Der Tod

Von Wolfgang Aretz

Der Tod ist in Indien viel gegenwärtiger als in den Industriegesellschaften des Westens. In der Stadt begegnet man Leichen, die nur in ein dünnes Baumwolltuch gehüllt, auf Bambusstangen gebunden mitten durch das Gewimmel der Straßen zur nächsten Verbrennungsstätte getragen werden. Die Verbrennung findet nicht verborgen in einem Krematorium statt, sondern unter freiem Himmel im Lärm und in der Hitze des Tages. Die Asche wird anschließend in den Fluss gefegt. Es gibt keine Stätte, die an den Toten erinnert.

Das Sakrament des Todes wird sehr ernst genommen. Nach altem Ritus muss der Sohn des Toten den Scheiterhaufen anzünden, und wer keinen Sohn hat, adoptiert einen, um in der entscheidenden Stunde nicht im Stich gelassen zu werden. Man ist der Meinung, dass es der Seele des Verstorbenen ohne diesen letzten Dienst des Sohnes in der anderen Welt nicht gut geht. Der Sohn lässt sich beim Tod des Vaters den Schädel kahl scheren und beachtet genau die Regel der 13-tägigen Trauer, um der Seele seines Vaters den Weg in die andere Welt zu ebnen. Allerdings wird die Trauer nicht so zur Schau getragen. Es gibt keine schwarzen Gewänder und auch keine Totenklage. Der Tod ist in Kreislauf der Geburten nur ein Übergang zu einem anderen Lebensstadium. Trauer fordert daher weniger Gefühl als die genaue Beachtung der Riten, die nach dem Verwandtschaftsgrad abgestuft sind.

Das Horoskop ist sehr wichtig, auch für die Heiratsvermittlung. Eine spontane Liebesheirat ist auch heute noch ungewöhnlich. Ehen werden nach dem Rat der Eltern geschlossen. Die Erscheinung wird nicht so wichtig genommen, der schöne Schein kann trügen.

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