Italien

Die Völker der mittleren und nördlichen Breiten Europas tragen seit Jahrhunderten das sehnende Verlangen nach dem Süden und beson­ders nach Italien tief in ihrem Herzen. Immer wieder ziehen empfindsame Wanderer in dieses Land der Wunder, immer wieder besingen Dichter die herrlichen Denkmäler einer großen Vergangenheit, den Zauber einer traumhaft schönen Natur, suchen Künstler darin Anregung und Vorwurf für ihre Werke und forschen Wissenschafter nach Wesen und Zusammenhang versunkener Kulturen.

Nicht gar zu weit ist der Weg vom Binnenland zur italischen Halb­insel, und doch grüßt uns hier eine eigenartige, von unserem gewohnten Umkreis stark abweichende Welt.

Unsere Phantasie bewegt das seltsame Pflanzenkleid der grünenden Maulbeer- und Oleanderbäume, der dunklen Zitronenhaine und der blaugrünen Kaktushecken, zwischen denen sich weiße Steinpfade schlän­geln. Unser Auge blendet die Fülle der Farben, das Helle des Lichtes. Wir atmen die schwerelosen Nächte, in denen noch der Glanz des Tages nachzittert. Wir schauen mit Staunen auf das Leben im Süden, das, ge­löster und luftiger als unser schweres und lichtarmes Dasein, unter freiem Himmel im goldenen Sonnenschein dahinflutet. Unsere Augen folgen den felsfarbigen Städten an den Hängen empor, den Schlössern und Palästen, die in weiten exotischen Gärten träumen. Das für den Binnenländer besonders gewaltige Erlebnis des Meeres, auf das immer wieder unsere Reisewege stoßen, umbrandet die Symphonie unserer Gefühle. Das Meer holt in seinen verschiedenen Farben, bald rosig angehaucht, bald blendend gleißend wie ein glatter Silber­spiegel, wellig wallend wie schwerer Brokat und dunkel schaltend wie flüssiges Ultramarin, gleichsam die Tönungen des Himmels zu uns herunter.

Schon ein flüchtiger Blick auf die Landkarte lässt uns die Apenninhalbinsel als eine geschlossene Einheit erscheinen. Ein gewaltiges Hoch­gebirge gegen Norden und die See nach den drei anderen Himmels­richtungen zeichnen dem italischen Raum seine klaren natürlichen Grenzen. Wie ein schmaler Damm streckt sich Italien von den Regionen ewigen Schnees in einer Länge von rund 1140 km bis in die subtropische Zone zwischen die zwei wuchtigen Randhalbinseln des Mittelmeer­beckens, die iberische und die des Balkans. Seine schwellenhafte Zwi­schenlage ermöglichte frühzeitig eine Fühlungnahme mit den das Binnen­meer umsäumenden alten Hochkulturen. Dadurch war dem Land von Anfang her ein vermittelnder Vorrang vor den beiden Schwesterhalb­inseln, die naturgesetzte Grundlage für die Entwicklung eines mächtigen, umfangreichen Staates gegeben; von diesem prachtvollen Mittelsitz überschaute und leitete Rom das gewaltige Spiel der Geschichte der Alten Welt im weiten Theateroval des Mittelmeeres, das die Römer als das ihre in Anspruch nahmen - märe nostrum.

 

Norditalien

Die jetzige Republik Italien umfasst, die Inseln mit eingeschlossen, rund 301.000 km2. Die italische Halbinsel verdankt ihre Entstehung der Tertiärzeit. Der Apennin besteht ebenso wie die Alpen aus tertiären Faltungsketten. Gegen Ende dieser Periode hatte sich das Gebirgsmassiv aus dem Meere gehoben, aber noch blieben große Teile, wie die Poebene, vom Wasser überdeckt.

