Der Sklavenmarkt (Erzählung von Hans Dieter Stöver)

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von dem Schriftsteller Hans Dieter Stöver aus: „Drei Tage in Rom"

Lucius war zwar schon einmal bei einem früheren Besuch zusammen mit dem Vater in die Innenstadt gegangen. Aber damals hatte er nur ein paar Geschäfte gesehen, war über das Forum Romanum gegan­gen, hatte einen Blick auf die verschiedenen Tempel geworfen. Noch nie war er an einem Sklavenmarkt gewesen. Darum war er sehr gespannt, wie es dort zugehen würde. Erklären konnte man es schlecht, man musste es selbst gesehen haben.

Gaius Tellius machte den Führer. Er benutzte Nebengassen und ruhigere Straßen, die zwar enger als der Clivus Suburanus und das Argiletum waren, dafür aber weniger belebt. Und so kamen sie zügig voran. Lucius hatte, als er durch die engen, schmutzigen und stinkenden Gassen ging, das bedrückende Gefühl, die Mauern wür­den ihn einklemmen. Scheu blickte er in die Höhe. Der Himmel war nur als schmaler Streifen zu erkennen. Oben hatten die Nachbarn Seile von Haus zu Haus gespannt und daran ihre gewaschenen Klei­dungsstücke, Tücher, Kinderwindeln und alle möglichen Lappen mit Holzklammern zum Trocknen aufgehängt.

Dann erreichten sie unvermittelt eine breite Straße, die sich nach rechts hin zu einem Platz erweiterte. Das konnte nur das Forum sein. Es wimmelte da von Menschen aller Stände, Altersgruppen und Ras­sen. Gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, die glatte Front vornehmer Stadthäuser, verschlossen und abweisend. Sie hatten kaum Fenster zur Straße hin. Die Eingänge lagen etwas zurückver­setzt, um bei schlechtem Wetter die Bewohner, Besucher oder Gäste beim Eintritt vor dem Regen zu schützen.

Als sie wieder mal eine größere Menge von Menschen hinter sich gelassen hatten, erklärte Tellius: «Natürlich kannst du die billige Massenware besser auf dem Marsfeld kaufen. Dort hat auch Tigranes mehrere Läden. Dort kauft der kleine Mann, dem vor ein paar Tagen sein alter Sklave an der Schwindsucht gestorben ist. Oder der Hausverwalter, der einen Burschen braucht, der ihm seine Gänge abnimmt. Oder der Wirt an der Ecke, dem es egal ist, wie seine Bur­schen aussehen, wenn sie nur stark genug sind, schwere Krüge und Amphoren zu tragen oder Störenfriede vor die Tür zu setzen. Aber wenn sie zwei neue Mädchen für ihren Laden wollen, müssen sie schon hier ins Zentrum gehen. Denn die müssen hübsch sein, damit sie die Gäste, besonders die männlichen, anlocken.»

So hatten sie, während Tellius redete, sich einer größeren Gruppe von Neugierigen genähert, die sich um eine Bude versammelt hatten, die wie ein großes Podest aussah, eine Fläche von etwa zehn mal zehn Schritt im Quadrat, aus Holz errichtet und von gestreiften Tüchern zum Schutz gegen die Sonne überspannt. Tellius blieb ste­hen, damit seine Begleiter sich einen ersten Eindruck und Überblick verschaffen konnten. Auf der catasta, so hieß diese Schaubühne, standen mehrere menschliche Gestalten verschiedenen Alters, Aus­sehens und Geschlechtes. Alle hatten ein Täfelchen um den Hals gebunden. Darauf, so vermutete Lucius, war wohl notiert, woher der Sklave kam, wie alt er war, was seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, seine Vorzüge und vielleicht auch Schwächen waren. Doch wurde er gerade im Hinblick auf die letzte Vermutung sogleich von Tellius belehrt, der ihnen erklärte:

«Nehmt euch in acht! Die Täfelchen versprechen dem Käufer das Blaue vom Himmel! Es gibt zwar ein altes Gesetz, das bestimmt, dass der Verkäufer auch die Fehler, die Missbildungen, die Charakter­schwächen des Sklaven zu nennen hat, aber daran hält sich keiner! Dafür gibt es dann aber ein anderes Mittel. Seht ihr da drüben... nein, mehr links... seht ihr den Mann mit dem Hut?» Sie schauten hin und nickten. «Der hat einen Hut auf, weil... also, der Besitzer, und das ist ja jetzt der Händler, er kann für ihn nicht garantieren. Der hat irgendeinen Fehler. Ist vielleicht auch schon mal bei früheren Herren aufsässig gewesen.»

