Nicht Jahres-, sondern Epochenarbeit

Ein Beitrag von Marcus Kraneburg (Freie Waldorfschule am Kräherwald / Stuttgart)

Für die erste Geschichtsepoche im 6. Schuljahr (bei mir 4 Wochen) hatte ich eine etwas andere Form geplant. Die Kinder sollten während des Hauptunterrichtes eine selbstständige Projektarbeit ausführen, die sowohl schriftlich als auch praktisch umzusetzen war. In Anlehnung an eine Jahresarbeit, war dies gleichsam eine „Epochenarbeit". Allerdings stand sie unter anderen Vorzeichen: Die Schüler durften zwischen 4 Themen des kulturellen Lebens der Römer wählen.

  • Das römische Heereswesen
  • Thermen und Aquädukte
  • Das Kolosseum
  • Die römische Villa

Des Weiteren sollten sie dieses Thema nicht allein behandeln, sondern durften sich innerhalb der Klasse einen Partner suchen. Die Kinder erhielten von mir Sachtexte, die ich zu ihrem speziellen Thema zusammengestellt und bearbeitet hatte. Das war die Basis, auf der sie arbeiten konnten. Sie anzureichern stand in der Freiheit des Einzelnen. Was sollte nun gemacht werden?

 

Der schriftliche Teil:

Zuerst sollte die ganze Textvorlage einmal gelesen werden, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie bestand nicht aus einem Guss, sondern war von mir abschnitthaft zusammengestellt worden. Im zweiten Durchlauf waren die Paare aufgefordert, die für sie wesentlichen Informationen zu unterstreichen. Dann war mir wichtig, dass die Kinder diese Dinge nicht nur abschrieben, sondern einen Transfer der Informationen leisteten. Daher sollte ein Brief eines germanischen Sklaven  Bertram verfasst werden, der seinem Bruder Ariowist über die römischen Verhältnisse (das eigene Thema) schrieb. Dafür hatten die Kinder 2,5 Wochen täglich 20 min Zeit. Am Ende sollten beide Partner von der erarbeiteten Vorlage den Brief sauber abschreiben.

 

Der praktische Teil:

Auf diesem Gebiet hatten die Kinder durch mancherlei andere Projekte schon Erfahrungen sammeln können. Jetzt sollten Kolosseen, Thermen, Villen und Schlachtfelder entstehen. Wie? Die Herangehensweise und Materialwahl überließ ich ganz den Schülern. Wir hatten vor der Epoche eine Woche Vorlauf, um die notwendigen Dinge zu besorgen. Zwischendurch schlug ich vor, dass wir uns über unsere Ideen austauschen sollten. Die Kinder fanden es jedoch viel origineller, dass keiner von der Herangehensweise des anderen wusste. Selbst ich war überrascht, was die Kinder alles so anschleppten. Ein Schülervater hatte mir eigens zwei Regale im Klassenzimmer aufgebaut. 18 Modelle mussten während der Epoche ihren Platz finden.

Die Kinder führten parallel zum Arbeitsprozess ein kleines Heft. Darin sollten sie am Ende des Hauptunterrichtes täglich drei Fragen beantworten:

1.     Was haben wir heute geschafft?
2.     Was nehmen wir uns für morgen vor?
3.     Was muss ich dafür mitbringen?

Es war beeindrucken, wie die Kinder loslegten. Sie hatten insgesamt drei Wochen Zeit. An einem Samstag stellten wir im Saal unsere Modelle aus. Die Elternschaft war eingeladen und neun Schüler hielten ihr erstes öffentliches Referat. Dies hatten wir in der 3. Epochenwoche im Hauptunterricht geübt. Die Schüler ernteten sehr viel Lob und Anerkennung. Sie haben es wirklich gut gemacht. In der 4. Epochenwoche vervollständigten wir unseren Gesamtüberblick über das Römische Reich.

 

Zur Unterrichtsgestalt:

Der Hauptunterricht hatte für diese Epoche naturgemäße eine andere Zeitstruktur.

8.00 - 8.10  Morgenspruch, Zeugnissprüche

8.10 - 8-45  Lehrerdarstellung: Römische Geschichte, inklusiv Epochenhefttext.

8.45 - 9.05  Schriftlicher Teil des Projekts

9.05 - 9.40  Praktischer Teil des Projekts, inklusiv Auf- und Abbau

9.40 - 9.45  Ausklang

 

Der Rhythmische Teil und der Erzählteil mussten für diese Epoche ruhen. Die Schüler waren mit großem Eifer dabei. Natürlich gab es hier und da für den Einzelnen auch Durststrecken, aber das gehört dazu.