Als oberer Grenzraum Italiens runden sich im Westen gegen das fran­zösische Küstenland und im Norden gegen den Rumpf Europas schützend die Alpen, oft über Kämme ansteigend bis in die eisgepanzerte Region der blaugrünen Gletscher, eine gewaltige Schirmwand gegen die kalten Nordwinde. Die in die Gebirgsfalten gerissenen, tieffurchenden Breschen ermöglichten schon frühzeitig die Anlage von Alpenübergängen und damit eine Verbindung mit den dahinterliegenden Weiten des Kontinents, wegsamer und lockender wohl für den Verkehr nach dem sonnigen Süden als in umgekehrter Bahn nach den damals noch unfreundlichen und rückständigen nördlichen Gebieten mit der starken Verschiedenheit ihrer Natur und Wirtschaft. Die Westalpen drehen nach Süden in schar­fem Abfall zum Mittelmeer und biegen ostwärts gegen Genua. Hier berühren sie einen anderen, für ganz Italien charakteristischen Gebirgszug, den Apennin. Dieser nimmt seinen Ausgang von der piemontesischen Ebene (Col di Tenda, 1873 m) und, zuerst ein Stück nach Osten ziehend, schließt er mit dem Alpenbogen ein ausgedehntes Senkungsfeld ein, die oberitalienische Tiefebene. Er trennt sie von der eigentlichen Halbinsel, dem sogenannten Halbinselitalien. Darum wird auch das Poland erst spät dem Römerreich angeschlossen.

 

Alpenvorland - Poebene

Das sich von Westen nach Osten bis zu 780 km erstreckende Senkungs­feld des Po war in der Eiszeit eine Bucht der Adria. Erst in geologisch junger Zeit haben die Schmelzwasser der Gletscher Schotterflächen und feinere Ablagerungen von Sand und Ton aufgeschüttet und das Meer zurückgedrängt. Am Südhang der Alpen haben die Gletscher durch ihre die Mitte stark abtragende Erosionstätigkeit und infolge ihres Seiten­druckes trogförmige Täler ausgefurcht. Moränenwälle sperrten manche dieser Talwannen ab und stauten das Wasser in die bis zu 410 m Tiefe (Logo di Como) absteigenden Bodensenkungen zu fjordähnlichen Seen, die in ihrer Gestalt die Talfurchen fortsetzen.

Unwegsame Wälder stiegen einst von den Höhen zu den Tälern nieder; jetzt ist das Alpenvorland mit der gewaltigen, besonnten Kulisse der Berge und den tiefblauen Seen, überstrahlt von einem milden Klima, durch den Arbeitsfleiß der Bewohner zur traumhaft schönen Gegend einer märchenhaften Vegetation geworden, gesegnet mit Edelkastanien und silberfarbenen Ölbäumen, dunklem Lorbeer, den schwarzgrünen Flammen der Zypressen, den Kulturen von Orangen, Zitronen und an­derem Obst, sowie den terrassierten Weinbergen. Aus den Seen eilen zur Hauptwasserader der Ebene, zum Po (lat. Padus), munter drängende Flüsse, der Tessin aus dem Logo Maggiore, die Adda aus dem Logo di Como, der Oglio aus dem Lago d'Iseo und der Mincio aus dem Gardasee.

Gegen die Küste richten die Flüsse Wälle von sandigem Schlamm auf, die sie bei Hochwasser übersteigen, die Randgebiete mit einem Netz von Flußarmen durchziehen und sich in sumpfigen Deltamündungen in die Adria ergießen. Sie bauen mit dem ins Meer fortgeschwemmten Schutt Stranddünen - Lidi genannt - auf, die die Lagunen Venetiens und der Romagna vom Meer absondern. An diesem Küstensaum sind nur Lagunenhäfen möglich. Aber die Lagunen verlanden im Lauf der Jahrhunderte, und die reichen Anschwemmungen haben dazu geführt, dass z. B. das Städtchen Adria, das ehemalige Hatria, das dem Meer den Namen gegeben hat, nun 25 km von der See entfernt liegt, und sich Aquileia, Ferrara und Ravenna nicht mehr in Küstennähe befinden. Zur Zeit des Augustus bot der 5 km von Ravenna liegende Hafen Portus Classis noch Platz für 250 Schiffe der östlichen Mittelmeerflotte. Nur Venedig hielt sich als Hafen, da seine Lagune durch keinen bedeutenden Fluss verschlammt war.