«K-k-kenne solche Typen!» nickte Kassandros plötzlich. Und Lucius wurde in diesem Augenblick klar, welch ein großer Unter­schied bestand zwischen Sklaven wie Kassandros, die schon jahr­zehntelang auf einem Bauerngut lebten, die vielleicht dort geboren waren - und solchen, die mehrmals ihren Herrn gewechselt hatten. Dabei geschah dies nicht einmal immer aus eigener Schuld, sondern oft weil der Herr verstorben war, und die Erben den Sklaven aus irgendeinem Grunde loswerden wollten.

«Seht euch vor», fuhr Tellius fort. «Man müsste schon den vorheri­gen Besitzer kennen und ihn ausfragen können, um zu erfahren, was denn mit solchen Burschen los ist. Es ist stets ein Risiko, so einen zu kaufen. Da lässt man am besten die Finger davon! Hatte mal den Feh­ler gemacht, vor Jahren, als ich mit jedem Sestertius rechnen musste. Habe so einen gekauft. Ist mir dann prompt nach ein paar Monaten durchgebrannt! Habe ihn nie wieder gesehen. Ist wahr­scheinlich Straßenräuber geworden. Aber die erwischt es immer, früher oder später.»

Obwohl Lucius den Blick nicht von dem Sklaven mit dem Hut genommen hatte, hörte er mit größter Aufmerksamkeit den Erläute­rungen von Gaius Tellius zu. Als der Onkel geendet, fragte er ihn: «Und was bedeutet es, Onkel Gaius, wenn die Sklaven die Füße so weiß gepudert... oder gepinselt haben?»

Tellius lachte kurz auf: «Nein-nein, das war schon richtig! Da ste­hen einige, denen man die Füße mit Kreide oder Kalk bepinselt hat. Das ist für den Käufer das Zeichen, dass sie ganz frisch sind! Meist sind sie erst in den letzten Tagen hierher geliefert worden. Kommt, gehen wir doch mal näher hin...»

Und zu Manlius, dem Vater von Lucius: «Der Junge muss das doch mal genau gesehen haben! Je früher, desto besser! Das kann man gar nicht früh genug sehen - was, Kassandros?!» Kassandros rang eine Weile nach Luft: «S-s-s-sicher, Herr! Ich kenne das auch n-n-nur aus den Erzählungen von früher.» «Bist du denn schon bei Manlius lustus geboren?» «Ich b-b-bin es, Herr.» «Ah so!» nickte Tellius und hob erstaunt die Augenbrauen. Dann: «Da hast du's aber gut getroffen, was?» «Certo! Möchte n-n-nie woanders hin!»

Daraufhin klopfte ihm Tellius kurz auf die Schulter, wandte sich wieder den Sklaven zu und belehrte vor allem Lucius: «Eins musst du dir dein ganzes Leben merken, Lucius. Alle Sklavenhändler sind Betrüger!» «Alle? Auch Tigranes?»

«Der erst recht. Selbst wenn er noch der beste ist - ist er zugleich auch der gerissenste! Schau dir doch nur mal an, wie geschickt er die Sklaven, auch die Mädchen unter ihnen, herausgeputzt hat! Alles, was abstoßen könnte, wird verdeckt. Guck mal, da drüben die Frau, der hat er leichten Goldschmuck umgehängt...» «Wird der denn mit verkauft?»

«Natürlich nicht! Der Schmuck soll von irgendetwas an ihrem Körper ablenken. Warzen vielleicht, Falten am Hals, einem Kröpf. Ich habe schon erlebt, dass hier ein junger Sklave als ‚Prinz aus Scythia‘ ausgegeben wurde, und man hatte ihm ein königliches Diadem auf die Stirn gesetzt! Und dann kam ein misstrauischer Kunde, der durchaus Interesse an dem Mann zeigte. Er nahm die Königsbinde ab, und was meinst du, was darunter war?»

