Die Iden des März

Der römische Geschichtsschreiber Plutarch berichtet:

"Als bekannt wurde, Caesar wolle am 15. den Senat in die Kurie des Pompeius berufen, um... dann, am 17., aufzubrechen, da war sofort alles darüber einig, dass damit eine vorzügliche Gelegenheit geboten sei. Wenn Caesar im Senat von einem Bunde von achtzig einflussreichen Senatoren getötet wurde, so musste das den Eindruck machen, als hätte an ihm Rom selbst, wie einst an Romulus, das Todesurteil vollstreckt... Die Tage vor der Sitzung begannen nun einer nach dem andern mit schrecklicher Langsamkeit dahinzuschleichen. Am Ende jedes dieser Tage zogen sich in achtzig der vornehmsten Häuser Roms Männer, die so oft dem Tode ins Antlitz geschaut hatten, in qualvoller Erregung in ihre kleinen Gemächer zurück und fragten sich, ob nicht einer das Geheimnis verraten, ob Caesar sie nicht allesamt während der Nacht hinschlachten lassen würde... Indes verflossen die Tage; Rom blieb ruhig und das Geheimnis gut bewahrt; weder Caesar noch die Seinen schienen etwas zu ahnen... Der 14. März war inzwischen angebrochen; der Tag schien endlos lang, verging aber doch endlich, ohne dass sich etwas zugetragen hätte. Caesar speiste bei Lepidus und kehrte jedenfalls spät heim, was ein sicheres Zeichen war, dass er keine Angst hegte. Wie viel Blicke müssen während dieser Nacht zum Himmel emporgeschaut haben, ob die Sterne nicht aufhörten zu funkeln und sich nicht endlich die Sonne erhob, die Caesars Blut fließen und die Republik wiederhergestellt sehen sollte! Nur Caesar, der in der Tat spät heimkehrte, schlief ahnungslos den unruhigen Schlummer eines müden und kranken Mannes.

Endlich erglomm das Morgenrot des 15. März. Die Verschworenen waren zu guter Stunde am Portikus des Pompeius unweit des jetzigen Campo dei Fiori. Brutus ließ sich als Prätor auf dem Richterstuhl nieder und fing an, die Klagen der Recht suchenden Parteien, seine Erregung bemeisternd, ruhig anzuhören; die andern Verschworenen hielten sich in Erwartung der Eröffnung der Sitzung in den Säulengängen auf und sprachen, mit aller Anstrengung ihre äußere Ruhe bewahrend, mit den Amtsgenossen. Im Theater des Pompeius begann jetzt die Vorstellung, bald entwickelte sich der gewöhnliche Straßenverkehr. Caesar musste jeden Augenblick eintreffen. Seine Ankunft verzögerte sich aber, anscheinend weil er sich nicht recht wohl fühlte, was ihn beinahe veranlasst hätte, die Sitzung zu verschieben. Die schon vorher unruhigen Verschworenen bekamen jetzt Furcht und zitterten bei dem geringsten Geräusch. Ein Freund näherte sich Casca, einem der Verschwörer, und sagte lachend zu ihm: „Du versteckst etwas, aber Brutus hat mir alles gesagt." Erschreckt war Casca im Begriff, alles zu verraten, als er aus den weiteren Worten des andern ersah, dass er auf dessen eigene Bewerbung um die Ädilität anspielte. Ein Senator, Popilius Länas, war an Brutus und Cassius herangetreten und flüsterte ihnen ins Ohr: „Es kann euch gelingen, aber macht schnell!" Und immer noch kam Caesar nicht! Die Sonne stand schon hoch am Horizont; es mochte zehn Uhr vormittags sein. Die bange Erwartung legte sich lähmend auf die Nerven der Verschworenen, und Angst erfasste sie. Endlich fasste Cassius den Entschluss, Decimus Brutus zu Caesar zu schicken, um zu sehen, wie es stehe, und ihn zur Kurie abzuholen. Schnell eilt Decimus durch die kleinen Gassen des Marsfeldes, steigt zum Forum hinauf, tritt in das Staatsgebäude, in dem Caesar als Pontifex maximus seine Wohnung hatte, und trifft ihn gerade in dem Augenblick, als er sich entschlossen hat, die Sitzung wegen seines Unwohlseins zu vertagen. Aber im Drange der Gefahr hat Decimus die Verwegenheit, durch freundschaftliche Vorstellungen den Mann, der ihm vertraut und seiner Aufforderung mit geschlossenen Augen Folge leistet, in den Tod zu locken. Endlich erscheint Caesars Sänfte. Der Diktator steigt bei der Kurie aus, und die Verschwörer sehen von weitem Popilius Länas sich ihm nähern und mit leiser Stimme lange zu ihm sprechen. Das war für Brutus und Cassius ein entsetzlicher Moment. Wollte er sie verraten? Schon wollte Cassius den Kopf verlieren, aber Brutus, der sich mehr Besonnenheit bewahrte, hatte den Mut, Caesar in diesem Augenblick ins Gesicht zu schauen; das hagere, ernste, von Sorgen erschöpfte Antlitz war ruhig wie beim Anhören einer Mitteilung, die vor allem den Sprecher selbst interessiert. Brutus gibt Cassius ein Zeichen, er möge sich beruhigen. Aber noch eine Verzögerung tritt ein. Caesar bleibt eine Weile vor der Kurie, um die vorgeschriebenen Opfer zu verrichten. Endlich tritt er ein und setzt sich nieder, während Antonius von Trebonius im Gespräch draußen festgehalten wird. Jetzt tritt Cimber auf den Diktator zu und bittet ihn um die Begnadigung eines seiner Brüder, der verbannt ist; die anderen Verschworenen sammeln sich um ihn, wie wenn sie Cimbers Bitte unterstützen wollten. Caesar erhebt sich, da ihn so viele umringen, und macht eine Handbewegung, dass sie sich entfernen möchten. Da greift Tullius (Cimber) nach seiner Toga, die ihm von der Schulter gleitet und seinen mit einer leichten Tunika bekleideten Oberkörper entblößt. Das war das Zeichen. Casca tut den ersten Stoß, trifft ihn aber in der Hast an der Schulter. Aufschreiend fasst Caesar nach seinem eisernen Schreibgriffel; Casca ruft erschreckt seinen Bruder zu Hilfe, der Caesar den Dolch in die Seite stößt, Cassius trifft ihn ins Gesicht, Decimus in der Hüfte; bald sind alle, sich gegenseitig stoßend, über ihm her, während die übrigen Senatoren, im ersten Moment starr vor Staunen, laut schreiend, von jähem Entsetzen gepackt, auseinanderstieben, zum Teil selbst in der Überstürzung einer über den andern zu Boden fallend. Alle suchen ihr Heil in der Flucht, selbst Antonius. Nur zwei von Caesars Freunden sind ihm zu Hilfe geeilt, aber vergeblich. Die Streiche abwehrend, ist er bis zur Bildsäule des Pompeius gelangt, an ihrem Fuße sinkt er blutüberströmt zusammen.