Die gewaltige oberitalienische Tiefebene, die mit ihren Randgebirgen fast die Hälfte des italienischen Festlandes einnimmt und die antiken Landschaften Ligurien, Gallia Cisalpina und Venetien umfasste, war in den ältesten Zeiten von dichten Eichenwäldern und unzugänglichen Schilf- und Weidensümpfen bedeckt. Aber seit dem 3. Jahrhundert haben römische Bauern, als sie die Poebene zu kolonisieren be­gannen, die Sümpfe durch Kanäle trockengelegt, die Feldfluren durch Eindeichung der Flüsse gesichert und fruchtbares Ackerland ge­wonnen.

 

Norditalien gehört zu den ergiebigsten Landstrichen der Erde.

Sein Klima begünstigt den Ertrag. Denn die Winter sind zwar kalt, aber kurz, die Sommer dagegen lang und heiß. Die Äcker bringen eine reiche Ernte von vorzüglichem Weizen, Mais, Hafer und Hanf. Künst­liche Bewässerungsanlagen ermöglichen im weiten Umfang den Reisbau. Auf den ausgedehnten Rieselwiesen wird im Jahre bis achtmal gemäht. Daher ist auch die Viehzucht hoch entwickelt. Ulmen und Maul­beerbäume spenden erquickenden Schatten vor den oft sengenden Son­nenstrahlen und sind zugleich Stützen für die Weinreben, die sich von Baum zu Baum schwingen. Die Blätter des weißen Maulbeerbaumes dienen als Futter für die Seidenraupen und geben die Grundlage für die hervorragende Seidenindustrie der Poebene.

 

Riviera

Die Ligurische Küste, sowohl die Riviera di Ponente als auch die Riviera di Levante, von Alpen und Apennin sorgsam gegen Nordwinde behütet, erfreut sich des milden Mittelmeerklimas. Über diesen schmalen Küsten­saum hat eine freigebige Natur das Füllhorn zauberhafter exotischer Blumen ausgeschüttet, leuchtend in den herrlichsten Farben. Von dem großen Palmenhain in Bordighera hat sich die Palme in malerischen Prachtexemplaren längs der ganzen Küste verbreitet. Dem Wunder der märchenhaften Vegetation, dem sanften, vielfach subtropischen Klima verdanken die Kurorte an diesem Küstenstreifen ihre Beliebtheit. In römischer Zeit führte längs dieser Küste die zur Umgehung des Gebirges gern benützte Via lulia Augusta, das Gebiet gehörte zur Land­schaft Ligurien mit der Hauptstadt Augusta Taurinorum (jetzt Turin), einem Legionsstandlager, dessen ein Rechteck füllendes Straßennetz noch deutlich im heutigen Stadtplan erkenntlich ist. Als Hafenstädte waren damals schon von Bedeutung Savo (jetzt Savona) und Genua, das unter dem Schutz vor­geschobener Molen einen guten Ankerplatz bildet und heute der wichtigste Handelshafen Italiens ist.

 

Apennin

Die Halbinsel durchziehen in ihrer ganzen Länge als ihr Rückgrat die tertiären Faltungsketten des Apennins. Sie drücken in leichtem Bogen gegen Osten, begleiten die mittelitalische Adriaküste in mehreren paral­lelen Zügen und ragen in den Abruzzen bis in die Hochgebirgsregion (Gran Sasso d'Italia, 2921 m). Der faltende Schub erfolgte von der Innenseite des Bogens nach außen. Daher liegt am Westrand ein großes Senkungsfeld, das im weiteren Verlauf ins Tyrrhenische Meer taucht und sich nur im kristallinischen Rumpfgebirge Sardiniens wieder über die Oberfläche erhebt. Im mittleren Innenbogen verläuft parallel mit der Westküste in Toskana angefangen, eine Kette erloschener Vulkane über die ausgedehnte Tuffregion Latiums mit ihren Aschenkegeln und Kraterseen bis hinunter nach Campanien, zu kleinen Vulkanen und dem allein noch tätigen Vesuv. Dieser Berg galt im Altertum nicht als Vulkan, bis seine gewaltige und den ganzen Umkreis vernichtende Eruption im Jahre 79 n. Chr. seine neue Tätigkeit ankündigte.

