Rom - eine Millionenstadt

Aus „Das Leben im alten Rom" von U. E. Paoli (1948)

In diesem Rom, in dem die vom Schicksal Begünstigten ungeheure Summen für die Zubereitung eines Festmahles oder für die Ausschmückung des Hauses mit seltenen und kostbaren Gegenständen ausgaben, wo man für einen Zwerg hohe Preise bezahlte, in diesem Rom gab es aber auch viele Menschen, die des Nachts unter den Bogen der Brücken schliefen... Zwischen prunkvollem Marmor nisteten kümmerliche Hütten, und in den Hütten hauste der Hunger. Im Winter zitterten viele unter der Kälte. In den Mietshäusern waren die Zimmer klein, eiskalt und dunkel. Auch die Hänge­böden der Läden waren bewohnt; oftmals waren diese Räume noch auf mehrere Familien aufgeteilt; in diesen Mauselöchern waren wenig Licht, wenig Luft, aber viele Wanzen und auseinanderfallende Betten; wer kein Bett besaß, schlief auf Strohmatten...

Das Leben in den einzelnen Stadtteilen und ihr Äußeres richtete sich nach diesen Gegensätzen. Die Quartiere des Volkes hatten einen fast ländlichen Charakter, den auch der mächtige Rhythmus der Metropole nicht beseitigen konnte, so wie er auch anderswo ihn nicht hinwegtäuschen kann. In bestimmten Teilen der Stadt und zu gewissen Stunden pulsierte ein richtiges Jahrmarktstreiben. Zahllose fahrende Händ­ler trieben hier ihr Gewerbe: sie verkauften Schwefelhölzer oder tauschten sie gegen zerbrochene Glassachen; sie kauften und verkauften alte Schuhe; Marktschreier, von einem Tunika tragenden Völkchen umgeben, versteigerten den geringfügigsten Tand; die libelliones boten gebrauchte Bücher an. Die Inhaber der Popinae, der Garküchen, die warme Speisen und Wurst (salarii) verkauften, zogen umher, ihre Waren anpreisend; in den Straßen oder den Thermen boten die Laufjungen gebackene Würste und andere Esswaren an, indem sie durch besondere Verse und Gebärden die Aufmerksamkeit der Käufer auf sich zu lenken suchten (wie noch heute gewisse Ver­käufer in Neapel). Die Römer aßen mit großer Vorliebe Erbskuchen; wer sie zu verkaufen hatte, machte glänzende Geschäfte. Und es gab auch damals, wie heute noch, jene mit Strohmatten und Teppichen herumziehenden Hausierer, und auch damals schon ließen sie schließlich vom Preise ab, nachdem der Käufer ein wenig mit ihnen geplaudert und heruntergehandelt hatte...

Die Zahl der Läden war unabsehbar; große Luxusgeschäfte wechselten mit dunklen Löchern, in denen fleißige Arbeiter auf Bestellung schafften. Wie in den alten Quar­tieren unserer Städte häuften sich in manchen Straßen Geschäfte gleicher Ware. Cicero nennt z. B. eine Sichelschmiedestraße (inter falcarios); es gab einen Vicus Ungentarius der Parfümverkäufer; den Vicus Vitrarius der Glaser; in der Nähe des Floratempels gab es eine Straße der tonsores. Diese Sonderheit hatte auch ihren prak­tischen Wert: da in den antiken Städten die Hausnummern und genaue Bezeichnung der Straßen fehlten, bezeichnete man einen bestimmten Ort mit der Angabe des nächstliegenden Monumentes oder mit der Art der Läden, die der Straße ihren Charakter verliehen . . .

Sich in Rom fortzubewegen, war nicht ohne Gefahren. Bei dem dauernden Bauen musste man aufpassen, dass nicht irgendein Aufzug, der Steine und schwe­re Balken emporzog, einem den Schädel einschlug. Das Gesetz, das während der Tagesstunden den Verkehr der Wagen untersagte, sah ausdrücklich eine Ausnahme für die schweren Lastwagen vor, die Baumaterial für die Tempel und öffentlichen Bauten heranschafften oder Schutt abfuhren; und diese Lastwagen waren überall anzutreffen, sie versperrten alle Straßen und Plätze, ja verweilten sogar auf dem Forum. Außer diesen Wagen gab es noch die schwer beladenen Lastesel und Träger, die unter ihren vollen Tragkörben stöhnten. Alle hatten es eilig und schimpften. Des Nachts waren die Straßen stockdunkel. Wer nicht Gefahr laufen wollte, sich ein Bein zu brechen oder eine unangenehme Begegnung zu machen, ließ sich von einem Diener mit der Fackel begleiten. Die fackeltragenden Sklaven begleiteten die Herren zum Festmahl und verharrten dann stundenlang auf den Treppen des Vorraumes, während die Herren tranken und sich unterhielten... Das Dunkel der Nacht unter­brach nur teilweise den großen Verkehr, der in der Großstadt niemals ganz aufhört. Der Lärm schwächte ab, aber erstarb nie. In Rom lebte man inter strepitus nocturnos atque diurnos. Bei Sonnenuntergang begann von neuem der Wagenverkehr, der tagsüber untersagt war. Quietschend und knarrend bewegten sich lange Kolonnen von schweren Lastwagen (plaustra], mit Salz und Korn beladen, mit all den Waren, die Rom in seinen Speichern am Tiber anhäufte, um sie dann von hier aus auf die nördlichen Provinzen zu verteilen... Auch die Reisewagen, die während der Tages­stunden an den Toren anhalten mussten, durchfuhren in allen Richtungen die Straßen Roms; ihnen eilte ein servus praelucens voraus, der vor den Pferden herschritt, um mit ei­ner Fackel den Weg zu beleuchten... Sie fuhren in schnellem Tempo durch die Stadt; eilten durch die breiten, aber auch durch die engen Straßen, von den Flüchen derer verfolgt, die Gefahr liefen, überfahren zu werden, während der Lärm der Räder sich in der Finsternis verlief. Die Nacht dient zum Schlafen, aber nicht alle schliefen in Rom. Wer studierte, benutzte auch die Stunden der Nacht zum Studium, indem er sich einer Lampe bediente...

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