Ich kann eine solche vorbereitete Projektarbeit nur wärmstens empfehlen.

 

Einige Beispiele:

Die dick gedruckte Einleitung war meine Vorgabe. Daran schlossen die Kinder mit ihrem Thema an. Hier ein Beispiel von Victor (Römisches Heereswesen):

 

Mein lieber Bruder Ariowist,

ich bin so froh, dass ich dir nach 2 Jahren ein Lebenszeichen von mir zu senden kann. Ich lebe!! Und mir geht es sogar den Umständen entsprechend gut! Ich erinnere mich voll Schrecken an den Tag, als die Römer unsere kleine germanische Sippe überfielen und alle Männer und Frauen mitnahmen, um sie zu versklaven. Du warst damals auf einer Reise, um mit anderen Siedlungen Handel zu treiben. Nur deswegen hat dich nicht das gleiche Schicksal ereilt.

Unser Abtransport war schrecklich und erniedrigend. Kaum zu glauben, dass ich überlebte. Auf dem Marktplatz in Rom wurden wir dann zum Kauf angeboten. Ich hatte großes Glück, denn ich wurde von einem sehr reichen Senator ersteigert und seitdem arbeite ich in seiner Dienerschaft. Ich habe zu essen und man behandelt mich gut.

Aber weißt du, hier in Rom ist alles anders als wie du es von der Heimat kennst. Dir würde der Mund offen stehen bleiben, wenn du sehen könntest, wie die Römer leben, feiern, und stell dir vor: sogar Baden und ihre Soldaten ausbilden. Aber nun will ich dir ausführlich von diesem Rom erzählen. 

Früher stellte der Wehrdienst hier in Rom eine unbezahlte Ehrenpflicht dar und weißt du was: Damals als die Feldzüge an Dauer und räumlicher Ausdehnung zunahmen, sah man sich vor die Notwendigkeit gestellt, den Soldatensold einzuführen. Ich will dir von den Legionären erzählen. Du weißt sicher nicht, was eine Legion ist. Eine Legion besteht aus etwa 5.000 Fußsoldaten, die als Freiwillige 20 - 25 Jahre dienen. Du musst auch hier her kommen Ariowist. Die Römer haben so gute Waffen, das glaubst du gar nicht, diese Waffen machen sie zum Schrecken ihrer Feinde. Im 2. Jahrhundert nach Chr. gab es ca. 150.000 Legionäre. Ist das nicht eine unglaublich große Zahl. Ein Legionär, das konnte nur ein römischer Bürger werden. Die armen Soldaten!  Ich habe gehört, dass ihr Leben in Kriegszeiten aus Lagerleben, Gewaltmärschen, blutigen Schlachten und auch Beutezügen bestand. Lieber Ariowist, ich wünschte, du wärest hier, aber natürlich nicht in einem Tagesmarsch!  Stell dir vor, ein Tagesmarsch der römischen Soldaten  war etwa 30 km lang. Am Anfang ist das ja sehr lustig, aber dann wäre es mir zu anstrengend. Die Legionäre haben zudem viele Waffen bei sich. Ein Dolche, ein Schwert, ein Speer und ein Schild. Aber von der Ausrüstung will ich dir später genauer erzählen. Jetzt berichte ich dir über den Aufbau des Heeres, mein lieber Bruder:

Da gibt es die große Legion, das sind 10 Kohorten mit etwa 3600 - 6000 Mann. Eine Kohorte besteht aus 3 Manipel und dies sind 360 - 600 Mann, ein Manipel sind zwei Zenturien.  Eine Zenturie besteht aus 60 - 100 Mann. Erscheint dir das nicht kompliziert, Ariowist? Es gibt die bekannten Bogenschützen aus Kreta, sie treffen fast immer ihr Ziel. Oder meine Lieblingskämpfer, die Schleuderer von den Balearen. Eine Legion stehen ungefähr 1200 Lasttiere  zur Verfügung. Man nennt sie auch Mulis.