Die vulkanischen Tuffsteine geben ein vorzügliches, leicht zu bearbei­tendes Material für Wohn- und Prunkbauten, namentlich der graue Basalttuff Peperin und der honiggelbe Kalktuff Travertin, hingegen liefern sie in ihrer verwitterten Art ebenso wie die Lava einen sehr fruchtbaren Boden mit den denkbar besten Bedingungen für Weinbau und Ölbaum. Daher siedelten sich immer wieder Menschen an den Hängen von Vulkanen an und so war auch schon im Altertum das Gebiet um den Vesuv wegen seiner sehr ergiebigen Fruchtbarkeit dicht bevölkert.

Während über die Westküste die Fülle der Fruchtbarkeit und Schön­heit gebreitet liegt, sie zur Kulturseite Italiens geworden ist, fällt im Osten der Apennin zu einem mäßigen Berg- und Hügelland ab. Magere Weiden ziehen sich an den Hängen empor, nur auf den Talsohlen überschatten Feigen- und Olivenbäume ertragreiche Äcker. Längs der Adriaküste streckt sich ein schmaler Streifen von Weizenfeldern.

 

Mittelitalien

Mittelitalien setzte sich in alter Zeit aus den Provinzen Etrurien, Umbrien, aus dem Sabinischen Gebiet, aus Latium, Samnium und Campanien zusammen.

 

Etrurien

Etrurien, das heutige Gebiet von Toskana, war ein bunter Teppich bedeutender Städte, wie z. B. Pisd, Fiesole, Florenz. Noch heute findet man in manchen Orten Erinnerungen an die Etrusker; überhaupt atmet das geschichte­numwitterte Bild der Städte Toskanas den Hauch der Vergangenheit. Man begegnet engen malerischen Gassen mit Lauben und Torbogen, stillverträumten Palästen mit verschlossenen Läden, Befestigungsbauten und wehrhaften Türmen. Kunstgewerbe und edle Goldschmiedearbeit werden gepflegt, aber auch Wissenschaft und Kunst haben hier eine liebevolle Heimstatt gefunden, auf diesem Boden wurde die italienische Dichtung geboren. Die Siedlungen steigen wie im Altertum malerisch an Berghängen hinauf oder grüßen von stolzen Höhen. Der Arno, nächst dem Tiber der bedeutendste Fluss Mittelitaliens und in vorgeschichtlicher Zeit dessen Nebenfluss, arbeitet sich aus dem prächtig bewaldeten Casentinotal durch die fruchtbare Tallandschaft von Florenz nach Westen, wo er 12 km nach Pisa, der einstigen See­stadt, ins Meer mündet. Zu Etrurien gehörte einstmals auch der abflusslose und sehr fischreiche Trasimenische See, an dessen Ufer Hannibal von der Eroberung Roms träumte.

Das ganze toskanische Gebiet mutet mit seinen landschaftlichen Schön­heiten, seinen großen geschichtlichen Erinnerungen und dem Ruf seines geistigen Schaffens wie ein wunderbares Präludium beim Eintritt nach Mittelitalien an. Im Osten von Etrurien breitete sich Umbrien bis an die Adria aus. Das gebirgige Land trieb vor allem Viehzucht und Obstbau und bestand aus kleinen Stadtstaaten, wie Rimini an der Küste, Gubbio, Spoleto.
An der durch einladende und hafenreiche Buchten ausgezeichneten, fruchtbaren Westküste lagen die altberühmten Landschaften Latium und Campanien.

 

Neapel

Neapel (griech. nea polis [vea nöAic] = Neustadt), an einer in Para­diesesglanz getauchten Meeresbucht gelegen, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zur volkreichsten Stadt Italiens nach Rom. Traumhaft schön einen sich sat­tes Grün herrlicher Gärten, das Weiß der Häuser, auf den Höhen prunkvolle Villen, überschattet von den malerischen harzduftenden Schirmdächern der Pinien, mit einer unbeschreiblich schönen Aussicht, der dunkeldrohende Kegel des Vesuvs in der Nachbarschaft und das tiefblaue Meer zu einer unübertrefflichen Farbenharmonie. Die Farbe des Mittelmeeres ist im Gegensatz zu anderen Meeren von besonderer Bläue und klarer Durchsichtigkeit, weil es nur im geringen Maße durch Flußsedimente und treibende Planktonorganismen verunreinigt wird.

