Mönche

Nach langen Verfolgungen war das Christentum zur römischen Staatsreligion geworden. Aber das Reich Gottes, das die ersten Chri­sten erhofft hatten, kam damit nicht näher; im Gegenteil, es rückte in weiteste Ferne. Denn nun waren plötzlich alle Menschen Christen; sie wurden gezwungen, es zu sein, denn man verfolgte jetzt die Hei­den. Aber viele waren es doch nur dem Namen nach, ohne Christus innerlich aufzunehmen; sie lebten weiter wie zuvor. Wer wagte da noch zu glauben, das Christentum vermöge die Erde in ein Gottes­reich zu verwandeln? Die schon lang enttäuschte Hoffnung schwand nun ganz. Ja, es schien jetzt vielen nachdenklichen Menschen, die Erde sei überhaupt ein Reich des Bösen, und ein Gottesreich gebe es nur im Jenseits; wer schon hienieden mit Gott leben wolle, müsse der Welt entfliehen, ihre Schätze verachten und alle irdischen Wünsche nach Möglichkeit abtöten. Aus solchen Empfindungen entstand das christliche Mönchs- und Klosterleben.

 

Antonius

Es begann schon am Ende des 3.Jahrhunderts mit einem reichen ägyptischen Jüngling namens Antonius, dessen Lebensgeschichte ein Bischof seines Landes aufgezeichnet hat. Der Jüngling war christlich erzogen worden, hatte aber mit zwanzig Jahren beide Eltern verloren und verwaltete seither sein reiches Erbe. Eines Tages nun wurde in der Kirche aus dem Evangelium vorgelesen, wie Jesus einem reichen Jüngling den Rat erteilte: «Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!» Dieses Wort erschütterte Antonius, als gälte es ihm. Er stürmte aus der Kirche hinaus, schenkte seine dreihundert Äcker den Dorfbewohnern, ver­kaufte seine bewegliche Habe und verteilte den Erlös unter den Armen. Dann zog er sich in die Einsamkeit zurück, zuerst an den Rand des Dorfes, später in eine entlegene Felsenhöhle und schließlich ins Innere der Wüste, drei Tagereisen von den letzten menschlichen Behausungen entfernt. Dort lebte er in einer Oase jahrzehntelang in größter Entsagung. Er hatte eine Hacke und ein Säcklein voll Samen mitgenommen und unterhielt ein kleines Gärtchen. Wasser war vor­handen, und zweimal im Jahr durften ihm seine Freunde Brot bringen. Er wollte mit Gott allein sein. Dem Körper gönnte er nur das Allernötigste: aß nur einmal täglich vor Sonnenuntergang, fastete drei, vier Tage lang, schlief auf nackter Erde, entzog sich aber auch dem Schlaf, indem er nächtelang betete. Teuflische Geister erschie­nen ihm als tierische Schreckgestalten und quälten ihn mit bösen Ge­danken und Begierden. Aber er widerstand allen Versuchungen, und seine Seele wurde so lauter, dass reinste Freude aus seinem Antlitz strahlte. In den innigsten Augenblicken seines Gebetes schaute er in göttliches Licht und wurde eingeweiht in die tiefsten Geheimnisse der unsichtbaren Welt.

 

Die Nachfolger des Antonius

Zahlreiche Menschen, die von Antonius hörten, suchten ihn auf und fanden bei ihm Trost, Rat und Hilfe. Einzelne waren so ergriffen von seiner Lebensweise, dass sie sein Beispiel nachahmten und irgend­wo in seinem Umkreis eine weitere Einsiedlerhütte bauten. Einsied­ler, griechisch Monachoi, nannte man solche Wüstenbewohner, da­her das Wort «Mönche». Einer dieser Nachfolger, Pachomius, fasste mehrere Einsiedlerzellen zu einer Gemeinschaftswohnung zusam­men, umgab diese mit einer Mauer und schuf so das erste christliche Kloster. Kloster, lateinisch Claustrum, heißt Anschließung. Die weitabgewandte Lebensart der Mönche erweckte ansteckende Be­geisterung. Als Pachomius starb, gab es in seiner Heimat Oberägyp­ten bereits zehn Klöster, darunter auch eines für gottgeweihte Frauen, die nach einem ägyptischen Wort «Nonnen» hießen. Um 400 n.Chr. betrug die Zahl ägyptischer Mönche und Nonnen über 100.000.

Einzelne Einsiedler trieben die Weltflucht, Enthaltsamkeit und Selbstpeinigung noch weiter. Einer wählte einen tiefen, ausgetrock­neten Sodbrunnen zur Wohnung. Ein anderer mauerte sich ein und lebte sechzig Jahre lang ohne Licht von dem bisschen Nahrung, das ihm Gutwillige darreichten, wenn er seine Hand durch die krumm­geführte enge Maueröffnung streckte. Der Säulenheilige Simeon brachte dreißig Jahre auf einer zwölf Meter hohen Säule unter freiem Himmel zu. Im Osten gab es seinesgleichen bis ins 12.Jahr­hundert hinein.

Anderseits wurde schon im 4. Jahrhundert der Versuch unternom­men, das mönchische Leben aus der völligen Weltverachtung zurück­zuholen, seine segensreiche Stille, Enthaltsamkeit und Einkehr mit dem Segen der Natur und Kultur zu verbinden. Der kleinasiatische Bischof Basilius baute sein Kloster in eine anmutige, blumen- und vogelreiche Berglandschaft in der Nähe eines prächtigen Wasserfal­les, hielt seine Mönche zu körperlicher und geistiger Arbeit an und legte großen Wert auf das Gemeinschaftsleben, weil nur in der Ge­meinschaft die aus der Gottesliebe fließende Nächstenliebe gepflegt werden kann. Und so gestaltete sich später auch das Mönchstum in Europa. Im Jahre 529 errichtete Benedikt von Nursia ein christliches Kloster über den Grundmauern eines zerfallenen Göttertempels auf dem Monte Cassino, zwischen Rom und Neapel. Das wurde zum Vorbild im Abendlande. Die Gehorsamsregel, die Benedikt als Abt -Abbas, Vater - seinem Kloster gab, verband Andacht mit Arbeit, Zurückgezogenheit mit Gemeinschaft, strenge Zucht mit frohem Lobe Gottes und seines Sohnes Jesus Christus. Viele seiner Forde­rungen erinnern an die Evangelien und an die Briefe der Apostel:

Sich selbst verleugnen und Christus nachfolgen. Der Liebe zu ihm nichts vorziehen. Alle Menschen ehren. Böses nicht mit Bösem vergelten, sondern in der Liebe Christi für die Feinde beten. Alles eigene Tun überwachen, in der Gewissheit, dass Gott es sieht. Nie an Gottes Barmherzigkeit zweifeln.

«Benediktus» heißt «der Gesegnete», und es ist wirklich durch Benedikt von Nursia ein Strom des Segens in die Geschichte des Abendlandes eingeflossen.

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