Ein atmosphärischer Blick ins spätere Indien

Ein Beitrag von Wolfgang Aretz

Vom Dach der Welt

Die vermutlich am weitesten zurückreichende Hochkultur lag in einem Land, von dem ihr alle schon einmal gehört habt. Dieses Land scheint aus großer Höhe wie ein großes Dreieck dazuliegen, das vom ewigen Schnee des höchsten Gebirges der Welt, nämlich dem Himalaya ausgeht und das seine südliche Spitze in der ewigen Hitze einer Insel, nämlich der Insel Ceylons hat. Durch dieses Dreiecksland, es heißt ja Indien, fließen gewaltige Ströme und um diese großen Ströme herum befindet sich außerordentlich fruchtbares Land. Der eine große Fluss heißt Indus und der andere ist der Ganges. Sie bekommen ihr Wasser vom Dach der Welt, nämlich vom gewaltigen Himalaya-Gebirge und sie münden beide in den Indischen Ozean. Der eine, der Indus mündet auf der westlichen Seite des Dreiecks in den Teil des Indischen Ozeans, den man Arabisches Meer nennt, der andere, der Ganges mündet in den östlichen Teil des Indischen Ozeans, den wir als Golf von Bengalen bezeichnen. Dieses große Indien ist heute mindestens ebenso dicht bevölkert und vielsprachig wie Europa und ebenso mannigfaltig in Klima, Literatur, Philosophie und Kunst. Deshalb können wir Indien auch als einen Erdteil und nicht nur ein Land betrachten.

Wenn wir diesem Land einen Besuch abstatten würden und uns ganz in den Norden begäben, so würden wir einen besonderen Kampf miterleben können, nämlich den Kampf der kalten Sturmwinde des Himalaya mit der kraftvollen südlichen Sonne. Wir würden das daran merken, dass wir diese Landschaft dort oft im dichten Nebel durchwandern müssten. Es könnte gut passieren, dass wir uns manchmal aus den Augen verlieren würden und wir müssten rufen, um wieder zusammenzufinden. Im Nebel tauchen Gestalten auf, die uns geheimnisvoll vorkommen, bis wir sie als Bäume, Felsen oder eventuell Tiere erkennen und beruhigt oder vielleicht sogar erleichtert weitergehen können. Je weiter wir nach Süden kommen, desto klarer setzt sich die Sonne durch. Wir würden bemerken, und wir würden es klar aus dem Nebel auftauchen sehen, wie der Fluss, dem wir nachwandern, große, fruchtbare Ebenen geschaffen hat, in denen Menschen Ackerbau treiben und wo Gemüse, Früchte und wundersame Blütenpflanzen in allen Formen und Farben wachsen, die wir uns nur vorstellen können. Es sieht aus wie in einem wunderbaren Garten, wo fruchtbarer Boden, genügend Wasser und Wärme eine märchenhafte Fruchtbarkeit zustandebringen.

Viele fleißige Menschen sind auf den Feldern an der Arbeit. Es ist so warm, dass sie nur leicht bekleidet sind. Vor allem sind Männer hier an der Arbeit zu sehen und Kinder helfen mit, soweit sie schon dazu in der Lage sind. Immer wieder begegnen wir Feldern, auf denen Büsche wachsen, die statt Früchten eine Wolle tragen, die an Schönheit und Güte die Schafwolle zu übertreffen scheint. Wir würden aber auch auf große Gebiete treffen, wo noch dichter Dschungel vorhanden ist, wo Tiger, Leoparden, Schlangen und Wölfe zu Hause sind. Wir würden Menschen treffen, die Teile dieses Waldes mit einfachen Mitteln roden, mit der Axt und auch mit dem Feuer, um Land für die Landwirtschaft zu gewinnen. Sie graben um die großen Baumstümpfe herum und  schneiden die Wurzeln ab, die sich nach allen Seiten hin ausdehnen, um die Baumstümpfe ganz entfernen zu können, denn in einem Feld dürfen keine Baumstümpfe sein. Die Pflüge würden daran zerbrechen.