In ältester Zeit waren die Gebirgsgegenden Italiens von Wäldern überschattet. Aber rücksichtsloser Raubbau und Vernichtung durch Feuer und Weidetiere führten zu völliger Zerstörung oder bedrohlicher Minderung des Waldbestandes und vielfach auch zur Abtragung des Humusbodens nach Beraubung der Vegetationsdecke. Am besten über­dauerten noch die Kiefernwälder alle Angriffe, besonders die meist kleinen, krüppeligen und sehr anspruchslosen Aleppokiefern . Das Ödland überzog der immergrüne Buschwald oder die Macchia mit ihrem üppigen undurchdringlichen Dickicht. Aber auch diese Gestrüppvegetation leidet unter den Ziegen, die die jungen Sprossen abweiden, und unter der Axt, die für den Bedarf an Holzkohle und Brenn­material die Bestände mindert. Von dem dichten Gebüsch der immer­grünen Macchien blieben nur einzelne kümmerliche, weit voneinander gerückte Sträucher übrig, zwischen denen sich nackte, unfruchtbare Flächen immer mehr ausbreiteten. Nur mühsam suchte sich der Mensch durch Terrassenbauten an den Bergflanken ein bescheidenes Stück Kulturboden zu sichern.

 

Unteritalien

Unteritalien gliedert sich im Altertum in die Landschaften Apulien und Calabrien im Osten sowie Lucanien und Bruttien im Westen.

Apulien

Apulien ist ein steiniges, wasserarmes Land, Weide für Pferde und Schafe. Nur an der adriatischen Küste drängen sich oasenhaft auf dem satten Schwemmlandstreifen Getreidefelder, herrliche Ölbaumpflanzungen und Weingärten, reiht sich Bauernsiedlung an Bauernsiedlung. Im Altertum dehnten sich hier große Güter (Latifundien). Der Hauptfluss dieser Landschaft ist der Ofanto. Das heutige Örtchen Canna  wahrt die Erinnerung an die furchtbare Niederlange der Römer.

Heute bezeichnet man mit dem Namen Apulien die ganze südöstliche Halbinsel mit der »Ferse Italiens«. Aus tief­gegabeltem, von vorge­lagerten Eilanden für­sorglich gesichertem Golf leuchtete auf einer Landzunge die einzige Kolonie Spartas (708) Tarent, einer der bedeutendsten Kriegshäfen Italiens. Der Ertrag des Bodens, der unerschöpfliche Reichtum der Lagune an Fischen und Purpurschnecken, die Kunst­fertigkeit der Bewohner in der Herstellung feiner Gewebe und zierlicher Metallarbeiten hob Tarent zu einer der ersten Handelsstädte Groß­griechenlands, die an Reichtum mit Syrakus wetteiferte.

Von der Tarentinischen Bucht bis Campanien reihte sich eine Kette von Griechensiedlungen und gab den Landschaften Lucanien und Brut­tien ein hellenisches Gepräge, machte sie zu Großgriechenland.

Der südwestliche Ausläufer Italiens war Bruttien. Es ist sehr gebirgig, besonders in der fichtenreichen Sila, wo die alten Bewohner Schiffsbau­holz und Harz gewannen und reiche Viehzucht trieben. Der große Waldreichtum mag in der Weinkultur zum allgemeinen Gebrauch eigener Rebenpfähle geführt haben. Denn vorher hatte man die Weinrebe am Boden hinkriechend oder an Bäumen emporrankend gezogen. In Unteritalien gedieh der Weinbau schon frühzeitig so üppig, dass Sophokles Italien das Lieblingsland des Bakchos nannte. Der Küstensaum mit den Zonen blühender Zitronenhaine und weitausgedehnter Olivenwälder im grellen Licht der Sonne, mit der Bläue des Himmels und des Meeres gibt noch eine schwermütige Er­innerung an die unsagbare Schönheit dieser Landschaft.

