Griechenland

aus: Sagen des klassischen Altertums von Gustav Schwab

Als noch das eherne Menschengeschlecht auf Erden hauste, kam Zeus, dem Weltbeherrscher, schlimme Kunde von seinen Freveln zu Ohren. Er beschloss deshalb, selbst die Erde zu durchstreifen. Aber allenthalben fand er die Wahrheit noch ärger als das Gerücht.

Eines Abends, in später Dämmerung, trat er unter das ungastliche Dach des Arkadierkönigs Lykaon und ließ durch einige Wunderzeichen merken, dass ein Gott gekommen sei. Die Menge warf sich auf die Knie; Lykaon jedoch spottete über ihre frommen Gebete. „Lasst uns sehen", sprach er, „ob der Fremde ein Sterblicher oder ein Himmlischer ist!" Im Herzen beschloss er, den Gast um Mitternacht, wenn er schlafen gegangen wäre, zu töten. Noch vorher aber schlachtete er einen armen Vergeiselten, den ihm das Volk der Molosser geschickt hatte, kochte die Glieder in siedendem Wasser oder briet sie am Feuer und setzte sie dem Fremdling zum Nachtmahl vor. Zeus aber durchschaute die Untat, er fuhr vom Mahle empor und sandte die rächende Flamme über die Burg des Gottlosen. Bestürzt entfloh König Lykaon ins freie Feld. Der erste Klagelaut, den er ausstieß, war ein Geheul; zugleich wurde sein Gewand zu Zotteln, seine Arme zu Beinen, er war in einen blutdürstigen Wolf verwandelt.

Zeus kehrte zum Olymp zurück, hielt mit den Göttern Rat und gedachte, das ruchlose Menschengeschlecht zu vertilgen. Schon wollte er auf alle Länder Blitze verstreuen; aber die Furcht, der Äther könne in Flammen geraten und die Achse des Weltalls verlodern, hielt ihn zurück. Er legte die Donnerkeile, die ihm die Zyklopen geschmiedet, wieder beiseite und beschloss, über die ganze Erde Wassergüsse zu senden und so die Sterblichen zu vernichten. Schon wurden alle Winde, die die Wolken verscheuchten, in die Höhlen des Äolos verschlossen. Nur der Regen bringende Südwind flog mit triefenden Schwingen zur Erde. Sein Antlitz war pechschwarz, sein Bart schwer von Nässe, von seinem weißen Haupthaar rann die Flut.

Der Südwind griff zum Himmel, er fasste mit der Hand die tief hängenden Wolken und fing an, sie auszupressen. Donner rollte, Regenfluten stürzten nieder. Die Saat beugte sich unter wogendem Sturm, verdorben war die Arbeit des ganzen Jahres. Auch Poseidon kam dem Bruder Zeus bei dem Zerstörungswerke zu Hilfe, rief alle Flüsse zusammen und befahl ihnen, die Dämme zu durchbrechen. Er selbst durchstach mit seinem Dreizack die Deiche. Bald strömten die Flüsse über die offene Flur und rissen Wälder, Tempel und Häuser fort. Blieb ein Palast stehen, so deckte das Wasser seinen Giebel, die höchsten Türme verbargen sich im Strudel.

Alles war See, gestadelose See. Die Menschen suchten sich zu retten, so gut sie konnten; der eine erkletterte einen Berggipfel, der andere bestieg einen Kahn und ruderte über das Dach seines versunkenen Hauses oder über die Hügel seiner Weinpflanzungen dahin. Aber den Eber, den eilenden Hirsch erjagte die Flut. Ganze Völker wurden vom Wasser hinweggerafft, und was die Welle verschonte, starb den Hungertod auf unbebauten Gipfeln.

Ein einzelner hoher Berg ragte noch mit zwei Spitzen im Lande Phokis aus der alles bedeckenden Meerflut auf. Es war der Parnassos. Zu ihm trieb in seinem Schiff Deukalion, des Prometheus Sohn, den der Vater gewarnt. Er hatte seine Gattin Pyrrha bei sich. Noch gab es keinen Mann und kein Weib, die an Rechtschaffenheit und Ehrfurcht vor den Göttern die beiden übertroffen hätten.