 

Eine Stadt

Von Ferne sehen wir schon eine Stadt hoch aufragen, die Türme und Dächer blitzen in der Sonne, die ganze Stadt ist von einer Mauer umgeben, die für Eindringlinge unüberwindlich scheint. Wir kommen näher und bemerken, dass die mächtigen Mauern aus Ziegeln gefertigt sind und gut 10 Meter aufragen. Durch das Stadttor strömen Menschen mit Waren, die sie zum Markt tragen. Auf 2-rädrigen Karren, die von Ochsen- teilweise auch von Pferden gezogen werden, fahren die Bauern ihre Früchte in die Stadt. Viele Menschen tragen riesige Körbe auf ihren Köpfen. Wir fügen uns in die geschäftigen, Lasten schleppenden Menschen ein und gehen mit ihnen. Neben der Straße bieten Barbiere und Haarwäscher ihre Dienste an, vor einer Töpferei türmen sich die Waren, nebenan hat ein Korbflechter seine Werkstatt und auf der anderen Straßenseite hat ein Zuckerbäcker sein Haus. Der Metzger ist gleich nebenan. Wir finden aber auch Färbereien und Werkstätten, in denen Metall, Holz, Stein, Leder und auch Elfenbein verarbeitet wird. Blumenhändler bieten ihre bunte Ware an und Köche laden die Vorbeieilenden zu einer Mahlzeit ein. Immer wieder begegnen uns Menschen, die herrliche, farbenprächtige Gewänder anhaben, die eine so außergewöhnliche Vollkommenheit haben, über die wir uns wundern. In einer Weberei werden Feinste Baumwollstoffe angeboten, dass man große Bahnen davon durch einen Ring von bescheidener Größe ziehen kann. Noch nie haben wir so feine Stickereien gesehen. Durch die engen Gassen wandern wir dem Fluss zu. Es fallen uns die Armen auf; sie haben nur Lumpen an sitzen in einer Ecke und warten darauf, dass man ihnen etwas zukommen lässt. Eine Bettlerin bittet um ein Almosen für einen verstorbenen alten Mann, der auf dem Weg liegt, wo er gelebt hatte und jetzt auch gestorben ist. Einige Vorbeigehende werfen Münzen auf den Toten. Ein Händler, der nebenan seine Waren anbietet, ersteht mit den Almosen ein Baumwolltuch, in das der Alte gehüllt wird. Es reicht allerdings nicht für eine Feuerbestattung, deshalb wird er einige Stunden später abgeholt, mit Steinen beschwert und in den Ganges geworfen.

 

