Die Hoplomachie (Der Gladiatorenkampf)

Aus „Das Alltagsleben im alten Rom zur Blütezeit des Kaisertums" von J. Carcopino (1948)

Der eigentliche Gladiatorenkampf war die Hoplomachie. Manchmal war es nur ein Scheingefecht mit stumpfen Waffen, wie sie bei unseren Fechtübungen gebräuchlich sind; dann hieß es prolusio oder lusio, je nachdem, ob es dem wirklichen Kampf vor­ausging oder einen ganzen Waffengang oder auch mehrere hintereinander ausmachte. Aber auf jeden Fall war es nur ein Vorgeschmack des munus, der mit scharfen Waffen ausgetragenen, blutigen Zweikämpfe, die sich entweder in unendlicher Folge hinter­einander abwickelten oder auch in großer Zahl gleichzeitig stattfanden und in denen jeder Gladiator nur dadurch dem Tod zu entgehen versuchte, indem er den Gegner um­zubringen trachtete. Am Vortag vereinte die Kämpfer ein üppiger Festschmaus, der für viele ihre letzte Mahlzeit war...

Am folgenden Tag begann das munus mit einer Parade. Die Fechter wurden im Wagen vom ludus magnus zum Colosseum geführt, stiegen vor dem Amphitheater aus und zogen in militärischer Ordnung um die Arena herum, bekleidet mit purpurfarbenen, goldgestickten chlamydes. Sie gingen in ungezwungener Haltung, mit freien Händen, gefolgt von Dienern, die ihre Waffen trugen. Sobald sie vor der Kaiserloge angekommen waren, wendeten sie sich dem Herrscher zu, streckten die Rechte gegen ihn aus, als Zeichen ehrerbietiger Begrüßung, und richteten den traurigen Zuruf an ihn, der nur allzusehr der Wahrheit entsprach: „Heil dir, Cäsar, die Todgeweihten grüßen dich!" Ave Imperator, morituri tesalutant! Wenn der Aufmarsch beendet war, ging man an die Prüfung der Waffen. Dabei wurden die Schwerter ausgeschaltet, deren Schneide oder Spitze stumpf war, damit der Zweck des traurigen Geschäfts auch wirklich erfüllt werden konnte. Wenn die Waffen für gut befunden und verteilt waren, bestimmte man durch das Los die Paare der Zweikämpfer, je nachdem, ob beschlossen war, die Kämpfer derselben oder verschiedener Kategorien zusammenzustellen, z. B. einen Samniten und einen Thraker oder einen murmillo und einen retiarius...

Hierauf erhoben sich die Klänge eines misstönenden Orchesters, das man am besten als Jazz bezeichnen könnte, denn es mischten sich darin die Flöten mit kreischenden Trompeten und den Hörnern der hydraulischen Orgel. Unter dieser Musikbegleitung wurde nun auf ein Zeichen des Vorsitzenden die Reihe der Zweikämpfe eröffnet. Kaum hatten die Fechter des ersten Paares Fühlung zu nehmen begonnen, ergriff ein Fieber das ganze Amphitheater wie bei den Rennen... Wie bei den ludi wurden Wet­ten (sponsiones) abgeschlossen, und da zu befürchten war, dass infolge eines geheimen Übereinkommens zwischen den Kämpfern der Waffengang nur ein Scheingefecht sein könnte, hielt sich ein Abrichter in ihrer Nähe, der, sooft es nötig schien, den unter seinem Befehl stehenden lorarii, den „Knutenmeistern", die Weisung gab, den Kampfeseifer der Fechter durch entsprechende Zurufe anzuspornen: „Schlag zu!" (verbera), „Erstich ihn!" (iugula), „Brenn' ihn!" (ure) oder auch kräftigere Mittel anzuwenden, nämlich die Kämpfer mit Lederriemen blutig zu schlagen. Bei jeder Verwundung, die einer der Gegner davontrug, ging eine Welle hässlicher Leidenschaft durch die Menge der Zuschauer, die für ihre Einsätze zitterten. Sobald derjenige wankte, gegen den sie gewettet hatten, konnten sie sich nicht mehr halten vor wider­licher Fröhlichkeit und verkündeten schreiend die Treffer. Es war eine barbarische Freude, die sie über den Sieg ihres Helden empfanden, wenn sie den Gegner unter einem tödlichen Hieb zusammen­brechen sahen.