Lucius schaute ihn fragend an. «Eine furchtbare Narbe von einem Schwerthieb. Das ganze Gesicht war dadurch entstellt.» «Und», fragte Lucius, «hat der Mann ihn gekauft?» «Ja. Aber er hat den Preis um die Hälfte heruntergehandelt. So, kommt! Wir wollen mal zu Tigranes. Um diese Zeit ist er meistens in seinem Laden und sieht nach dem Rechten.»

Sie verließen das Gedränge, traten zurück, und Tellius geleitete sie sicher an der catasta vorbei zum eigentlichen Eingang des Skla­venladens. «Die besten Sachen stellt er natürlich nicht hier draußen vor die Augen des Pöbels!» erklärte Tellius beim Gehen. «Sie könnten Scha­den nehmen!»

Es war Lucius nicht ersichtlich, ob Tellius das ironisch meinte. Sie erreichten den beschränkt freien Platz hinter dem Gerüst. Hier waren kaum Gaffer, denn hier gab es nichts zu sehen, außer wie dieser und jener Käufer sich seinen Sklaven, für den er sich interessierte, hatte kommen lassen, um ihn nun auf Herz und Nieren zu prüfen, zu beta­sten, zu kneifen, in den Schlund und nach den Zähnen zu schauen. Andere ließen einen Mann hüpfen, Kniebeugen machen und bei jedem Knacken der Gelenke hieß es tadelnd: «Aha!» Worauf der Ver­käufer mit allen möglichen Gründen kam, warum dieses Gelenk­knacken nichts zu bedeuten habe.

«Sie sind übrigens selbst Sklaven!» sagte Tellius zu Lucius, und er meinte die Verkäufer. In diesem Augenblick entspann sich zwischen dem interessierten Kunden und dem Verkäufer ein Gespräch, und Tellius blieb belustigt stehen, damit Lucius mithören konnte:

«Also, ich muss schon sagen, nicht wahr», schimpfte der Käufer, «er knackt nicht nur in den Fingern, sondern auch in den Knien und den Füßen! Hör dir das an! Hör dir das nur an!» Er ließ den Burschen noch ein paar Kniebeugen machen. «Und was steht da auf dem Schild: ‚Kerngesund! Sehr beweglich! Für jede Arbeit geeignet!‘ Soll wohl 'n Witz sein, wie?!» Er kicherte künstlich. «Wenn dem jetzt schon die Knorpel knacken, dann möchte ich wissen, ob er die in zehn Jahren überhaupt noch bewegen kann, wie!? Was sagst du, wie alt?» «Fünfundzwanzig, Herr!» Der Verkäufer verbeugte sich vor­nehm. «Fünfundzwanzig?» Der Kunde ging zu dem Burschen hin, packte seinen Unterkiefer, bog ihn mit einem Ruck herab und schaute sich die Zähne an. Dann hieß es: «Fünfundzwanzig? Dann bin ich sechzehn!» Er war um die Fünfzig. «Nicht zu fassen! Seit wann hat Tigranes es nötig, die Zahlen so zu schönen. Was soll er kosten?» «Zweitausend, Herr.» «As?» «Sesterzen!»

Nun schien ihm das Ende der Welt nahe zu sein. Er machte ein Gesicht, als ob er soeben erfahren hätte, dass man seinen gesamten Besitz gestohlen und dazu noch das Haus angezündet hätte: «Das ist ja ein ganz gemeiner... ein ganz unglaublicher... ein himmelschrei­ender Betrug!» rief er, und längst hatten sich neugierige Passanten, angelockt durch das immer lauter werdende Gespräch, eingefunden.

Denn nichts liebt der Römer mehr als zuzuschauen, wenn andere sich streiten. In diesem Augenblick trat jemand aus dem Eingang der Taberna, ein schlanker, großer Mann, er ging zu dem Verkäufer, der sich schon recht hilflos unter den Anklagen des Kunden wand. Der große Schlanke flüsterte ihm etwas ins Ohr und zog sich wieder wort­los zurück.

Der Kunde, der seinen Redeschwall für eine Weile unterbrochen hatte, wartete nun auf eine Erklärung. Und als sie kam, konnte er sie ebensowenig fassen wie die vorherigen. Der Verkäufer nämlich war­tete eine Weile, bis alle Augen der Umstehenden auf ihn gerichtet waren, dann rief er: «Im Auftrage meines Herrn, des edlen Tigranes, des namhafte­sten Sklavenhändlers von Rom und dem Erdkreis, habe ich die Ehre, dir dieses mitzuteilen...»