Die Römer haben die Acies Triplex erfunden. Ich finde, sie ist eine sehr gute Heeresform. Die Römer benutzen sie auch am häufigsten im Krieg. Oh, es tut mir Leid, Ariowist, ich vergesse die ganze Zeit, dass du mit den Namen, die ich dir sage, nichts anfangen kannst. Also, die Acies Triplex ist eine dreifache Schlachtreihe. Sobald die Gegner ihre Taktik ändern, können auch die Römer sich ganz diszipliniert und schnell umstellen.  Eine Acies Duplex ist eine doppelte Schlachtreihe, eine Acies Simplex eine einfache Schlachtreihe.

Ariowist, du kennst doch das Kriegsgeschrei, mit dem wir Germanen in den Krieg ziehen. Bei den Römern ist das ganz anders. Sie gehen ganz still voran. Es wäre ein herrlich leiser Krieg, wenn Römer gegen Römer kämpften, aber das passiert natürlich nicht. Die Römer werden sehr gut gedrillt. Nie legen sie eine Pause ein. Jeder Soldat kennt seinen Platz und weiß, welche Aufgabe wer zu erledigen hat. Wenn sie ein Lager bauen wollen, werfen sie die Erde von außen nach innen. Das ist sehr praktisch, weil ein Graben und gleichzeitig ein Wall entstehen. Der Graben läuft unten spitz zu und ist 5 m breit und 3,5 m tief. Der Wall wird dann auch etwas 3,5 m hoch und breit.

Weißt du noch, wie lecker wir in Germanien gegessen haben? Hier ist das auch so. Wenn man allerdings Soldat ist, so muss man mit einem Kilogramm Mehl auskommen. Bei gewonnenen Schlachten erbeuten die Soldaten oft viele Schlachttiere, die sie dann auch essen.  Mein lieber Bruder, weißt du, die Römer müssen ziemlich diszipliniert sein. Kommt es zu einer Meuterei, so lost der Oberbefehlshaber aus und jeder 10 Mann wird hingerichtet. Und als ob das noch nicht genug wäre, Ariowist, der Aufwiegler des Streites wir nicht mit einem Beil, sondern mit einem Knüppel erschlagen.  Das ist eins der wenigen Dinge, die ich in Rom schlimm finde.

Nun will ich dir von der Ausrüstung eines Römischen Soldaten erzählen. Der Schild ist rechteckig und die Hauptdefensivwaffe zum Körperschutz. Mit diesen Schildern werden auch die „Schildkröten" aufgestellt. Die Schildkröte dient zum Schutz vor starkem Beschuss. Ich beschreibe dir, wie sie aussieht. Die Schildkröte besteht aus Kriegern. Die Krieger innen halten ihre Schilder nach oben und die äußeren Legionäre sichern die Seiten und die vorderen die Vorderseite. So können sie an keiner Seite getroffen werden. Die Schildkröte ist trotzdem im Nahkampf mehr als unnütz, weil die Gegner einfach auf die Römer einstechen könnten, ohne dass die sich wehren könnten. Also ist die Schildkröte nur im Fernkampf praktisch.

Eine Fernwaffe ist der Wurfspeer. Die Römer werfen ihn manchmal 30 Meter. Da muss man ziemlich stark sein. Ihr Schienenpanzer besteht aus einzelnen Metallplatten. Sie werden auf der Innenseite durch lederne Streifen gehalten. Ich glaube, dass er sehr schwer ist, mein lieber Bruder. Auch die Schwerter sind anders. Du kennst wahrscheinlich nur unsere langen germanischen Schwerter. Aber die Schwerter hier in Rom sind Kurzschwerter. Sie werden hauptsächlich als Stichwaffe benutzt.  Wahrscheinlich wirst du glauben, dass man damit gut ausholen kann? Das tun sie nämlich nicht. Ich habe dir doch von dem Schild erzählt. Das ist sehr groß und deshalb ist eine Ausholbewegung gar nicht möglich. Man benutzt aber nicht nur Schwerter im Nahkampf, manchmal auch Dolche.  Meistens sitzt er jedoch als Zierstück auf der linken Seite im Gürtel.

Unsere einfachen Lederschuhe aus Germanien waren zwar sehr gemütlich, aber hier in Rom sind sie aus einem viel besserem Leder. Das Leder wird in Streifen geschnitten. Es durchlüftet und durchblutet den Fuß. Dadurch bekommt man keine kalten Füße. Dass die Schuhe so wichtig sind, denkt man nicht, es ist aber so!

Dies alles wollte ich dir erzählen. Ich hoffe, dass wir uns einmal wiedersehen werden.

Dein Bruder Bertram

 

Ein Beispiel von Leonard und Jakob

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