Für das Bruttische Land erscheint gegen 500 v. Chr. zum erstenmal die Bezeichnung »Italien«. Man brachte den Namen mit einem »Italien« Wort »italös«, das Rind bedeutet, in Zusammenhang, das sich wieder mit dem lateinischen »vitulus« in Beziehung setzen lässt. Somit dürfte der Name »Italien« gleichbedeutend mit »Rinderland« sein. Die Hellenen übertrugen später diese Benennung auf den ganzen Süden Italiens, und die Römer dehnten sie auf die gesamte Halbinsel aus. Die von den Chalkidiern um 700 gegründete Handelsstadt Reggio di Calabrid bewachte die wichtige Meerenge von Messina. Im Laufe der Jahrhunderte flatterten über diesem heftig umkämpften Hafen immer wieder die Sturmfahnen der Eroberer, aber ihn suchten auch einige Male schwere Erdbeben heim. Das letzte am 28. Dezember 1908 zerstörte Hafen und Stadt fast völlig. Aber wie ein Phönix aus der Asche erhob es sich stets aufs Neue nach den fürchterlichen Schlägen, auch nach 1908 ist es schöner und größer wieder erstanden. Seine Fährschiffe verbinden jetzt das Festland mit Sizilien. Eine enge, bloß 102 m tiefe Meeresstraße trennt den Kontinent von der Insel. Die Entfernung misst an der schmälsten Stelle nur 3 km und erweitert sich gegen Süden bis zu 18km.

 

Sizilien

Sizilien ist die größte Insel des Mittelmeeres (25.462 km2). Sie hat die Gestalt eines Dreiecks, daher ihr antiker Name Trinäkria. Den Norden des Eilandes durchziehen die Ausläufer der Apenninkette. Südwärts fällt das Gebirge zu niedrigem Berg- und Hügelland ab. Dieses glänzt im Frühjahr im Gold üppiger Weizenfelder, in der regenlosen Sonnenglut vom Mai bis August dürstet es in staubiger, baumloser Öde. An der Ostküste erhebt sich in einsamer Majestät der gewaltigste Vulkan Europas, der Aetna (3.279 m), das schaurig-schöne, rauchumwölkte Wahrzeichen der Insel. Aus seinen Flanken sprossen viele parasitische Kraterkegel, aus seinen Feuerschlünden wälzten sich immer wieder über die kilometerbreiten Lavafelder Tod und Vernichtung auf die paradiesischen, dichtbevölkerten Talbreiten hinunter. Den steilen Ge­birgsketten im Norden und im Osten legt sich ein fruchtgesegneter Küstenstreifen vor. Hier träumt in den verzauberten Städten und antiken Ruinen griechischer Tempel und Theater inmitten wunder­voller Gärten mit Palmen und Magnolien, im Blütenschnee der Mandel­bäume, im Silbergrau zeitzernagter Ölbäume und im Grün der Wein­berge, der Orangen- und Zitronenhaine eine ereignisreiche Geschichte und spiegelt sich in den Wellen des tiefblauen Meeres. Die geschichtliche Bedeutung Siziliens lag nicht nur in seiner Fruchtbarkeit, die diese Insel schon im Altertum zur Kornkammer des Römerreiches machte, sondern auch in seiner Brückenstellung zwischen Italien und Afrika und seiner die Durchfahrt zwischen dem östlichen und westlichen Mittelmeer beherrschenden Lage. So wurde es zum Sitz eines reichen Handels, aber auch zum blutigen Brachfeld erbitterter Kämpfe zwischen Ost und West, den Griechen und Karthagern, zwischen Nord und Süd, den Römern und Puniern.

Von Sizilien führt die »Sizilische Straße« als breite, seichte Plattform in fast gleicher Schwellenhöhe (324 m) wie die Straße von Gibraltar (350 m) nach Afrika hinüber. Sizilien bildet mit den übrigen Inseln die natürliche Einheit Inselitalien. Dazu gehören Korsika und Sardinien, von dessen uralter Kultur die vielen Nuraghen zeugen, gewaltige Steintürme von 12 bis 20 m Höhe. Beide bilden eine mächtige Brücke im westlichen Mittelmeer und forderten frühzeitig die Ligurer und Etrusker zur See­fahrt auf. Weitere willkommene Stützen sind das eisenreiche Elba, die kleinen, durch den Erderschütterer Poseidon vom Kontinent gelösten Eilande im Golf von Neapel und die von Hephaistos' unterirdischem Feuer über die Meeresoberfläche gesprengten nördlichen Vorposten Siziliens, die Liparischen Inseln.

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