Sparta (Plutarch)

Der griechische Geschichtsschreiber Plutarch schrieb über die Erziehung der Spartaner das Folgende:

„Mit der Erziehung, die Lykurg für die größte und wichtigste Aufgabe des Gesetz­gebers ansah, fing er ganz von vorn an und richtete sein Augenmerk auf Eheschließung und Kindererzeugung... Er kräftigte die Körper der Jungfrauen durch Laufen, Ringen, Diskus- und Speerwerfen ... Weichlichkeit, Verzärtelung und alles weibische Wesen verbannte er und gewöhnte die Mädchen, ebenso wie die Knaben nackt ihre Aufzüge zu halten und bei gewissen Festen zu tanzen und zu singen, in Gegenwart und vor den Augen der jungen Männer... Die Entblößung der Jungfrauen hatte nichts Schimpfliches, weil Scham dabei und Lüsternheit ferne war, und sie bewirkte die Gewöhnung an Schlichtheit und das Streben nach körperlicher Wohlbeschaffen­heit und gab auch der Frau Sinn und Geschmack für edles Selbstgefühl, dass auch sie nicht minder als der Mann Anteil haben sollte am Streben nach Tapferkeit und Ruhm. So kamen sie dazu, so zu reden und zu denken, wie es von Gorgo, der Gattin des Leonidas, berichtet wird. Als nämlich eine Frau, aus einem andern Land natürlich, zu ihr sagte: „Ihr Lakonerinnen allein beherrscht eure Männer", erwiderte sie: „Wir allein gebären auch Männer!"

Das zur Welt Gekommene aufzuziehen unterlag nicht der Entscheidung des Erzeu­gers, sondern er hatte es an einen Ort zu bringen, Lesche genannt (Sprechhalle), wo die Ältesten der Gemeindegenossen saßen und das Kind untersuchten und, wenn es wohlgebaut und kräftig war, seine Aufzucht anordneten und ihm eins der neuntausend Landlose zuwiesen; war es aber schwächlich und missgestaltet, so ließen sie es zu der so genannten Ablage (Apothetai) bringen, einem Felsabgrund am Taygetos. Denn sie meinten, für ein Wesen, das von Anfang nicht fähig sei, gesund und kräftig heranzu­wachsen, sei es besser, nicht zu leben, sowohl um seiner selbst wie um des Staates willen... Bei der Aufzucht hatten die Ammen ein gewisses kunstmäßiges Verfahren, nach dem sie die Säuglinge ohne Windeln aufzogen und so dem Körper und dem Gliederbau Ungezwungenheit gaben, sie ferner dazu erzogen, nicht eklig und wähle­risch beim Essen zu sein, keine Angst zu haben im Dunkeln, oder wenn sie allein waren, und frei zu sein von hässlicher Übellaunigkeit und Weinerlichkeit. Daher kauften manche Ausländer für ihre Kinder lakonische Ammen...

Die Knaben der Spartaner aber gab Lykurg nicht in die Hände von gekauften oder gemieteten Pädagogen, noch durfte jeder seinen Sohn halten und auf ziehen wie er wollte, sondern er nahm selbst alle, sobald sie sieben Jahre alt waren, zu sich und teilte sie in Gruppen, in denen sie miteinander aufwuchsen, erzogen und gewöhnt wurden, beim Spiel wie bei ernster Beschäftigung immer beisammen zu sein. Als Führer der Gruppe wählten sie sich denjenigen, der sich durch Klugheit und durch Kampfesmut auszeichnete. Auf ihn blickten sie, hörten auf seine Befehle und unterwarfen sich seinen Strafen, so dass die Erziehung wesentlich in der Übung im Gehorsam bestand. Bei ihren Spielen pflegten die Älteren zuzusehen und öfters Streitigkeiten und Händel unter ihnen zu erregen, um so gründlich zu erproben, wie der Charakter eines jeden Jungen beschaffen war, zu wagen und im Kampf nicht auszureißen.

Lesen und Schreiben lernten sie nur soviel, wie sie brauchten; die ganze übrige Erziehung war darauf gerich­tet, dass sie pünktlich gehorchen, Strapazen ertragen und im Kampfe siegen lernten. Daher verschärften sie bei fortschreitendem Alter das Training, schoren sie bis auf die Haut und gewöhnten sie, barfuß zu gehen und ihre Übungen in der Regel nackt zu halten.