Alle waren ganz Ohr und reckten sich, kamen sogar näher, damit ihnen kein Wort entging: «Dieser Sklave gehört dir!» «Aber sicher! Doch nicht zu dem Preis!» rief der Kunde und machte wieder einen Schmollmund. «Das habe ich nicht gesagt! Er gehört dir! Er ist dir geschenkt! Mein Herr, der edle Tigranes, hat ihn dir soeben geschenkt. Er kann es nicht mit seinem guten Namen und dem seines Geschäftes verein­baren, dass beides in die Nähe von falschen Angaben gebracht wer­den. Dieser Sklave gehört dir!»

Der Kunde behielt eine Weile staunend den Mund offen. Dann rief er: «Das möchte ich schriftlich haben!» «Bitte!» Der Verkäufer wies zur Taberna, in der sich wohl auch das Kontor befand, in dem größere Geschäfte durch Verträge und schriftlich mit Siegel abgeschlossen wurden. «Donnerwetter!» entfuhr es Manlius Flavius. Doch Tellius grinste nur und erklärte: «Mit diesem Kniff holt er der Konkurrenz die Kun­den fort. Das macht er etwa viermal im Monat. Der eine verschenkte Sklave bringt ihm, wie ich schätze, hundert verkaufte ein. Er ist ein Fuchs und von allen der Gerissenste! Aber das sagte ich schon. Doch nun kommt!»

Sie betraten das Innere des Ladens und mussten sich erst an das dort herrschende dämmrige Licht gewöhnen. Sie befanden sich unter festen, dicken Gewölben, die die Obergeschosse des Hauses trugen. Lucius schaute sich neugierig um. An einigen Stellen der Mau­ern waren orientalische Teppiche aufgehängt. In wunderbaren For­men und Farben gaukelten sie einen Paradiesgarten vor. An den Wänden hingen Öllampen. Auch auf den Tischen standen Lichter. Dadurch wurde der Raum, der sich weit nach hinten erstreckte, nicht nur erhellt, sondern das Licht machte ihn geheimnisvoller, als er in Wirklichkeit war. Vor allem war es hier ruhig. Wer hier eintrat, gehörte zu den Wohlsituierten. Die kleinen Beträge zahlte man gleich draußen in die Hand des Verkäufers und bekam von ihm eine kleine Garantieurkunde, an die der Käufer sich halten konnte, wenn er sich übervorteilt glaubte. Dies alles war genau und bis ins kleinste durch Bestimmungen geregelt.

Hier drinnen ging es um mehr als zwei-, drei-, fünftausend Sesterzen. Hier konnte man Sklaven kaufen, die 100.000 Sesterzen und mehr kosteten. Besonders für schöne, junge Luxussklaven und sol­che, die eine besondere Geschicklichkeit besaßen, wurden sehr hohe Summen bezahlt. Vom reichen Licinius Crassus wurde erzählt, dass er in großer Zahl junge Sklaven, die kaum Lateinisch sprechen konn­ten, für wenig Geld kaufte, sie dann von Lehrern unterrichten ließ - die natürlich selbst Sklaven waren -, um sie dann mit größtem Gewinn wieder weiterzuverkaufen. Es gab verrückte Reiche, die sich gelehrte Sklaven kauften, weil sie den ganzen Homer auswendig konnten, und andere, die die Göttergeschichten des Hesiod hersa­gen oder Gott weiß was auswendig heruntersprechen konnten.

Dann kam eine Stimme näher. Sie blickten alle hin, und Lucius fand die Gestalt, die sich da flink näherte, durchaus betrachtenswert: Der Mann schien um die Sechzig zu sein; er war nicht römisch mit Tunica, sondern nach orientalischer Sitte mit lan­gem Gewand gekleidet, das bis auf den Boden reichte. Sein Bauch war erheblich. Fast an jedem Finger seiner Hände trug er einen Ring, einen kostbarer als den andern, auch an den Ohrläppchen baumelte es golden. Sein Haar hatte sich gelichtet und verlieh ihm eine sehr hohe Stirn. Die Hautfarbe erinnerte an geputzte Bronze. Die Nase war schmal und leicht geknickt, das Auge dunkel und groß, die Lippen dünn. Als er näher kam, veränderte sich der Gesichtsausdruck. Er hatte wohl Tellius erkannt und trat geschäftig auf ihn zu, breitete seine Arme aus, als ob er ihn umarmen wollte, näherte sich so, blieb dann zwei Schritte vor ihm stehen und rief: «Welch eine Freude! Welch ein Tag! Der edle Gaius Tellius beehrt mich mit seinem Besuch! Mögen alle guten Götter dich beschützen!»

