Armut und Reichtum

Epochenhefttext von Sieglinde Roth

Wie der dreiköpfige Gott in der großen Grotte zu Bombay neben dem erhabenen Gesicht des Schöpfers (Brahma) und dem wohlwollenden des Erhalters (Vishnu) das Gesicht des unbarmherzigen Zerstörers (Shiva) zeigt, blickt Indien die Welt mit drei Gesichtern an, dem weltentrückten der Weisheit, dem zufriedenen Lächeln des Reichtums und der verhärmten Miene der Armut.

Der indische Mensch nimmt diese Ungleichheiten oder scheinbare Ungerechtigkeiten an, sie gehören zu seiner Weltanschauung. Der eine wird niedrig, der andere hoch geboren, der eine gesund, der andere krank, dem einen lächelt das Glück, der andere wird vom Unglück verfolgt. Ausgleich und Aufstieg bleiben der Kette der Wiedergeburten überlassen. Ein Leben reicht nicht aus, um die Summe zu ziehen. Allerdings kann dadurch ein Gefühl der sozialen Verantwortung nur wenig aufkommen.  Ungewöhnlich ist für unsere Verhältnisse, dass selbst reiche Menschen geradezu asketisch leben können.

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