Delphi und die Orakelsprüche der Pythia

Aus den Life Time Büchern zur Kulturgeschichte, gefunden von Petra Eimermacher

Mit einer Meereshöhe von 570 m liegt Delphi im wildroman­tischen Hochgebirge. Nach Norden drohen steilaufragende Fels­wände, die Phaedriaden, die zum Massiv des Parnassos (2459 m) gehören. Sie sind gespalten durch eine Schlucht mit dem Quell Kastalia.

Wer in dieser großartigen Umgebung einmal ein Unwetter und darauf wieder die strahlend leuchtende Sonne erlebt hat, der versteht, dass hier ein Mythos erwuchs, der von den finsteren Gewalten der Erde und dem erdgeborenen Drachen Python er­zählt, der an einem Erdschlund das Heiligtum der Erdmutter bewachte und von dem Lichtgott Apollon getötet wurde (daher Apollons Beiname Pythios). An diesen Erdschlund, aus dem be­rauschende Dünste aufstiegen, war die heilige Stätte Delphis ge­bunden. Bei ihm wurde der große Tempel Apollons erbaut. Hier saß Apollons Priesterin Pythia auf ihrem Dreifuß über dem Erd­spalt und gab Ratsuchenden aus aller Herren Länder ihre be­rühmten Orakelsprüche.

 

Im Gegensatz zu Olympia war Delphi fortan immer eine Siedlung, nicht nur ein Heiligtum. Aber auch sie verdankte Reichtum und Bedeutung, ja vielleicht ihr Bestehen als Priester- ­oder eher Ordensgründung dem Apollon-Heiligtum und seinem Orakel. Delphi war damit an die Verehrung des Gottes gebun­den, der einst die Hirtenscharen der Einwanderer zur Land­nahme in Hellas geführt hatte und nun den Frommen den Weg in die Zukunft wies. Apollon trat an die Stelle der Erdgöttin Gaia-Themis, der Herrin der Quellen Kastalia und Kassotis und der Pythonschlange, die eine andere Gestalt der Gaia war. Die Verehrung einer weiblichen Gottheit erhielt sich dagegen nur im Bezirk der Athena Pronaia. Der neue Herr des Heiligtums ver­kündigte seinen Willen als Daphneios im Rauschen seines heili­gen Baumes, des Lorbeers, oder beim Werfen von Losstäbchen, von Runen. Erst später setzte sich das Orakel aus dem Munde einer weiblichen Gestalt, der Pythia, wieder durch, die den ger­manischen und keltischen Seherinnen vergleichbar ist. Waren die Voropfer günstig ausgefallen, antwortete das Orakel dem Frager zunächst nur bejahend oder ablehnend. Dies geschah auch nicht an jedem Tag und lange nur monatlich einmal, jedenfalls so selten, dass sich die Orakelsuchenden drängten und es von Vorteil war, für Verdienste um Delphi ein Vorrecht zur Frage zu er­halten, die so genannte Promanteia.

Delphi war die Weihestätte, die durch Jahrhunderte hoffende und sorgenvolle Menschen von nah und fern, Griechen und Barbaren, anzog, um die Zukunft zu erfragen. Nie aber wurde um Lenkung des Schicksals gebeten. Denn den Göttern konnte man nur das Vorauswissen zutrauen, die Gestaltung des Lebens der Sterblichen entzog sich ihrer Macht, lag im Schoß der Moira, der Schicksalsgöttin, deren Spruch sich selbst die Götter fügen mussten.

Die Orakelsprüche ergingen an Stämme, Städte und Fürsten, selten an Privatpersonen. Das Orakel wurde befragt, wenn neue Staaten gegründet oder Missstände einer bestehenden Verfas­sung oder die traditionsfeindliche Tyrannis beseitigt werden sollten. Auswanderer fragten an, ob sie die heimischen Kulte überführen dürften und ließen sich vom Orakel (wie Sparta schon im 8. Jahrhundert die Neugestaltung seines Staates) den Plan der Koloniegründung bestätigen, die sie aus Heimatlosen, Flüchtlingen und Verbannten zu Trägern einer neuen staatlichen Ordnung im Sinne des Gottes machen sollte. Die griechische Kolonisation nach dem Westen des Mittelmeerbeckens und später auch an den Küsten des Schwarzen Meeres ist von Delphi aus ermutigt worden. Apollon wahrte überall die „Wohlgesetzlich­keit" (Eunomia) der Lebensformen in den griechischen Staaten. So erhob er auch religiös-sittliche Forderungen: der Blutrache wurde durch Sühnbräuche Einhalt getan, die Heiligkeit des Asylrechtes verkündet, und die ersten Bestimmungen über humane Kriegführung gingen von Delphi aus. Die Sprüche der sieben Weisen waren im Tempel aufgezeichnet, voran das be­rühmte „Erkenne Dich selbst", eine Mahnung, sich der Grenzen des Menschen bewusst zu werden, aber auch bis zur Erfüllung des Menschentums zu streben. So stellte der Gott in Delphi den Griechen die höchsten Normen des Lebens in der Gemeinschaft auf, indem er sie zur Vorbedingung der Bewahrheitung seiner Orakel, ja ihrer Erteilung erklärte.

