Das Forum

Aus „Das Leben im alten Rom" von U. E. Paoli (1948)

Das Forum war zur Zeit der Gründung Roms eine sumpfige und unbewohnte Ebene; sehr bald aber hatte die Wiege Roms, der Palatin, kein Gelände mehr, um die rasch wachsende Bevölkerung aufzunehmen; man legte daher das sumpfige Tal zu Füßen des Hügels trocken, erbaute die ersten Häuser und schuf gut gepflasterte Straßen, wie z. B. die Via Sacra. Unter den ersten Tempeln, die man errichtete, befindet sich der Janustempel, dessen Tore nur in Friedenszeiten geschlossen blieben; sie waren jedoch jahrhundertelang bis zu den Zeiten des Augustus geöffnet. Von diesem Tempel sind keinerlei Spuren erhalten geblieben, aber einige Münzen aus der Zeit Neros zeigen sein Bild. ... Das Forum wurde der Länge nach von der Cloaca Maxima durchzogen, die dann das Velabrum durchquerte und im Tiber mündete.

Das Forum wechselte des öftern sein Gesicht, blieb jedoch immer der Brennpunkt des römischen Lebens . . .

Der größte Glanz des Forums begann zu Zeiten Cäsars, der die Basilica lulia und die Rostra erbaute ... In der Nähe der Rostra befand sich der Mittelpunkt der Stadt, von dem alle Straßen strahlenförmig aus der Enge des Forums sich zu breiten und regulären Verkehrsadern nach den äußeren Stadtteilen entwickel­ten; sie führten schließlich zu den Toren und von dort, immer geradeaus und gut unterhalten, sich mit andern, außerhalb der Stadt verlaufenden Straßen vereinend, gelangten sie schließlich zu den Grenzen des Imperiums. Augustus bezeichnete diesen Mittelpunkt mit einem miliarium aureum, einem mit vergoldeter Bronze umkleideten Meilenstein, und Konstantin gab ihm die Bezeichnung umbilicus Romae . . . Das Zentrum Roms war nicht auf das Forum beschränkt; dies war nur das „Zentrum des Zentrums", der Tummelplatz des größten Teiles der Bevölkerung, die sich hier bis zur Mittagsstunde aufhielt.

In bezug auf den Lebensrhythmus bestand ein großer Unterschied zwischen dem Vor- und Nachmittag. Das Leben auf dem Forum erreichte seinen Höhepunkt zur fünften Stunde, ungefähr 11 Uhr vormittags nach unserer Zeit­rechnung; er dehnte sich jedoch bis zur sechsten und siebenten Stunde aus. Von Sonnenaufgang bis zur zehnten Stunde war der Verkehr von Fahrzeugen untersagt; im Stadtzentrum bewegten sich nur Fußgänger und Sänftenträger, aber die Menschen­menge war außerordentlich groß. Während dieser Stunden zirkulierte dort ein großer Teil der Bevölkerung Roms; in den Amtsräumen wurden Staatsgeschäfte erledigt, und in der Basilica, neben der Marsyas-Statue kamen die Leute der hohen Finanz. zusammen und verhandelten dort ihre oft sehr verdächtigen Geschäfte und schwindel­haften Unternehmen mit äußerster Schlauheit. In dieser Gegend befanden sich auch die Geldwechsler: sie warteten dort auf die Kundschaft und ließen unterdessen die großen Haufen ihrer Münzen klingend über den Tisch rollen, damit alle vernehmen sollten, dass sie bereit standen, um jedwedes Geldgeschäft auszuführen. Aus der Ge­gend des Castor- und Vestatempels in der Nähe des puteal Libonis, wo das Tribunal des Prätors stand, hörte man schon von weitem das Lärmen der Menge und das Stim­mengewirr der Advokaten, die sich ereiferten, um ihre Klienten zu verteidigen. Ab und zu vernahm man das Geschrei und Gezänk der sich streitenden Parteien, als Vorspiel zu den Gerichtsverhandlungen. Wenn ein berühmter Mann gestorben war, wurde er in prächtigem Trauergeleit über das Forum geführt; die Anweisungen der Ordner des Zuges, das Murmeln der Menge, die sich neugierig zusammendrängte, das Weinen der Angehörigen, das Klagen der praeficae und der Schall der Hörner machten einen derartigen Lärm, dass Seneca sagt, selbst der Tote hätte ihn vernehmen können...

Das ständige Wachsen des Kaiserreiches brachte es mit sich, dass auch die Volks­menge auf dem Forum in den Hauptverkehrsstunden immer dichter wurde. Hier spielte sich am Vormittag auf eng zusammengedrängtem Raume das eindrucksvolle und kontrastreiche Leben der antiken Metropole ab... Jeder Stand, jede Nationali­tät, jedes Interesse und jeder Ehrgeiz hatte hier seine Vertreter. Es genügte ein Blick auf das Forum, um zu begreifen, wie groß und verschieden die Bevölkerung Roms war. Zwischen Magistratsbeamten und ehrenwerten Bürgern in der Toga, zwischen den Gefolgsleuten und Klienten der großen Herren, gleichfalls mit der Toga bekleidet, sah man in der Menge, die sich um das Tribunal des Prätors drängte, auch Männer des Volkes in der Tunika, Sklaven mit kahlgeschorenem Kopf und Orientalen griechischer Sprache, die sich überall ein wenig zu schaffen machten... Ab und zu kam ein kleiner, sich recht anmaßend gebärdender Zug vorüber; es war dies die Art, wie die großen Herren, in ihrer Sänfte liegend, sich von orientalischen, germanischen oder dalmatinischen Sklaven von stattlichem Körperwuchs und in prunkvolle Gewänder gekleidet über das Forum tragen ließen, gefolgt von einem ganzen Schwarm von Klienten, die sich ihrer Protektion erfreuten und stolz ihre Toga zur Schau trugen. Viele zeigten in prahlerischer Weise die Überlegenheit der Reichen; nahmen nachlässige Haltung an, lehnten ihren Arm heraus, um ihre Arm­spangen und Ringe zu zeigen, führten seltene und kostbare Tiere mit sich, so z. B. Paviane; manch einer las, schrieb oder schlief. Die Menge trat respektvoll zurück und ließ den glanzvollen Zug passieren. Zuweilen schritt in feierlicher Weise auch ein Vater vorüber, der, wie es der Brauch wollte, seinen Sohn, der an diesem Tage mit der Toga bekleidet worden war, zum ersten Male offiziell auf das Forum führte.

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