Sobald sie zwölf Jahre alt waren, gingen sie stets ohne Unterkleidung, bekamen nur einen Mantel aufs Jahr, waren am ganzen Körper schmutzbedeckt und durften weder baden noch sich salben, bis auf wenige Tage des Jahres, an denen sie solcher Annehmlichkeiten teilhaftig werden durften. Sie schliefen zusammen in Gruppen und Untergruppen auf Streuschütten, die sie selbst zusammentrugen, indem sie die Spitzen des am Eurotas wachsenden Schilfes mit bloßen Händen ohne Messer abbrachen. In diesem Alter gesellten sich auch schon angesehene junge Leute zu ihnen, und auch die Älteren wandten ihnen jetzt erhöhte Aufmerksamkeit zu, kamen zu ihren Übungsplätzen und wohnten ihren Kämpfen und gegenseitigen Spöttereien bei, nicht nur so nebenbei, sondern weil sie alle sich gewissermaßen als Väter, Erzieher und Vor­gesetzte aller Knaben fühlten, so dass keine Zeit und kein Ort blieb, an dem nicht einer war, um jeden Knaben, der sich irgendwie verging, zurechtzuweisen und zu bestrafen. Außerdem wurde aus der Zahl der angesehensten Männer einer als Knabenaufseher (Paidonomos) bestellt, und die Knaben selbst wählten gruppenweise den verständig­sten und tapfersten der so genannten Eirenen zu ihrem Führer. Eiren nennen sie diejenigen, die zwei Jahre über das Knabenalter hinaus sind ... Dieser Eiren nun, zwanzig Jahre alt, befehligt die ihm Unterstellten in den Wettkämpfen, und zu Hause, bei der Mahlzeit, sind sie seine Bedienten. Den Kräftigen befiehlt er, Holz heranzuschaffen, den Kleineren Gemüse. Sie müssen es aber stehlen, teils indem sie in die Gärten gehen, teils indem sie sich in die Tischgesellschaften der Männer einschleichen, aber höchst gerissen und vorsichtig, denn wenn einer erwischt wird, be­kommt er viele Peitschenhiebe, weil er unbedacht und ungeschickt gestohlen hat.

Sie stehlen auch von Speisen, was sie kriegen können, weil sie lernen sollen, Schlafenden oder solchen, die nicht gut aufpassen, geschickt beizukommen. Wird einer ertappt, so sind Schläge und Hunger die Strafe. Denn ihr Mahl ist kärglich, damit sie gezwungen werden, selber durch List und Wagemut dem Mangel abzuhelfen ... Mit solcher Besonnenheit aber stehlen die Knaben, dass einmal einer - so wird erzählt -, der einen jungen Fuchs gestohlen hatte und ihn in seinem Kittel versteckt hielt, es schweigend ertrug, dass ihm von dem Tier der Bauch mit Krallen und Zähnen zerfleischt wurde, und daran starb, nur um sich nicht zu verraten ... Hatte der Eiren gespeist, so legte er sich nieder und befahl dem einen Knaben zu singen, dem andern legte er eine Frage vor, die eine wohlüberlegte Antwort erforderte, zum Beispiel, wer ist der beste unter den Männern, oder wie ist die Handlung des und des Mannes zu beurteilen? So wurden sie von Anfang an daran gewöhnt, gut und schlecht zu unterscheiden und sich über die Bürger Gedanken zu machen. Denn wenn einer auf die Frage, welcher Bürge tüchtig und welcher nicht angesehen wäre, keine Antwort wusste, so nahm man das für ein Zeichen eines trägen und nicht eifrig nach der Tugend strebenden Geistes... Man lehrte die Knaben ferner, bei ihren Reden Schärfe mit Witz zu verbinden und einen vollgültigen Gedanken in die kürzeste Form zu kleiden... Indes die Erziehung im Gesang und in der Musik wurde nicht weniger eifrig betrieben als die Bemühung um gutes und klares Reden. Ihre Liedweisen enthielten etwas den Mut Entflammen­des und begeisternden Tatendrang Erweckendes, und der Text war einfach und unge­künstelt bei sittlich erhabenem Inhalt. Es waren zumeist Lobgesänge, in denen die für Sparta Gefallenen glücklich gepriesen wurden, Hohngesänge auf die Feiglinge, was für ein erbärmliches, unglückseliges Leben sie führten, Versprechen künftiger, Sichrühmen wegen bewiesener Tapferkeit, entsprechend dem Lebensalter. Beispielshalber ist es wohl angebracht, einen dieser Gesänge anzuführen. Bei den Festen traten näm­lich drei Chöre auf, gemäß den drei Altersklassen, und der Chor der Greise eröffnete und sang:

„Wir waren einstmals wehrhaft junges Volk", ihm erwidernd sangen die in den Jahren der Kraft:
„Wir sind es jetzt; versuch es, wenn du willst!" und zu dritt sang der Chor der Knaben:

„Wir aber werden noch viel stärker sein."

