Qualle Quentin

Sie gingen zum Wagen von Walli Wehmut und das Meerweib saß in ihrer Wanne. Zacharias Zunzelmann wunderte sich sehr, als er die schöne Frau mit dem Fischschwanz sah. „Du kannst in die Zukunft blicken? Kannst du mir auch den Weg zum Haus der Hexe Xanthippa weisen? Sie wohnt hier irgendwo im Wald und hat meinen Zauberstab, weißt du?" Da kicherte das Meerweib und es hörte sich an, als ob Zehntausend Silberglöckchen klingelten.

 

„Die Zukunft weisen, das kann ich nicht
Nur Tränen zeigen der Wahrheit Licht."

 

Der Zauberer schaute verwundert drein. „Tränen, was meinst du damit, Tränen zeigen der Wahrheit Licht?" Da nickte Nonni, der in der Nähe der Wanne gesessen hatte „Du musst weinen, Walli Wehmut braucht deine Tränen, sonst weiß sie nichts. Nur wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, kann sie helfen." Zacharias Zunzelmann versuchte zu weinen, doch es kamen ihm keine Tränen. Er dachte an seinen verlorenen Zauberstab, doch er weinte immer noch nicht. Er dachte an seinen kleinen Kumpel Karl, den die Hexe mit ihrem Trank verhext hatte. Doch noch immer kamen keine Tränen. Er ließ Karl sogar auf seine Hand klettern und hielt sich den kleinen Knirps vor die lange Nase. Nichts geschah. Da wurde Zacharias zornig, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte sich. „Zum Donnerwetter zick zack zuck, wer braucht denn schon Tränen, dann gehe ich eben auf gut Glück querfeldein in den Wald. Ich finde die Hexe und werde sie zer... zer....zer....ach was weiß ich.", schimpfte er. „Platsch", machte es. Der kleine Karl war von der Hand des Zauberers in die Wanne gefallen und schrie nun jämmerlich um Hilfe. Zum Glück war Nonni schnell bei ihm und fischte ihn aus dem Wasser. Quicklebendig aber tropfnass saß der kleine Kerl am Wannenrand, große Tränen kullerten ihm vor Schreck von der Wange und er schluchzte „Ich bin zu klein, zu klein für diese Welt, jetzt wäre ich beinahe noch ertrunken, nur weil mich die Hexe zu einem Knirps verhext hat." Da endlich seufzte Walli Wehmut:

„Oh weh, oh weh, welch Schmerz und Pein
Der kleine Karl ist ja so klein."

Auf einmal wallte das Wasser in der Badewanne auf, es glitzerte und schimmerte und Walli Wehmut rief:

 

Qualle quelle Quengelei,
Qualle Quentin komm herbei
Quietsch vergnügt und Qual besessen
Quell der Wahrheit, unvergessen.

 

Walli Wehmut streckte ihre Hände aus und hielt eine Qualle empor. Der Leib der Qualle war ganz durchsichtig, wie weiches Glas sah er aus. Doch in der Mitte quoll es silbrig blau wie Qualm und änderte fortwährend seine Gestalt. Walli Wehmut blickte kurz mit ihren grünen Augen auf die Bilder, die die Qualle in sich trug. Dann gab sie Zacharias Zunzelmann ein Zeichen und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Zauberer nickte und bedankte sich dann. Walli Wehmut aber tauchte prustend, blubbernd mitsamt der Qualle unter. „Das war Qualle Quentin, nun wisst ihr, weshalb Walli Wehmut Dinge weiß, die sie eigentlich nicht wissen kann. Qualle Quentin hilft immer, immer wenn jemand so richtig traurig ist." Sagte Nonni.

Da kam Perle kreischend in den Wagen herein geflogen und schrie: "Quark, alles Quark, Quark mit Soße." Der Zirkusdirektor aber hob warnend die Hand: "Quatsch nicht dazwischen, du Quälgeist." Dann ging er mit Zacharias Zunzelmann und dem kleinen Karl nach draußen und rief die Zirkusleute zusammen.

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