Sofort näherten sich Sklaven, als Charon oder Hermes Psychopompos verkleidet, dem auf dem Boden Liegenden, überzeugten sich durch Hammerklopfen auf seine Stirne, dass er wirklich tot war, und machten den libitinani ein Zeichen, ihn auf einer ihrer Bahren aus der Arena zu tragen, wo der blutige Sand in aller Eile umgeschaufelt wurde. Manchmal blieb der Kampf, so erbittert er auch war, unentschieden. An Kraft und Geschicklichkeit einander ebenbürtig, fielen die Gegner entweder zugleich oder sie hielten sich beide aufrecht (stantes). Dann wurde das Treffen für ungültig erklärt, und das zweite Paar kam an die Reihe. Meistens war der Besiegte nur betäubt oder verwundet, aber nicht zu Tode getroffen. Aber außerstande den Kampf fortzusetzen, streckte er die Waffen, legte sich auf den Rücken und hob die linke Hand zum Zeichen, dass er um Gnade bat. Eigentlich stand dem Sieger das Recht zu, Gnade zu gewähren oder nicht... Aber vor dem Kaiser verzichtete der Sieger auf sein Recht, und oft befragte der Herrscher selbst, bevor er es ausübte, die Menge. Wenn der Besiegte sich tapfer gewehrt hatte, schwenkten die Zuschauer ihre Taschentücher, hoben ihren Daumen empor und schrien: „Lass ihn laufen!" Wenn der Kaiser ihrem Wunsche willfahrte und wie sie seinen Daumen nach oben richtete, war der Besiegte begnadigt und lebend aus der Arena entlassen (missus). Wenn die Zuschauer dagegen der Meinung waren, dass er durch seinen schwächlichen Widerstand seine Niederlage verdient hatte, richteten sie ihre Daumen nach unten und schrien: Jugulal „Erstich ihn!" Und der Kaiser befahl ruhig, indem er dasselbe Zeichen mit dem Daumen mach­te, pollice verso, den zu Boden gestreckten Gladiator zu töten, der nun nichts anderes mehr zu tun hatte, als seinen Hals dem Gnadenstoß des Siegers darzubieten. Der siegreiche Fechter war ihm mit knapper Not entgangen und wurde auf der Stelle belohnt. Er erhielt mit Goldstücken vollgehäufte Silberplatten und andere kostbare Gaben und lief mit diesen Geschenken beladen unter den Beifallsstürmen des Publi­kums aus der Arena. Mit einem Schlag war er reich und berühmt... Aber weder Reichtum noch Frauengunst brachten ihm vorerst die Befreiung. Gewöhnlich musste er noch in weiteren Kämpfen sein Leben aufs Spiel setzen und andere vernichten, bevor er statt der Palmzweige, die ihm seine Siege eintrugen, das Ehrenzeichen des hölzernen Stabes, rudis, erhielt, das seine Befreiung bedeutete...

Am längsten, nämlich bis ins Ende des 3. Jahrhunderts, haben sich nicht nur in Rom, sondern auch in den Munizipien die munera sine missione erhalten, d. h. die Gladiatorenkämpfe, aus denen niemand mit dem Leben davonkam. In diesen Kämp­fen wurde, sobald einer der Fechter gefallen war, dem Sieger sogleich ein anderer Gegner gegenübergestellt, tertiarius oder suppositicius. Und so ging es fort, bis keiner mehr übrig war. Außerdem gab es innerhalb des normalen Programms, das in Rom immer einen ganzen Tag ausfüllte, noch besonders grässliche Nummern; das war die venatio am Morgen und die Hoplomachie zu Mittag, Auch hier war der Tod unaus­weichlich und jede Tapferkeit nutzlos. Die gladiatores meridiani setzten sich aus­schließlich aus Räubern, Mördern und Brandstiftern zusammen, die ihrer Verbrechen wegen zum Tod im Amphitheater verurteilt worden waren - noxü ad gladium ludi damnati. Sie kamen in der Mittagspause an die Reihe. Seneca hat uns dieses schänd­liche Schauspiel beschrieben.

Die Verurteilten wurden paarweise, je ein Bewaffneter einem Waffenlosen, gegenüber­gestellt, bis der letzte getötet war.

Das morgendliche Blutbad war noch scheußlicher... Missetäter beiderlei Geschlechts und jeglichen Alters, die der Richter wegen der besonderen - sei es wirklichen oder angenommenen - Ruchlosigkeit ihres Verbrechens und der Niedrigkeit ihres Standes für diese Todesart (ad bestias) bestimmt hatte, wurden bei Morgengrauen in die Arena geschleppt, auf die aus dem Souterrain die wilden Tiere losgelassen wurden... Diese Art der Tortur ist durch den Heldenmut der jungfräulichen Blandina im Amphi­theater von Lyon, durch Perpetua und Felicitas in Carthago und auch in Rom durch viele heiliggesprochene oder unbekannte Angehörige der römischen Kirche verherr­licht worden. Zur Erinnerung an diese Martyrien erhebt sich heute inmitten des Kolosseums ein Kreuz als schweigende Anklage gegen die Barbarei, der seine Getreuen zum Opfer gefallen sind, bevor sie ihr ein Ende bereitet haben.

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