Die Zucht erstreckte sich bis auf die Erwachsenen. Keinem stand es frei zu leben, wie er wollte, sondern sie lebten in der Stadt wie in einem Feldlager nach strengen Vor­schriften für all ihr Verhalten und ihre Beschäftigung in der Öffentlichkeit, und über­haupt glaubten sie nicht sich, sondern dem Vaterlande zu gehören. War ihnen nichts anderes zu tun befohlen, so beaufsichtigten sie die Knaben und lehrten sie etwas Nützliches oder ließen sich selbst von den Älteren unterweisen. Dies war ja einer der großen und beneidenswerten Vorteile, die Lykurg seinen Mitbürgern verschafft hatte: die reichliche Muße, da es ihnen nicht gestattet war, irgendein niederes Gewerbe zu betreiben, und sie sich überhaupt nicht mit Gelderwerb und mühseligen Geschäften zu befassen brauchten... Überhaupt aber gewöhnte er die Bürger daran, ein Privat­leben weder zu wünschen noch zu kennen, sondern wie die Bienen fest mit der Ge­meinschaft verwachsen und miteinander um den König gedrängt beinahe aus sich selbst herauszutreten vor Begeisterung und Ehrbegierde, und ganz dem Vaterlande zu gehören."

 

Über die Kriegführung der Spartaner:

„Zur Kriegszeit erließ man den jungen Leuten... viel von der harten Zucht, hinderte sie nicht, zu prunken mit geschmückten Haaren, Waffen und Gewändern, und freute sich, wenn sie wie feurige Rosse schnaubten nach dem Kampf. Durften sie schon gleich vom Ephebenalter ab das Haar wachsen lassen, so pflegten sie es doch besonders, wenn es der Gefahr entgegenging, dass es glänzte und schön geordnet war... Auch nahm man im Felde es mit den Übungen nicht so streng und mit der Aufsicht über das Treiben der jungen Leute nicht gar so genau, so dass für sie allein unter allen Men­schen der Krieg eine Erholung von der ewigen Übung für den Krieg war...

Wenn das Heer in Schlachtordnung aufgestellt und man schon in Sicht der Feinde war, dann opferte der König die Ziege und befahl allen, sich zu bekränzen, und den Schalmeienbläsern, die Kastorweise zu blasen. Zugleich stimmte er den Angriffs­gesang an, so dass es einen gleichzeitig erhabenen und erschreckenden Anblick gab, wenn sie nach den Rhythmen der Schalmeien anrückten, keine Lücke in ihrer Schlachtordnung entstehen, von keiner Furcht sich erschüttern ließen, sondern ruhig und heiter zum Klange der Schalmeien der Gefahr entgegengingen. So beschaffene Menschen erfüllt begreiflicherweise weder Angst noch überschäumender Mut, sondern ein sicheres Hochgefühl, verbunden mit Hoffnung und Zuversicht, dass der Gott mit ihnen sei... Hatten sie den Gegner zum Weichen gebracht und gesiegt, so verfolgten sie nur so weit, um den Sieg durch die volle Flucht der Feinde zu sichern, und gingen dann sogleich zurück, weil sie es nicht für edel und griechenwürdig hielten, Menschen die den Kampf aufgegeben hatten und gewichen waren, weiter niederzuhauen und zu töten.

Die sich in der Schlacht feige gezeigt haben, werden nicht nur von jedem Amt aus­geschlossen, sondern es gilt auch für unschicklich, einem dieser Männer eine Tochter zur Frau zu geben oder eine Tochter von ihm zur Frau zu nehmen. Wer ihnen begegnet und dazu Lust hat, darf sie schlagen. Sie müssen es sich gefallen lassen, schmutzig und verächtlich umherzugehen, tragen Mäntel, an die Streifen von besonderer Farbe angenäht sind, und dürfen sich nur die Hälfte des Bartes scheren, die andere Hälfte müssen sie wachsen lassen."

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