Er machte eine tiefe Verbeugung und beschrieb dabei mit dem ausgestreckten Arm einen Halbkreis in der Luft. Als er sein Gesicht wieder hob, war es ein einziges Lächeln. Und doch spürte Lucius, wie dies alles vielleicht Komödie war.

Tigranes - denn niemand sonst konnte dieser Mann sein, einer der reichsten Orientalen von Rom! - Tigranes erkundigte sich nach der Familie, und Lucius staunte über seine Personenkenntnis. Er ging davon aus, dass Onkel Gaius bei ihm all seine Sklaven kaufte. Dann kam Tellius auf das Anliegen von Flavius lustus, dass er drin­gend einen oder zwei gute Tierwärter brauchen könnte, da er seinen Betrieb erweitere.

Während Tellius dies kurz referierte, sah Lucius sehr wohl, wie Tigranes blitzschnell in Vaters Gesicht schaute, es studierte, abschätzte und einordnete, wie er dann ihn, Lucius, anschaute, das anfängliche heitere Lächeln aufsetzte - und wie er den Kassandros keines Blickes würdigte. Noch nie hatte Lucius das erlebt, wie jemand so schnell, so gründlich und wahrscheinlich auch so richtig fremde Menschen begutachtet hatte. Und er vermochte in diesem kurzen Augenblick nicht zu entscheiden, ob Tigranes ihm angenehm oder unsympathisch war. Dies stand fest: Er war sehr klug! Er war schnell im Denken! Er war der erfolgreichste Sklavenhändler Roms!

Dann legte Tellius eine Leimrute aus: «Es kann durchaus sein», sagte er gedehnt, «dass Flavius in den kommenden Monaten und Jah­ren seinen Betrieb vergrößert, so dass erweitere Leute braucht. Und zwar die Besten! Du verstehst, was ich meine...»

Die beiden erfahrenen Geschäftsleute blickten sich an, und Tigra­nes hatte verstanden: Jetzt nicht zu viel fordern, hieß später mehr Gewinn machen.

«Ja, also...» Er zwinkerte mehrmals, hielt einen Augenblick lang sein Kinn in der rechten Hand: «Wir haben da zurzeit einige hervor­ragende Angebote aus Gallien! Gallier gelten ja als die besten Leute im Umgang mit Tieren. Sie haben da eine Art sechsten Sinn. Aber das brauche ich euch nicht zu erzählen... Aristokles, lass doch mal fünf der besten von ihnen holen!» «Sehr wohl, Herr.» Aristokles entfernte sich, wieder ohne eine Miene zu verziehen.

Tigranes aber nutzte die Zeit, um sehr höflich nach den geplanten Erweiterungen des Gutshofes zu fragen, und wieder wusste Lucius nicht, ob dieses Interesse aufgesetzt oder ernst war. Vielleicht sollte er nachher Onkel Gaius danach fragen, denn der kannte ihn seit lan­gem. «Sie stehen bereit!» Aristokles war wieder da und machte eine einladende Handbewegung.

Aus einer der Türen traten nun fünf männliche Gestalten - und eine weibliche. Lucius sah, wie Tellius und Vater stutzten, denn sie hatten nur nach Sklaven, nicht nach einer Sklavin verlangt. Die sechs Gestalten wurden von einem Burschen geführt, der zum Personal des Händlers gehörte. Er ließ sie nebeneinander vor dem Säulenumgang in der Sonne aufstellen, damit man sie im prallen Mittagslicht gut sehen und alle Vorzüge oder eventuellen Mängel sofort erkennen konnte.