Als nun Zeus, vom Himmel herabschauend, die Welt von Fluten überschwemmt und von den tausendmal Tausenden nur ein einziges Menschen-Paar übrig sah, beide unsträflich, beide andächtige Verehrer der Gottheit, da sandte er den Nordwind aus und hieß ihn die schwarzen Wolken und die Nebel entführen; er zeigte der Erde den Himmel und dem Himmel die Erde wieder. Auch Poseidon legte den Dreizack nieder und besänftigte die Flut. Am Meer hoben sich Ufer auf, die Flüsse kehrten in ihr Bett zurück; Wälder streckten ihre mit Schlamm bedeckten Baumwipfel aus der Tiefe hervor. Endlich breitete sich auch wieder ebenes Land aus.

Deukalion blickte um sich. Das Land war verwüstet und voll Grabesstille. Tränen rollten ihm bei diesem Anblick über die Wangen. „Geliebte", sagte er zu Pyrrha, seinem Weib, „so weit ich in die Länder schaue, nach allen Weltgegenden hin, kann ich keine lebende Seele entdecken. Wir zwei bilden miteinander das Volk der Erde, alle anderen sind in der Wasserflut untergegangen. Aber auch wir sind unseres Lebens nicht sicher. Jede Wolke, die ich sehe, erschreckt meine Seele. Und wenn selbst alle Gefahr vorüber wäre, was fangen wir Einsamen an? Ach, dass mich mein Vater Prometheus die Kunst gelehrt hätte, Menschen zu erschaffen und geformtem Tone Geist einzuhauchen!" So sprach er, und das Paar warf sich vor einem halbzerstörten Altar der Göttin Themis auf die Knie nieder und begann zu der Himmlischen zu flehen: „Sag uns an, Unsterbliche, durch welche Kunst wecken wir das Menschengeschlecht zum ändern! O hilf der versunkenen Welt wieder zum Leben!"

„Verlasset meinen Altar", tönte die Stimme der Göttin, „umschleiert euer Haupt und werfet die Gebeine eurer Mutter hinter euch!"

Lange verwunderten sich beide über diesen rätselhaften Spruch. Pyrrha brach zuerst das Schweigen. „Verzeih mir, hohe Göttin", sprach sie, „wenn ich dir nicht gehorche und meiner Mutter Schatten nicht durch Zerstreuung ihrer Gebeine kränke!" Aber dem Deukalion fuhr es wie ein Lichtstrahl unter die Stirn. „Entweder trügt mich mein Sinn", sagte er, „oder die Worte der Götter sind fromm und verbergen keinen Frevel! Unsere große Mutter, das ist die Erde, ihre Knochen sind die Steine; und diese, Pyrrha, sollen wir hinter uns werfen!"

So verließen die beiden den Altar, verhüllten ihr Haupt, entgürteten ihre Kleider und warfen, wie ihnen befohlen war, Felsbrocken hinter sich. Da ereignete sich ein Wunder: das Gestein begann seine Härte und Spröde abzulegen, wurde geschmeidig und wuchs und gewann. Menschliche Formen traten hervor, zunächst rohe Gebilde, wie wenn ein Künstler aus dem Marmor im Groben eine Gestalt herausmeißelt. Was dabei an den Steinen feucht oder erdig war, das wurde zu Fleisch an dem Körper. Das Unbeugsame, Feste ward in Knochen verwandelt; das Geäder blieb Geäder. So gewannen mit Hilfe der Götter in kurzer Frist die vom Manne geworfenen Steine männliche Bildung, die vom Weibe geworfenen weibliche.

Diesen ihren Ursprung verleugnen die Menschen nicht. Sie sind ein hartes Geschlecht und taugen zur Arbeit. Jeden Augenblick erinnern sie sich daran, aus welchem Stamm sie erwachsen sind.

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