Die Geißler

Es gab aber auch Christen, die glaubten, Gott selber habe den Schwarzen Tod gesandt zur Strafe für das sündhafte Leben der Chri­stenheit. Um diesen Zorn Gottes abzuwenden, scharten sich vielerorts reumütige Männer zusammen und taten öffentlich Busse durch gegenseitige Geißelung. Hinter Kreuzen, Kerzen und Fahnen zogen sie, hundert, zweihundert in einer Schar, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Unter Glockengeläute traten sie in die Kirche, warfen sich dreimal kreuzförmig auf den Boden, beteten und sangen Bußlie­der. Dann begaben sie sich in feierlicher Prozession zur Geißelstätte. Jeder trug eine Geißel mit drei Strähnen. In die Strähnen waren Knoten gewunden und durch die Knoten eiserne Stacheln getrieben.

Und nun entkleideten sich die Geißelbrüder bis auf die Hüften, schritten singend im Kreise herum und schlugen einander über den entblößten Leib, dass er in grausigen Farben aufschwoll und sich mit Blut bedeckte. Dann warfen sie sich wieder auf die Erde und blieben schluchzend liegen, bis der Meister sang:

Nun hebet flehend eure Hände, dass Gott dies große Sterben wende!

Jetzt erhoben sie sich auf die Knie, streckten die Arme zum Him­mel und sangen mit inbrünstigem Flehen:

Jesus, durch deine Wunden rot behüt uns vor dem jähen Tod!

Das umstehende Volk weinte vor Ergriffenheit, und immer neue Volks­massen schlossen sich den Geißlern an.

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