Manu und der Fisch (Sage)

Dem Manu brachte man am Morgen Waschwasser, so wie man es noch heute zum Waschen für beide Hände bringt. Während er sich wusch, kam ihm ein Fisch in seine Hände. Dieser redete zu ihm das Wort: "Hege mich! Ich will dich erretten." - "Woraus willst du mich erretten?" - "Eine Flut wird alle diese Wesen hinwegspülen. Aus dieser will ich dich erretten." - "Worin besteht deine Pflege?" - Er sprach: "Solange wir noch ganz klein sind, droht uns vielfaches Verderben, und besonders frisst ein Fisch den andern, hege mich zuerst in einem Kruge! Wenn ich über ihn hinauswachse, so grabe eine Grube und hege mich in dieser! Und wenn ich über sie hinauswachse, dann trage mich nach dem Meere und setze mich hinein! Dann bin ich dem Verderben entwachsen. Dann wird in dem und dem Jahre die Flut kommen. Baue dann ein Schiff und warte auf mich, wenn dann die Flut emporsteigt, so gehe in das Schiff. Dann will ich dich erretten."

Nachdem Manu den Fisch so gehegt hatte, trug er ihn nach dem Meere und setzte ihn hinein. Und in dem Jahre, welches der Fisch genannt hatte, baute er ein Schiff und wartete auf ihn. Als die Flut emporstieg, ging er ins Schiff. Da kam der Fisch zu ihm geschwommen. Über sein Horn warf Manu vom Schiff aus eine Schlinge. Und dadurch ward er nach diesem nördlichen Gebirge gezogen.

Der Fisch sagte: "Nun hab` ich dich gerettet. Binde das Schiff an einen Baum, damit dich, während du auf dem Berge weilst, das sich dazwischendrängende Wasser nicht (vom Schiffe) trenne. In dem Maße, in welchem das Wasser fällt, in dem sollst du ihm abwärts folgen." Und er folgte ihm in dem Maße abwärts. Darum heißt auch diese Stelle des nördlichen Gebirges "Manus Abstieg".

Die Flut hatte nun alle Geschöpfe hinweggespült, und Manu allein war übrig geblieben. Um Nachkommen zu erzielen, lebte er singend und sich kasteiend. Da opferte er auch ein Paka-Opfer. Er opferte ins Wasser Schmelzbutter, saure Milch, sauren Rahm und Quark. Daraus entstand nach einem Jahr ein Weib, wie triefend stieg es empor. In seiner Fußspur sammelte sich Schmelzbutter. Zu ihm traten (die Götter) Mitra und Waruna. Sie sagten zu ihm: "Wer bist du?" - "Manus Tochter." - "Sage, die unsrige!" - Es sprach: "Nein! Derjenige, der mich hervorgebracht hat, nur dem gehöre ich." Sie begehrten einen Anteil an ihm. Ob es ihnen den gewährte oder nicht, jedenfalls ging es weiter. Es kam zu Manu. Manu fragte es: "Wer bist du?" - "Deine Tochter." - "Inwiefern, Heilige, bist du meine Tochter?" - "Diese Opferspenden, die du in die Fluten geopfert hast, die Schmelzbutter, die saure Milch, den sauren Rahm und den Quark: daraus hast du mich erzeugt. Ich bin der Segensspruch. Wende mich beim Opfer an! Wirst du mich beim Opfer anwenden, so wirst du reich werden an Nachkommenschaft, an allerlei Getier. Und welchen Segen du immer durch mich erflehen wirst, der soll dir aller zuteil werden." Darum wandte er sie an in des Opfers Mitte. Das aber ist des Opfers Mitte, was da liegt zwischen den Vor- und den Nachopfern.

Er lebte mit ihr, singend und sich kasteiend, um Nachkommen zu erzielen. Durch sie erzeugte er diese Geschöpfe, welche Manus Geschöpfe sind. Und welchen Segen er immer durch sie erflehte, der ward ihm aller zuteil.

Quelle: Johannes Hertel, Indische Märchen, Jena 1919, S. 18 - 19.

Kommentar
11.11.2018 | Liliana Dumitriu | Klassenlehrerin
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