Über den Rubikon (49 v Chr)

Der römische Schriftsteller Plutarch berichtet:

Pompeius vergaß die Vorsicht, mit der er früher seine Unternehmungen sicher zum glücklichen Erfolg geführt hatte. So wurde er übermütig und schätzte Cäsars Stärke so gering ein, dass er keine Waffen, keine mühseligen Rüstungen nötig zu haben glaubte, um den Gegner leichter zu stürzen, als er ihn einst erhoben hatte... Wenn jemand voll Sorge über den drohenden Krieg sprach, lachte er ihn aus. Als einige Freunde ihm vorhielten, sie sähen kein Heer, das man Cäsar entgegenstellen könnte, falls er gegen Rom ziehen sollte, da strahlte er übers ganze Gesicht und meinte, darum sollten sie sich nur nicht sorgen. „Denn wo ich in Italien mit meinem Fuß auf die Erde stampfe, da wachsen Soldaten und Reiter aus dem Boden."

Cäsar hatte nicht mehr als 300 Reiter und 5000 Mann Fußvolk bei sich. Das übrige Heer stand noch jenseits der Alpen, doch hatte er schon seine Legaten abgeschickt, es herbeizuholen. Aber er erkannte, dass es bei dem Anfang seines Unternehmens und bei dem ersten Angriff nicht auf die Zahl der Truppen ankam; viel wichtiger schien es ihm, mit einem gewagten, kühnen Schlag die Gegner zu überraschen. Es dünkte ihn leichter, durch sein unerwartetes Erscheinen bei seinen Feinden Furcht und Entsetzen zu verbreiten, als sie mit einem wohlgerüsteten Heer zu überwältigen. Deshalb gab er seinen Obersten und Offizieren Befehl, nur mit dem Schwert in der Hand, ohne alle anderen Waffen, Ariminum, die bedeutende Stadt im norditalischen Gallien, zu besetzen, wenn irgend möglich ohne Blutvergießen und Unruhe. Die Führung übernahm in seinem Auftrage Hortensius.

Er selbst zeigte sich den Tag über in der Öffentlichkeit und sah dem Training der Fechter zu. Kurz vor Dunkelwerden begab er sich nach einem Bad in den Speisesaal und unterhielt sich eine Weile mit seinen Gästen. Als es dunkel wurde, erhob er sich und verabschiedete sich aufs liebenswürdigste von seinen Gästen mit der Bitte zu bleiben, er werde bald zurückkommen. Nur einigen wenigen hatte er aufgetragen, ihm zu folgen, einer nach dem anderen, nicht alle auf einmal. Indes bestieg er einen Mietwagen und fuhr zunächst einen anderen Weg, dann schlug er die Richtung nach Ariminum ein. Als er an den Rubikon kam, den Grenzfluss zwischen seiner Provinz, dem diesseitigen Gallien, und dem eigentlichen Italien, verfiel er in Nachdenken. Denn nun nahte der entscheidende Augenblick, und die Größe des Wagnisses erhob sich drohend vor seinem inneren Auge. So ließ er den Wagen halten und prüfte noch einmal schweigend seinen Plan, es fiel ihm schwer, zu einem Entschluss zu kommen. Lange beriet er sich mit seinen Freunden, unter ihnen auch Asinius Pollio, und konnte den Gedanken nicht abweisen, wie viel Menschen sein Entschluss ins Unglück stürzen müsse, wie die Nachwelt einst über ihn urteilen würde. Endlich tat er mit leidenschaftlicher Bewegung den Schritt vom Grübeln in die Zukunft und sprach das Wort, das vor ihm schon so viele gesprochen haben, wenn sie sich in gewagte Abenteuer stürzten: „Der Würfel soll gefallen sein!" Schnell überschritt er den Rubikon und legte den Rest des Weges in eiliger Fahrt zurück. Noch vor Anbruch des Tages drang er in Ariminum ein und besetzte es.

Kaum war die Kunde nach Rom gekommen, da erhob sich in der Stadt wilde Aufregung, Angst und Schrecken packte alle wie nie zuvor. Der Senat lief in fliegender Eile zu Pompeius; auch die hohen Beamten fanden sich bei ihm ein. Als Volcatius Tullus von Pompeius wissen wollte, wie stark die bereitstehenden Truppen seien, antwortete er nach einigem Zögern recht kleinlaut, die von Cäsar zurückgekommenen Truppen ständen marschbereit, auch hoffe er, die kürzlich geworbenen Truppen, die sich auf 30.000 Mann beliefen, schnellstens zusammenziehen zu können. Da rief Tullus ihm ins Gesicht: „Du hast uns betrogen, Pompeius!" und verlangte, man solle mit Cäsar Verhandlungen anknüpfen. Und Favonius gab den Rat, Pompeius solle auf den Boden stampfen und die Legionen, die er immer versprochen hatte, hervorzaubern. Pompeius ließ diese Taktlosigkeit ruhig über sich ergehen. Cato machte nun den Vorschlag, Pompeius den unumschränkten Oberbefehl zu übertragen. Denn wer das Unheil angestiftet habe, solle ihm auch ein Ende machen... Inzwischen breitete sich die Aufregung fast über ganz Italien aus, so dass man nicht mehr ein noch aus wusste. Denn die Bauern vom Lande retteten sich von allen Seiten in ängstlicher Flucht in die Stadt, während die Römer ebenso eilig die Stadt verließen. In der allgemeinen Verwirrung hatten die besseren Elemente der Bürgerschaft allen Einfluss verloren, und die zügellose Menge gewann die Oberhand und war kaum noch zu bändigen. Angst und Aufregung zu dämpfen schien unmöglich, und Pompeius konnte überhaupt keinen eigenen Entschluss mehr fassen, weil jeder in seiner Angst oder Trauer oder Not zu ihm gelaufen kam und ihn mit seinen Sorgen erfüllte. Daher wurden oft an einem Tag die Beschlüsse des Morgens am Abend widerrufen. Er bekam nicht einmal zuverlässige Nachricht über den Feind; alle, die zufällig etwas gehört hatten, hinterbrachten es ihm, und wenn er es dann nicht glauben wollte, nahmen sie es noch übel. Unter diesen Umständen gab er schließlich ein Edikt heraus, in dem er amtlich den Zustand des Bürgerkrieges verkündete und den Senatoren den Befehl gab, ihm zu folgen; wer sich weigere, gelte in seinen Augen als Anhänger Cäsars. Am späten Abend verließ er dann die Stadt, mit ihm die Konsuln, ohne dass sie vorher die bei Kriegsausbruch üblichen Opfer dargebracht hatten.

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