Das Rittertum

Das folgende Kapitel ist den zwei Bänden "Denkwürdige Vergangenheit" entnommen.

Wenn sich der heilige Franziskus einen Spielmann Gottes nannte, so dachte er dabei wohl an die ritterlichen Sänger, die damals von Burg zu Burg zogen und ihre Helden- und Liebeslieder sangen. Denn seine Zeit war ja auch die Glanzzeit des Rittertums.

Die Vorfahren der Ritter waren die Gefolgsleute der germani­schen Herzöge und Könige gewesen, die Edlen, Getreuen, die ihrem Herrn in jedem Kriege Gefolgschaft leisteten. Bei der Eroberung neuen Landes erhielten sie zur Belohnung ein Stück Land samt den darauf wohnenden Leuten als Lehensgut, und nur selten mussten sie dieses Lehen zurückgeben. Es ging in ihren dauernden Besitz über und wurde erblich. Da bauten sie hochragende Burgen, von denen aus sie ihr Besitztum bequem überblicken konnten, dienten aber ihrem Herrn - dem König, Herzog oder Grafen - weiterhin als Ritter und Beamte.

Im Gottesstaat Karls des Großen musste der Ritter ein frommer Mann sein, und diese Forderung blieb bis ins Hochmittelalter hinein bestehen. Zwar erbte der Adelige nach damaligem Glauben seine edle Gesinnung schon mit seinem adeligen Blut: «In deme blute steckit der geist.» Doch war dieser Geburts- und Leibesadel - «des libes adil» - wertlos, wenn er nicht entsprechende Früchte trug: Des libes adil ist gar gut, aber vil bezzer ist, was man tut!

 

Sieben Tugenden

Sieben höchste Tugenden gehörten zu einem rechten Ritter: die vier weltlichen: Massigkeit, Mut, Weisheit und Gerechtigkeit - und die drei geistlichen: Glaube, Hoffnung und Liebe. Die vier ersten musste er von Jugend auf entwickeln und pflegen. Die drei andern durfte er als Gottesgeschenk erhoffen, wenn er dafür bereit war. Nur als Christ konnte er ein rechter Ritter sein.

Schon mit sieben Jahren wurde der Edelknabe zur ritterlichen Erziehung an einen fremden Hof gebracht. Im Umgang mit edlen Frauen und im Dienst seines Herrn lernte er ritterlich denken und handeln. Mit vierzehn Jahren erhielt er ein Schwert, durfte es aber noch nicht umgürten, sondern musste es an den Sattel seines Pferdes hängen. Er war jetzt Knappe und begleitete seinen Herrn als Waffenträger und Pferdeknecht auf die Jagd, zum Turnier und in den Krieg, wo er auch den Verwundeten beizustehen hatte. Erst mit einundzwanzig Jahren wurde er in einer feierlichen kirchlichen Weihe­handlung, der Schwertleite, zum Ritter geschlagen.

In strengem Fasten und Beten musste er sich darauf vorbereiten. Nach der letzten durchwachten Nacht empfing er das Abendmahl und trat dann, von Zeugen umgeben, in einem leuchtend weißen Kleide, dem Zeichen innerer Reinheit, vor den Altar. Dort bat er kniend um die Ritterwürde und leistete den Rittereid: die Kirche, Witwen und Waisen und alle, die Gott dienen, zu beschützen und zu verteidigen. Im Namen Gottes wurde ihm hierauf das eingesegnete Schwert vom Altar gereicht. Unter Gebeten gürtete er es um. Und jetzt empfing er den Ritterschlag: einen Backenstreich oder drei Schläge mit dem flachen Schwert auf Hals und Schultern zum Ge­dächtnis an die Schmach, die Christus erlitten hat, als er ins Gesicht geschlagen, unschuldig verhöhnt, gegeißelt, mit Dornen gekrönt und gekreuzigt wurde. Mit diesem Schlag wurde der Knappe zum Ritter geweiht, zum tapferen, freudigen Ritterdienst in Christi Reich. Und damit er nie vergaß, dass ihm das kreuzförmige Schwert zu diesem Dienst verliehen war, sollte er sich künftig bei jedem Gottesdienst, wenn von Christi Leiden die Rede war, erheben, das Schwert halb aus der Scheide ziehen und wieder auf die Knie fallen.

In den Kreuzzügen trat dieses christliche Rittertum am gewaltig­sten in Erscheinung, als es galt, «Kriegsdienst zu tun in Gottes Heer an eben dem Ort, wo Christus für uns gelitten hat», wie es im Brief eines ritterlichen Kreuzfahrers hieß.

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