Die Hexe Xanthippa

Kurze Zeit später durchquerten die Zirkusleute den Wald. Sie gingen zu Fuß. Nonni blieb bei Walli Wehmut und Minna Moretti wollte mit Boris Borlof auf die Kinder Anna und Zefi aufpassen. Der Zirkusdirektor hatte ihnen gesagt, sie sollten auf keinen Fall den Wagen verlassen und die Türe verschlossen halten. Die Kinder hatten protestiert, sie wollten auf alle Fälle mit kommen, meinte Zefi, aber der Zirkusdirektor erlaubte es nicht. „Solange Zacharias Zunzelmann seinen Zauberstab nicht besitzt, ist die Hexe sehr gefährlich. Ihr bleibt mit Boris und Minna hier. Punkt um!" Da half kein Gerede und auch kein Gebettel, Anna und Zefi blieben zurück und Boris Borlof setzte die Bärin als Wächter vor die Wagentür.

Die Zirkusleute durchquerten also den dunklen Wald. Vorne ging Zacharias Zunzelmann mit dem Zirkusdirektor. Ihnen folgten gleich Fredo Feuerzunge und Tore Toreson. Dann kam Rambo Redlich, er brauchte Platz für zwei. Hinter seinem breiten Rücken fühlten sich Susi Süßlich und Lilo Lieblich recht sicher. Nach ihnen kamen die zwei Herren Herbert und Hermann, sie gingen ausnahmsweise einmal nicht auf ihren Händen. Hermann und Herbert waren so schlank, dass sie sogar noch Cilla die Clownsdame in ihre Mitte nehmen konnten. Dann kamen Jojo und Pippa, auf deren Schulter Perle hockte und sehr beleidigt tat, weil Pippa ihr den Schnabel verboten hatte. Den Schluss bildeten Dennis Demut und Gustaf Gieselherz, der sogar seine goldene Gans Grisella dabei hatte. Seitdem damals in Dresden die Diebe Grisella stehlen wollten, nahm Gustaf seine goldene Gans überall hin mit. Der kleine Karl ritt auf seiner Kratzekatze mal vorne und mal hinten. Der Zug der Zirkusleute ging ein paar Stunden und der Wald rings um wurde dichter und dunkler. Auf einmal hörten sie einen dumpfen Knall. Zacharias Zunzelmann hielt an. „Habt ihr das gehört? Das war eine Explosion. Die alte Hexe braut in ihrem Kessel wohl wieder was zusammen. Wir müssen jetzt ganz leise sein." Da bot sich der kleine Karl an, einmal nach zu schauen. „Ich bin so klein, mich wird sie nicht sehen" sagte er und war schon verschwunden. Es dauerte eine Zeit lang und die Zirkusleute befürchteten schon das Schlimmste, da endlich kam der kleine Karl wieder.  „Nicht weit von hier ist eine Höhle, dort haust die Hexe Xanthippa. Ich habe mich hinein geschlichen. Die Alte steht an ihrem Kessel und rührt darin herum, mit deinem Zauberstab, Zacharias, sie benutzt ihn als Kochlöffel." Zacharias Zinken lief vor Zorn wieder rot an. Er wollte gleich los stürmen und sich seinen Zauberstab holen, da hielt ihn Pippa Plappermaul zurück. „Du kannst da nicht einfach hin, wir brauchen einen Plan." „Wir könnten einen Köder auslegen" überlegte der kleine Karl. „Wir brauchen etwas, das die Hexe Xanthippa über alle Maßen liebt." sagte Lilo Lieblich. „Zauberei, schwarze, scheußliche Zauberei. Das liebt sie" antwortete Zacharias Zunzelmann. „Wie wäre es mit Gold? Alle Menschen wollen Gold, wir könnten Grisella und ein goldenes Ei als Köder benutzen.", schlug Gustaf Gieselherz vor. „Und dann fangen wir sie." dachte Fredo Feuerzunge weiter. „Ja genau, in unserem Netz. Gut, dass ich es mit genommen habe." meinte Nonni. „Sie darf keinen von uns mit ihrer Rute berühren, jedenfalls ist das bei den Hexen im Riesengebirge so.", riet Rambo Redlich. „Es muss alles sehr schnell gehen" sagte der Zirkusdirektor „Wir müssen die Hexe fest halten und sobald Zacharias seinen Zauberstab wieder hat kann er die Hexe unschädlich machen nicht wahr Zacharias?" „Darauf könnt ihr Gift nehmen, ich werde sie verzaubern, ich werde sie, ich werde...." „Schon gut, alter Kumpel, jetzt geht's los", unterbrach der kleine Karl den Zauberer und stieg auf den Rücken der Katze.