Nun wollte Brutus seine Rede halten, aber die Kurie war leer. Die Verschworenen hatten nicht daran gedacht, dass eine kindische Furcht ihren so schön ausgedachten Plan, sofort die Wiederherstellung der Republik zu beschließen, zunichte machen würde. Was sollten sie tun? In ihrer Aufregung und Verwirrung beschlossen sie nach kurzer Beratung, da sie sich vor den Veteranen und den kleinen Leuten fürchteten, die Gladiatoren des Decimus Brutus herbeizurufen und mit ihnen auf das Kapitol zu ziehen, um sich dort zu verbarrikadieren und mit größerer Ruhe über die weiteren Schritte zu beraten. In der Tat zogen sie aus, die Toga als Schild um den linken Arm gerollt und mit der Rechten die blutigen Dolche schwingend. Als Freiheitssymbol führten sie auf einem Stock einen pileus, eine Filzkappe, mit sich und brachten Hochrufe auf die Freiheit, die Republik und Cicero, den weisen Verfasser des „Staats", aus. Aber allenthalben herrschte auf den Straßen große Verwirrung. Überall sah man die Leute unter lautem Geschrei nach allen Seiten auseinanderlaufen. Unter der Säulenhalle und in den angrenzenden Straßen hatten die Leute mit Entsetzen die Senatoren plötzlich schreiend sich flüchten und die bewaffneten Gladiatoren herbeieilen sehen. In einem Augenblick war das Zeichen zum Alarm gegeben, und ein allgemeines Flüchten begann. Man hörte das Geschrei im Theater des Pompeius, und auch hier floh das erschreckte Publikum verwirrt davon, während sich die Diebe an die Körbe und Wagen der fliehenden Händler um das Theater herum machten. Alles floh in die Häuser oder die Geschäftsläden, die von den Besitzern eiligst geschlossen wurden. Das Erscheinen der blutbedeckten bewaffneten Männer steigerte noch die Verwirrung in den Straßen, die sie durcheilten. Vergebens riefen sie, besonders Brutus, den Flüchtigen zu und suchten die Menge durch Zeichen zu beruhigen. Niemand hörte auf sie oder machte Halt. Mit Blitzesschnelle breitete sich die Kunde von Caesars Ermordung bis in die abgelegensten Teile der Stadt aus und trieb überall die Bevölkerung in die Wohnungen. Auch Antonius schloss sich in seinem Hause ein, während die Verschwörer auf dem Kapitol Schutz suchten. Bald waren die Straßen menschenleer, und ein unheimliches Schweigen legte sich über die sonst lärmende Stadt. Die Bewohner jagten sich gegenseitig Furcht ein."

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