Langsam gingen Vater und Onkel Gaius näher heran, blieben dann in drei Schritt Entfernung stehen und musterten sie der Reihe nach, betrachteten sehr genau ihre Gesichter, ihre Figur, Beine und Arme, Hände und Füße. «Alles Gallier?» fragte Vater. «Sehr wohl, Herr!» antwortete Aristokles, und Tigranes ergänzte mit sehr sachlichem Ton: «Ihr werdet es mir natürlich nicht glauben, aber ich verkaufe sie unter Wert...» «Wie das?» fragte Tellius, und es klang belustigt.

«Nun, aufgrund meines Vertrages mit dem großen Caesar bin ich verpflichtet, alles zu übernehmen, was er anbietet - bis zu einer bestimmten Begrenzung der Menge natürlich. Nun hat der große Caesar aber in den letzten drei Jahren mehr Schlachten geschlagen als andere in hundert Jahren. Und da er sie alle siegreich beendet hat, werde ich, wird Rom, wird Italien mit gallischen Sklaven geradezu überschwemmt. Dabei handelt es sich durchweg um Leute, die nicht nur nicht lesen oder schreiben können, sondern noch nicht einmal drei Wörter Lateinisch verstehen. Durchweg Ackerknechte. Natür­lich kerngesund!» Er ging hin und kniff den ersten der Reihe in den Oberarm. «Bärenstark! Und das Wichtigste: Jung! Blutjung!» Er geriet ins Schwärmen: «Wo findest du solche Jünglinge! Du kannst sie dir selbst erziehen und abrichten, wie immer du willst. Sie werden zahm wie die Hündlein! Wie die Kätzchen werden sie schnurren! Nicht wahr, Aristokles...»

«Sehr wohl, wie die Hündlein!» Er verbeugte sich. Vater, Onkel Tellius, Kassandros und Lucius warfen sich einen schnellen Blick zu und zwinkerten einmal kurz. Dann rief Vater: «Kassandros! Nun bist du an der Reihe!»

Lucius wusste, dass Kassandros, obwohl er stotterte, eine große Sprachbegabung hatte, denn er redete neben seiner griechischen Muttersprache und dem Latein - das seine zweite Muttersprache geworden war - auch ganz gut das Gallische. Er hatte es in den ver­gangenen zehn, fünfzehn Jahren von den keltischen Knechten des Gutes gelernt, die allesamt aus Gallien gekommen waren. Lucius ver­stand kein Wort von dem, was Kassandros sagte. Dann aber, als er bei dem letzten Gallier angekommen war und kurz mit ihm gesprochen hatte, wandte er sich um zu Vater und erklärte: «D-d-d-dieser Mann kann auch etwas L-1-l-lateinisch sprechen, Herr.» Der Vater trat näher und fragte ihn: «Wie heißt du?» «Iccius!» erklärte der Gallier. «Woher kannst du die lateinische Sprache?» «Mein Vater Fürst... Aber an Aufstand gegen Caesar beteiligt... Er mich nach Süden... in römische Provincia Narbonnensis schickt...»

Lucius wusste, der Südteil Galliens war schon seit siebzig, achtzig Jahren römische Provinz und wurde nach der Hauptstadt Narbo benannt. Viele gallische Fürsten hatten in den letzten Jahren, bevor Caesar das ganze Land eroberte, ihre Söhne dorthin geschickt, um die römische Sprache, Kultur und Lebensweise kennenzulernen. Dieser Iccius war also einer von ihnen. «Lebt dein Vater noch?» fragte Tellius. «Nein. Vater tot. Gefallen bei Alesia.»

Dort hatte Caesar im letzten Herbst den letzten großen gesamt­gallischen Aufstand unter dem Fürsten Vercingetorix niedergeschla­gen. Das Interesse von Lucius wuchs. Was mochte dieser Mann - den er auf zwanzig Jahre schätzte - nicht schon alles erlebt haben! «Und deine Mutter?» «Gestorben, aber schon früher. Als ich und meine Schwester noch Kind.»

Erstaunen machte bei den vier interessierten Beobachtern die Runde, und selbst Tigranes neigte wie anerkennend den Kopf, sagte dann zu Aristokles: «Ich wusste gar nicht, dass wir Geschwister dabeihaben! Sehr gut! Sehr gut!» Und zu Flavius lustus, des Lucius Vater: «Also, mein edler Flavius! Da gäbe es für mich überhaupt keine Bedenkzeit. Wo bekommst du Geschwister edler Herkunft zu solchen Bedingungen!»

