Das erste Diktat

Ein Beitrag von Matthias Kräutle (Freie Waldorfschule Biberach)

Diktat ist gewöhnlich ein heikles Thema, das bei Schülern und auch teilweise bei Lehrern eher ein unangenehmes Gefühl hervorruft. Insofern gibt es bestimmt in den didaktischen Lehrbüchern jede Menge Empfehlungen und Anregungen, wie man am besten - auch psychologisch fundiert –mit diesem Thema umzugehen hat. Es wird darin sicher auch zu lesen sein, dass das erste Diktat nicht zu früh geschrieben werden sollte, dass es gut vorbereitet und geübt sein müsste, damit die Kinder zumindest anfangs ein Erfolgserlebnis hätten, um für die weiteren Diktate motiviert zu sein. Offensichtlich alles vernünftige Ansätze, nach denen man fraglos arbeiten kann.

In unserer ersten Klasse ergab sich allerdings ein Anlass, durch den das Thema „erstes Diktat“ auf eine ganz andere Weise eingeführt wurde: Der Lehrer hatte seinen vorbereiteten Unterricht unerwartet schnell vermittelt, und somit 20 Minuten überschüssige Zeit zur Verfügung. Was tun damit? Wir schreiben das erste Diktat! Schließlich hatten wir zu den fünf Vokalen ja schon einen Konsonanten, nämlich das „B“ gelernt – das reicht. Das erste diktierte Wort hieß „BA“. Das war durchaus interessant, auch das „BABA“ und das „BUBU“ hatten es in sich. Eine echte Diktatdisziplin ließ sich allerdings nicht allzu lange aufrecht erhalten, da die Kinder sehr bald bemerkten, dass sie ja auch ohne Diktator schreiben konnten. Also schrieben sie nach ihrem ersten Diktat auch noch ihren ersten Aufsatz, den sie ihrem Lehrer auch sogleich mit folgenden Worten präsentierten: „Lies mal vor, was ich geschrieben habe“, denn Schreiben fällt offenbar leichter als Lesen. Das Ergebnis, z.B. „ABUBBO“ erzeugte allerdings eine äußerst positive, motivierende Stimmung. Fürs Erste konnte somit die Gefahr der Angst vor dem Diktat als gebannt angesehen werden.

Die Stimmung wurde noch zusätzlich durch ein Ereignis aus der vorigen Pause beeinflusst. Dort kamen die Schüler auf die Idee, ihren Lehrer mit ihren Winterschals und Mützen zu bekleiden, was dieser sehr gerne geschehen ließ.

Insofern wird einem Erstklässler unserer Schule zum Thema „erstes Diktat“ möglicherweise folgende Erinnerung auftauchen: Ihr Lehrer steht mit einigen Kinderschals und Mützen bekleidet vor ihnen und liest von ihren Tafeln „ABUBBO“ vor. Das war zum Quieken lustig.

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