Die Sprüche der Pythia wurden von den Priestern meist in die metrische Form des Zweizeilers (Distichon) gebracht. Durch ihre Auslegung gewann die kluge und feingebildete Priesterschaft Delphis großen politischen Einfluss. Die Orakelsprüche waren oft doppeldeutig gehalten. Bekannt ist die Geschichte von Kroisos, der den Spruch erhielt, durch Überschreiten des Grenzflusses Halys werde er ein großes Reich zerstören. Er bezog das auf das fernliegende Perserreich, der Gott indes meinte sein eigenes Reich, das er tatsächlich 545 verlor. Nach einem Wort des Philo­sophen Heraklit „sagt und verbirgt der Gott von Delphi nichts, sondern deutet an". Bei den Ratsuchenden selbst lag dann die Ausdeutung, daher kam alles auf die rechte Haltung der Ehr­furcht vor der Gottheit an. Manche Staaten wie Athen hatten ihre festen eigenen Ausleger (Exegeten), andere sandten stets dieselben Männer als „Pythioi" (wie Sparta) oder als „Theoroi" nach Delphi, und eine Stadt, die sich dem Heiligtum besonders verbunden fühlte wie Aigina, machte diese zu ihren höchsten Beamten und damit den pythischen Gott selbst gleichsam zu ihrem Staatsoberhaupt.

Die größte Wirkung des Heiligtums fällt in das 7.und 6. Jahr­hundert vor Chr. und damit in eine Zeit, die für die Ausbildung der griechischen Staaten entscheidend war. Der erste Heilige Krieg vertiefte diese Wirkung durch die folgende Neugestaltung des delphischen Festes, der Pythien, die alle vier Jahre gefeiert wur­den. Seitdem erst waltete die Priesterin Pythia, und damals auch ward Dionysos, der Herr des Parnaßgebirges im Winter, in den delphischen Kult aufgenommen und wirkte fortan von Delphi aus weiter. Die Zerstörung des ältesten Apollontempels, eines Holzbaues mit bronzeverkleideten Wänden auf einem Stein­sockel, durch einen Brand im Jahre 548 brachte einen neuen Ein­schnitt. Als man für den Neubau zunächst den Platz durch An­schüttungen und Anlage einer Terrasse (mit der Polygonalmauer, s. u.) erweiterte, wurden ältere Votive, auch Bauten und teilweise selbst die alte Stätte des Gaia-Kultes in der Erde begraben, denn nichts, was dem Gott zu eigen gewesen war, durfte das Heiligtum verlassen. Ganz Hellas steuerte damals zu den Kosten des Neu­baues bei, aber erst nach 513 konnte mit dem gesammelten Geld die Ausführung des Oberbaues begonnen werden. Hinzu kamen Zuschüsse zur Ausführung der Frontseite in parischem Marmor durch das Adelsgeschlecht der Alkmaioniden, die aus Athen ver­trieben waren.

Überallhin ergingen im 6. Jahrhundert Delphis Orakelsprüche, von weither kam der Dank für die Beratung in Gestalt von Weihgeschenken. Die Kolonialstädte, gleich welchen Stammes, fühlten sich allezeit an den Berater ihrer Gründer ebenso ge­bunden wie an die Mutterstadt selbst. Früh ehrten auch die Nach­barn der griechischen Kolonien in Italien das Heiligtum: die Etrusker und Umbrer. Auch wenn Griechen gegen Griechen kämpften, taten sie es im Sinne des pythischen Gottes, da der Kampf nur nach den von Delphi gesetzten Normen als ein Agon wie ein Spiel oder ein Turnier nach festen Regeln geführt wurde, und sie dankten ihm sichtbar für den Sieg. Seit dem Peloponnesischen Krieg trumpften sie gar mit ihren Siegesmälern gegeneinander in Delphi auf. Noch immer galt der Krieg, der wie das Wettspiel Agon hieß, dem Gott heilig. So schien sich in seinem Ausgang Apollons Wille zu vollziehen, die Doppeldeutig­keit der Orakelsprüche zu lösen. Daher füllte sich der heilige Be­zirk mit Weihgeschenken: Dreifußkesseln, Standbildern des Got­tes - einmal gleich zwanzig nebeneinander - Beutestücken, be­sonders gern auch mit den Darstellungen von Prozessionen zu Ehren des Gottes.

Mit dem beginnenden Zweifel in religiösen Dingen schwand dann das Ansehen der Orakel, bis Delphi schließlich nichts als eine durch seine Bauten und Schätze interessante Sehenswürdig­keit war. Aber auch diese wurden seit dem 1. Jahrhundert vor Chr. von einbrechenden Völkerscharen und dann von römischen Machthabern (Sulla, Nero) immer mehr ausgeplündert.

Im 2. Jahrhundert nach Chr. blühte Delphi noch einmal auf, besonders unter Kaiser Hadrian, der den Amphiktionen ein neues Sitzungsgebäude, das Synedrion stiftete.

Die Verbote der heidnischen Kulte seit Kaiser Theodosius (392) und Naturkatastrophen haben das Hei­ligtum schließlich in eine Ruinenstätte verwandelt. Doch noch im 6. Jahrhundert bestand hier ein Bistum.

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