn, Jupiter und Mars im Wassermann zusammenhängen. Auch die Stellung des Mars im Tierzeichen Löwe vom Oktober 1347 bis Mai 1348 galt als mögliche Ursache.
Ein Doktor aus Montpellier sinnierte, dass der Saturn, der 1349 im Wassermann hauste, eine Frühernte zu Folge hatte, mit dem Resultat, dass Obst und Gemüse unreif zubereitet wurden, was wiederum eine ernste Beschädigung der Verdauungsorgane bewirkte. Manche Kollegen wiesen auf verschiedene Erdbeben hin, die Miasmen, d. h. tödliche Giftgase, aus der Erde befreit hatten. Andere tippten auf Brunnenvergifter. Juden galten als die Hauptverdächtigen.

Der Grund dafür schien manchen - etwa dem Franziskanermönch Hermann Gygant in Franken - klar: Die Juden planten, das Christentum in Europa restlos auszurotten. Eine gnadenlose Judenverfolgung begann, vor allem in den deutschen Ländern. Unter Folter gestanden die vermeintlichen Täter ihre Verbrechen. Immer wieder hieß es, sie hätten Giftbeutel aus dem Ausland besorgt und deren Inhalt in die Brunnen geworfen. »Von Allerheiligen 1348 und Michaelmas 1349«, so berichtete der Geistliche Heinrich Truchsess aus Konstanz, wurden alle Juden zwischen Köln und Österreich verbrannt, ertränkt, erdolcht oder geköpft, ‚junge Männer und Mädchen und die Alten sowie alle sonstigen'. Es war die schlimmste Vernichtungsaktion gegen die Juden vor der Nazizeit.

Vergeblich rief Papst Klemens VI. am 5. Juli 1348 in seiner Bulle ‚Sicut Judeis' dazu auf, mit der Verfolgung ein Ende zu machen. Doch die hysterische Masse wollte davon nichts wissen. Nicht einmal die Tatsache, dass ebenso viele Juden wie Nichtjuden an der Pest gestorben waren, ging in ihre Köpfe. Als die jüdische Bevölkerung von Ravensburg in die Festung König Karls geflohen war, griff die Meute die Festung an und bestand auf der Auslieferung der Juden - was dann auch geschah. Aber das Töten der Juden brachte keine Linderung. Das Sterben ging weiter.
Manche mieden Meeresfrüchte und Gewürze aus dem Orient als mögliche Ursachen. Andere verbrannten Weihrauch und benetzten sich mit aromatischen Ölen, um sich vor der giftigen Luft zu schützen. Wieder andere, so genannte Geissler oder Flagellanten, marschierten von Stadt zu Stadt und peitschten sich mit Lederriemen, an deren Spitzen Nägel befestigt waren. Die Seuche war ihrer Meinung nach eine Geißel Gottes, mit der die Sündhaftigkeit der Menschen bestraft werden sollte.

 

Eine Bakterie und als Parasit ein Floh

550 Jahre vergingen, bevor Wissenschaftler der wahren Ursache der Beulenpest auf die Spur kamen. Das war 1894, als eine Pest-Epidemie im südchinesischen Hunan, in Kanton und Hongkong wütete. Der Schweizer Mikrobiologe Alexandre Yersin erfuhr damals davon und reiste nach Hongkong, um an Ort und Stelle das Blut der Erkrankten zu untersuchen. Dabei fand er den Erreger, eine Bakterie, die man heute (dem Entdecker zur zweifelhaften Ehre) Yersinia pestis nennt.
Unabhängig von ihm und zeitgleich erkannte auch der japanische Bakteriologe Shibasaburo Kitasa-to den Erreger. Obwohl er in kurzer Zeit einen Impfstoff herstellen konnte, tobte die bösartige Krankheit weiter, bis sie schließlich Indien erreichte, wo sie weitere Millionen Menschen tötete.
Inzwischen wissen Epidemiologen, dass sich der winzige Pest-Erreger bevorzugt als Parasit im Floh Xenopsylla cheopis einnistet. Der wiederum lebt gern im Fell von kleinen Nagetieren wie Ratten, Murmeltieren und Erdhörnchen. Beißt der Floh zu, wird das Tier infiziert und erkrankt. Wenn es stirbt, springt der Floh zum nächsten Warmblüter über - auch zum Menschen.

Die Seuche schlug in drei Formen zu:

1. als Beulenpest, deren Sterblichkeitsrate bei etwa 60 Prozent lag.
2. als schnell wirkende Lungenpest, die durch Tröpfcheninfektion weitergegeben wurde und fast immer mit dem Tod endete.
3. als die ebenso schnell wirkende, wenn auch seltene septizämische Pest, die eine Blutvergiftung zur Folge hatte.

 

Auswirkungen

Das Grauenvolle an dieser Krankheit: Sie war plötzlich da und konnte jeden angreifen. Sie war unberechenbar, man konnte kein System erkennen - und es gab nichts, mit dem man sich hätte schützen können. Die Pest offenbarte die tiefe Ohnmacht des Menschen. Und kein Gebet, mochte es noch so inbrünstig sein, konnte helfen. Man fühlte sich von Gott verlassen.

So, wie sie kam, ging die Pest auch wieder: von einem Tag zum anderen. Und die Überlebenden, noch benommen vom Unfassbaren, mussten entdecken, dass es ihre Frauen, Männer, Kinder, Brüder und Freunde nicht mehr gab. Sie waren tot. Oder geflohen, und niemand wusste, ob sie noch lebten. Mehr als die Hälfte der Stadtbewohner war einfach verschwunden.

Wer übers Land reiste, kam durch menschenleere Dörfer, und in vielen Gehöften gab es niemanden mehr, der das Vieh fütterte oder die Kühe und Schafe auf den Weiden beaufsichtigte. Das war das Ende der strengen feudalistischen Gesellschaft.

Die Chroniken berichten vom Zusammenbruch der Ordnung: „Überlebende der Seuche, offensichtlich in der Hoffnung, das Ganze zu vergessen, zankten viel und stritten über das Hab und Gut der Toten, oder sie überschritten unverschämterweise die Grenzen der Tugend und lebten vielfach ohne Achtung vor dem Gesetz", klagt ein Mönch vom Kloster Neuberg in Österreich.

Noch schwerwiegender als der Sittenverfall war die veränderte wirtschaftliche Situation. Überall fehlten Arbeitskräfte. Weder Bauern noch Städter gingen ihrer Arbeit nach, schreibt Boccaccio, »als würden sie jederzeit mit dem Tod rechnen«. Wenn man überhaupt Arbeiter fand, dann verlangten sie das Zwei- oder Dreifache der früheren Löhne. Mateo Villani, ein Adliger aus Florenz, ärgerte sich, weil die Armen seiner Meinung nach zu gut genährt waren. Er beschwerte sich, dass er simplen Stallknechten nun ‚fürstliche Löhne' bezahlen musste. Nur auf einem Gebiet blieb die Teuerung aus: Grundstücke und Häuser gab es zu Spottpreisen.

Das große Sterben, von späteren Generationen der ‚schwarze Tod' genannt, gilt vielen Historikern als einer der wichtigsten Einschnitte in der Geschichte Europas. Mit dieser furchtbaren Katastrophe geht das Mittelalter unwiderruflich zu Ende.

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