Heilige Männer

Wir finden aber auch Menschen, die aus freien Stücken auf allen Besitz verzichtet haben und die sich selbst große Prüfungen auferlegen. Es sind die heiligen Männer Indiens. An den Badeplätzen unten am Fluss begegnen wir vielen. Sie sitzen unbeweglich in sich versunken. Manche sind alt, andere sind jung. Manche tragen einen Fetzen um ihre Schultern, manche einen Schurz um die Lenden und wieder andere haben den ganzen Körper und das Haar mit Asche bedeckt. Sie kauern bewegungslos mit überkreuzten Beinen und starren auf die Nase oder den Nabel. Wir sehen einen, der sich in der sengenden Hitze der Mittagsstunde mit prasselnden Feuern umgibt, manche gehen barfuß auf glühenden Kohlen oder schütten sich die Kohlen auf das Haupt. Sie scheinen keinen Schmerz dabei zu verspüren. Von einem sagen die Leute, dass er nun schon 35 Jahre lang nackt auf einem Bett aus Eisenspitzen schläft. Einige verharren jahrelang still in der gleichen Haltung, essen Blätter und Nüsse, die ihnen das Volk bringt. All das tun sie, um zur Erkenntnis zu gelangen. Die meisten aber können wir nicht sehen, weil sie die auffallenden Methoden vermeiden und die Wahrheit in der Zurückgezogenheit ihres Heims suchen. Immer aber ist ihr Leben vom Verzicht geprägt, der Gewinn auf einer ganz anderen Seite des Lebens bringen soll. Es gibt auch Männer, die für das Volk sprechen und predigen, ohne je auf einer Schule das Priester- oder Lehrerhandwerk erlernt zu haben. Wenn wir ihnen lauschen, können wir nur staunen. Menschen, die wie armselige Bettler wirken, sprechen wie gelehrte, weise Philosophen oder Professoren. Einer spricht folgende Worte: „Wer die Seele als unzerstörbar kennt, ewig ungeboren, unvergänglich - der weiß, dass ein Mann seinen Körper wie abgenutzte Kleider ablegt, wenn er stirbt. Seine Seele tritt wieder in andere, neue Körper ein. Sie Seele kann von Schwertern nicht zerschnitten werden und das Feuer brennt sie nicht; nicht benetzen sie die Wasser, nicht vertrocknet sie der Wind. Unzerschneidbar ist sie, unverbrennbar ist sie, unbenetzbar ist sie und auch nicht auszutrocknen. Sie ist ewig, allgegenwärtig, fest, unbeweglich und immerwährend. Die Seele ist ewig, unverletzlich, sie ist in jedermanns Körper." Und dann frägt er die Zuhörenden, was Tun, bzw. was Nichttun im Leben des Menschen sei. Schließlich gibt er selbst die Antwort und sagt: „Durch diese Frage werden selbst Weise verwirrt. Denn auf die Tat muss man achten und achten muss man auf die unerlaubte Tat. Aber auch auf das Nichttun muss man achten. Denn wer etwas nicht tut, der hat auch gehandelt. Stellt euch vor, eine Frau wird auf der Straße beleidigt und ihr schaut nur zu, ohne ihr zu Hilfe zu eilen. Ja, auf das Nichttun müsst ihr auch achten! Könnt ihr verstehen, wenn ich euch sage, dass nur der ein Einsichtsvoller unter den Menschen ist, der in der Tat die Nicht-Tat und in der Nicht-Tat wiederum die Tat sieht. Und nur wer dieses verstanden hat, kann gesammelten Geistes seine Taten verrichten. Es kommt also darauf an, den inneren Blick so zu führen, als ob wir tatsächlich dort wären.

 

Weitere Themen

Wir müssen die Kleidung der Menschen beschreiben, ihre Sprache, ihr Verhalten, Sitten, Gebräuche. Die verschiedenen Klassen bzw. Kasten können erkannt werden, also das Kastensystem kann beschrieben werden. Wir können in unserer Phantasie mit dem Angehörigen einer Kaste sprechen und aus dem Gespräch kann diese ganze Ordnung deutlich werden und auch die Haltung der Menschen dazu, die sich einfügen und nicht gegen die Verhältnisse aufbegehren. Wir können weiter durch die Stadt wandern und eventuell zum Fluss kommen und das Leben dort schildern, wie die Menschen größte Achtung vor dem Wasser haben, wie sie sich jeden Tag darin reinigen, wie die Toten am Fluss verbrannt werden, wie der älteste Sohn des Verstorbenen den Scheiterhaufen anzünden muss. So ist es Sitte, denn das ist nötig, damit der Verstorbene nachtodlich den rechten Weg leichter finden kann. Wir könnten uns fragen, ob wir auch schildern sollen, wie in gewissen Zeiten die Alten freiwillig aus dem Leben geschieden sind, indem sie sich von ihren Kindern auf den Fluss hinausfahren haben lassen und sich dann ins Wasser gestürzt haben. Und auf unserer weiteren Wanderung durch die Stadt können nun verschiedene Seiten dieser Kultur betrachtet werden: das Leben der Frauen, die Erziehung der Kinder, wie es um das Handwerk bestellt ist. (Es wurde ein Ring gefunden, der wohl schon 4000 Jahre vor Christus hergestellt wurde und der so fein gearbeitet ist, dass er in einem der teuersten Juwelierläden, also bei Tiffany heute eine Kostbarkeit wäre. Das zeigt, wie ungeheuer geschickt die Menschen mit harten Materialien und Metallen schon umgehen konnten.)

Kommentar
27.09.2017 | J. Skyfarmer | Klassenlehrerin
Danke für den tollen Text!!!
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