«Ich will keine Geschwister. Ich brauche einen erfahrenen Tier­pfleger, Wärter und hervorragenden Kenner der Geflügelzucht!» Da meldete sich Kassandros zu Wort: «Herr!» «Hm...» «Ich habe alle der Reihe nach ausgef-f-f-fragt. Aber keiner wusste so gut Bescheid wie dieser Iccius! Er sagt, sein Vater sei schon ein gro­ßer Tierzüchter gewesen. Er habe auch Adler und Falken gehalten für die Jagd. Und natürlich auch Gänse, Enten und Hühner!» «Was!?» rief Vater. «Er, der Fürst, hat sich selbst darum geküm­mert?» «Mein Vater selbst gekümmert!» erklärte Iccius stolz. «Adler­zucht edel! Wir auch Schwäne! Edel! Und Gänse! Erfahrene Knechte...»

Lucius spürte, dass Vater - wie er selbst übrigens auch - sich ein­gestehen musste, sich in vielem ein falsches Bild vom Leben eines gal­lischen Fürsten gemacht zu haben. Diese Leute legten offenbar bei allen Tätigkeiten selbst mit Hand an. Arbeit erniedrigte sie nicht. Einem vornehmen oder reichen Römer aber bedeutete Arbeit etwas, das nur Sklaven oder den Armen zustand. Ein freier Mann ließ arbei­ten. Darum gehörte es einfach zum guten Ton, dass man mindestens einen Sklaven sein eigen nannte, und sei es nur, dass er von den Stän­den der Bauern und Marktfrauen hier und da was flink mitgehen ließ, damit er und sein Herr nicht verhungerten.

«Wie alt ist deine Schwester?» fragte Vater weiter. «Schwester siebzehn.» «Wie heißt sie?» «Catamandaloeda.» «Wie? Catamatalota... Das ist ja völlig unmöglich!» rief der Vater. «Das kann sich ja kein Mensch merken!» «Schöner, alter, vornehmer Name!» beharrte Iccius. «Na, meinetwegen, aber...» Plötzlich wandte er sich Lucius zu: «Was meinst du, mein Sohn? Mutter braucht doch unbedingt noch jemand im Hause... Arete wird alt und kränkelt oft. Wir könnten...»

Lucius war natürlich sogleich Feuer und Flamme, denn sowohl Iccius als auch seine Schwester gefielen ihm. Tigranes war nun zu ihnen getreten und sprach leise: «Ich will mich da nicht einmischen, aber ich spreche aus jahrzehntelanger Erfahrung: Geschwister, besonders Bruder und Schwester, sind fast immer sehr gefügig und passen sich auffallend schnell den neuen Verhältnissen an, weil sie sich gegenseitig ihr Herz ausschütten können...» Mit einmal hatte er einen Zug im Gesicht, den ihm Lucius nicht zugetraut hätte: war es Trauer? Mitleid? - Unmöglich! Tigranes galt als der härteste, ja brutalste Sklavenhändler von ganz Rom. Er und Mitleid? «Ich weiß, wovon ich rede, denn ich hatte auch einmal eine Schwester...»

Als ob er schon zuviel gesagt hätte, verstummte er und sein Gesicht wurde wieder das alte, freundlich, geduldig, klug und hart - das alles in einem. War er am Ende in jungen Jahren selbst Sklave gewesen? Lucius konnte seinen Blick nicht vom Gesicht des Syrers nehmen, bis der es bemerkte und lächelnd zu ihm sagte: «Sie gefallen dir, nicht wahr?» Lucius schluckte: «Certo.» «Also, tausend Sesterzen für Iccius! Fünfhundert für das Mäd­chen!» Vater und Tellius wechselten Blicke, dann sagte Tellius: «Zwölfhundert für beide!»

Tigranes riss entsetzt die Augen auf, und Lucius erkannte, dass ihm solche Händel Spaß machten: «Wenn sich das rundspricht, bin ich ruiniert! Bei dem Preis decke ich nicht mal die Unkosten!» «Das kannst du dem Mercurius weismachen! Also zwölfhundert?» «Vierzehnhundert!» «Zwölfhundert!» «Dreizehnhundertfünfzig!» «Zwölfhundert!» «Dreizehnhundert!»