Die Zirkusleute schlichen sich ganz leise bis zur Lichtung vor dem Höhleneingang. Gelber und grüner Rauch kam aus dem dunklen Loch hervor. Gustaf Gieselherz setzte seine Gans Grisella ganz vorsichtig vor dem Höhleneingang ab. Dann strich er ihr zärtlich über den Schnabel und flüsterte leise: „Grisel, grasel, groselei, golden wird Grisellas Ei." Die Gans ruckte mit dem Kopf, guckte und druckte und legte direkt vor den Höhleneingang ein glänzendes, goldenes Ei. Die Zirkusleute versteckten sich im Gebüsch, und da begann Grisella auch schon zu gackern und zu schnattern. Sie schnatterte so laut, das die Hexe Xanthippe es drinnen hören musste. Und richtig, da kam sie schon mit schlurfenden Schritten und schaute aus der Höhle heraus. In der einen Hand hielt sie ihren Besen, und wie sie nun die Gans und das goldene Ei entdeckte, sagte sie meckernd: „Heda, Goldschätzchen, dass nenn ich aber einen exzellenten Fang." Sie wollte mit ihren dürren Fingern nach Grisella schnappen, doch die Gans schlug mit den Flügeln und hüpfte ein paar Sprünge weiter. „Nix da, komm her du Federvieh" meckerte die Hexe und griff wieder zu."

Da biss ihr die Gans kräftig in den Finger. Die Hexe erhob ein wildes Geschrei:

 

Verflaxt, verflixt,‘
Da kenn ich nix,
Ich hexe dir den Schnabel zu
Und hol die Axt, dann ist bald Ruh.
Verflixt, verflext,
Du wirst verhext.
Hex, hex!

 

Sie brach sich an einem Busch eine Rute und wollte damit gerade auf die Gans einschlagen, da schrie Dennis Demut laut: „Nein, lass die Gans in Frieden." Die Hexe hielt inne und schaute sich um. Als sie die Zirkusleute ringsum erkannte, kreischte sie auf, griff sich ihren Besen, setzte sich darauf und gab dem Besen mit der Rute einen Schlag, dass es knackste. Der Besen schoss in die Luft und mit ihm die Hexe. Doch viel schneller als die Hexe war Fredo Feuerzunge und schickte der Hexe eine lange Flamme hinterher, so dass der Besen Feuer fing und zu trudeln begann. Die Hexe verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Erde. Sofort warfen die Zirkusleute das Netz über sie. Die zänkische Hexe Xanthippa war gefangen. In der Zwischenzeit hatte Zacharias Zunzelmann aus dem Hexenkessel in der Hexenhöhle seinen Zauberstab geholt. Nun lief er mit gezücktem Zauberstab auf die Hexe zu und sprach sein Sprüchlein. Die Hexe versuchte noch mit ihrer Rute aus dem Netz heraus den Zauberer zu schlagen und schrie: „Hex hex, hex hex." Es half ihr alles nichts, Blitze zuckten aus dem Zauberstab und im Netz zuckte und zappelte eine weiße Ziege. „Wir wollen sie von nun an Xanthippa Zappelzeh nennen.", schlug der Zauberer vor. „Die meisten Zauberer bevorzugen zwar ein weißes Kaninchen, aber ich denke, eine weiße Ziege wird dem Publikum genau so gut gefallen. Ich werde also aus meinem Zauberhut eine weiße Ziege zaubern, jedenfalls solange Xanthippa Zappelzeh ihre zänkische Art nicht aufgibt." Die Zirkusleute klatschten begeistert und riefen zum Aufbruch. Zacharias Zunzelmann aber ging noch einmal in die Hexenhöhle, und als er wieder heraus kam, hielt er eine Flasche mit einer Kräutermixtur in der Hand. Da stand mit grüner Tinte geschrieben:

 

Aus Groß mach klein,
So soll es sein
Und andersrum,
Das ist nicht dumm.

 

„Für dich, Karl.", sagte der Zauberer. „Danke, das ist nett von dir, aber ich habe nun doch Gefallen an meiner Größe gefunden. Es ist doch wirklich sehr praktisch, so klein zu sein und wie könnte ich sonst auf dem Rücken der Kratzekatze reiten?", sagte der kleine Karl lachend. „Die Flasche werde ich für dich verwahren.", sprach Cilla, die Clownsdame und steckte den Hexentrank in ihre Tasche. Die Zirkusleute machten sich wieder auf den Heimweg und waren froh, dass sie, als es dunkel wurde wieder beim Schloss und bei den Zirkuswagen ankamen.

Kommentar
Es wurden noch keine Kommentare verfasst.
Ihr Kommentar