«Komm, Schwager!» wandte sich nun Tellius mit scheinbarem Ernst an Flavius lustus. «Ich hatte dir da wohl zu viel versprochen. Gehen wir zum Marsfeld... Da gibt's billigere...» Er nahm den Vater beim Arm und wollte sich mit ihm entfernen, als Tigranes im letzten Augenblick rief: «Also gut! Zwölfhundertfünfzig!» «Zwölfhundertfünfundzwanzig!»

Tigranes hob den Blick zum Himmel und seufzte wie ein Vater, der seinem ungezogenen Sohn nicht klarmachen kann, dass er etwas falsch gemacht hat. Dann hieß es: «Weil ihr es seid, die besten Freunde meines Hauses: Zwölfhundertfünfundzwanzig!» «Na also!» brummte Tellius.

Vater sagte: «Ich möchte, dass du sie morgen auf das Gut bringst. Der Patronus senior ist da und wird auch mit dir abrechnen.» Tigranes nickte ergeben: «Wann immer du, edler Flavius lustus, Bedarf an guten Knechten hast, lass es mich wissen. Ich werde jeden Wunsch zu deiner Zufriedenheit erfüllen. Ich habe nur eine Bitte...» «Ja?» Tellius und Vater schauten ihn an. «Erzählt nur nicht, zu welchem Preis ich euch die beiden da... Also, es wäre sehr zu meinem Schaden, wenn sich das herum... Ihr versteht?»

«Selbstverständlich», sagte Tellius und lachte breit. Sie hatten sich verstanden. «Und natürlich wirst du dem edlen Flavius lustus die beste schriftliche Garantie geben, dass die beiden kerngesund sind, dass wir sie aus erster Hand erwerben, dass sie noch nie entlaufen sind, und dass Flavius ein Vierteljahr lang das Recht hat, sie umzutau­schen.»

«Selbstverständlich!» Tigranes verbeugte sich, erklärte dann dem Aristokles: «Bereite alles vor! Auch die Erklärungen! Schau nach, welcher Transport morgen über die Via Appia nach Süden abgeht. Bring sie dort noch unter!»

Auf dem Rückweg aber erklärte Tellius: «So musst du mit diesen Brü­dern reden! Es stimmt schon, dass er sie unter Wert an dich verkauft hat. Aber er weiß, dass er sich uns beide dadurch als treue Kunden behält. Er geht davon aus, dass ich meinen Betrieb in den kommenden Jahren vergrößere und natürlich meinen Bedarf an Arbeitern bei ihm decke. Da dies zum Teil herausragende Fachleute sein müssen, kommt er gut auf seine Kosten.» «Onkel Gaius!» «Ja, mein Junge.» «War... war Tigranes selbst früher einmal Sklave?»

Tellius blieb stehen und schaute erstaunt in das Gesicht von Lucius: «Gut aufgepasst, Lucius! Ja, es war einmal Sklave. Das ist aber schon sehr, sehr lange her. Fünfzig Jahre und mehr. Eine umständ­liche, aber sehr interessante Geschichte. Und manchmal kommt die Erinnerung über ihn, so wie eben, als er mit dir sprach. Tja, es gibt in dieser Stadt schon seltsame Schicksalswege... Aber», wandte er sich wieder an den Vater, «mit den beiden hast du wirklich das Beste bekommen, was du unter den gegebenen Verhältnissen kriegen konntest. Der Junge machte auf mich einen hervorragenden Ein­druck. Er hat die Krise schon hinter sich.» «Welche Krise?» fragte Lucius.

«Die Gefangennahme. Die Trennung von seiner Heimat und von seiner Familie. Das ist hart. Das ist wie ein Schnitt. Wie eine Amputa­tion. Damit mussten die beiden erst mal fertigwerden. Wahrschein­lich ist das schon einige Zeit her. Er sprach ja selbst von den Ereignis­sen bei Alesia.» «Und was haben sie in der Zeit gemacht?»

«Waren bei Tigranes. Sind ihm zur Hand gegangen. Und er hat sie schon geschickt auf das Kommende vorbereitet. Hat sie wohl auch unterrichten lassen. Also...», das ging wieder an den Vater, «... wenn du das alles bedenkst, dann hast du einen ausgezeichneten Kauf gemacht!»

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