Die große Vorstellung

Am Tag vor der Vorstellung bekam Anna ganz große Bauchschmerzen. Sie verstand Zefi nicht, er sah so unbekümmert aus, wie eh und jeh. "Das wird toll!" rief er, "Viktor Vogel hat meinem Vater erzählt, dass nun doch schon sehr viele Leute Karten für die Vorstellung gekauft haben. Die Fahrten mit den Zirkuswagen durch die Stadt haben sich wirklich gelohnt. Das wird ganz groß, morgen kommen echt viele Menschen und alle kommen, um uns zu sehen." Das war es ja gerade, was Anna Bauchschmerzen bereitete, alle würden kommen und alle würden sie sehen, wie sie auf dem Seil lief. Wenn sie nur daran dachte, lief ihr der Schweiß den Rücken hinunter. Ein bisschen beneidete Anna den Zefi darum, dass er so ruhig und gelassen bleiben konnte. Aber er hatte ja auch viel mehr Erfahrung, er war schon früher immer bei den Vorstellungen des alten Zirkus dabei gewesen.

Um sich ein bisschen abzulenken, ging Anna in den Garten der Großmutter hinaus, sie wollte ein wenig allein sein. Aber sie war nicht allein, da waren ja all die heimlichen Leute, die Schnarchmansel, die Wasserschnecksen und Graubolde, Taulischen und Goldschwestern. Und Anna klagte ihnen ihr Leid. „Da bist du ja endlich wieder,", sagte der Schniefhannes vom Kellereingang, „wir haben dich vermisst, jawohl vermisst haben wir dich", flöteten die Goldschwestern. „Nun erzähl doch mal, was hast du denn alles erlebt?", wollten die Graubolde wissen. Alles in allem war es eine recht große Versammlung, die da im Garten abgehalten wurde und Anna erzählte ihre Geschichte von der großen Reise. Es wurde eine lange Geschichte. „Und nun", erklärte Anna, als sie am Ende der Geschichte angelangt war „nun ist also morgen die erste große Vorstellung des Zirkus SYMBALLODIMBA, und ich, ich werde mit dabei sein und darf mit Lilo Lieblich auf dem Seil laufen. Und ich hab solche Angst, dass etwas schief gehen könnte." "Ach was, hab keine Angst, da wird schon nichts schief gehen", sagte da auf einmal ein kleiner Eckschrecksel. „Du weißt doch, wer furchtlos und mutig seinen Weg geht, kommt sicher ans Ziel. Bei so einer großen Sache wie der Zirkusvorstellung darfst du im Übrigen ein bisschen Furcht haben. Lampenfieber nennt man das nämlich." „Hab keine Sorgen, wir denken an dich." erklärte nun auch mit piepsiger Stimme ein kleiner Lichtwicht. "Es wird gewiss ganz wunderbar." Anna war froh, dass die heimlichen Leute ihr ein bisschen Mut gemacht hatten und schlief am Abend mit guten Gedanken in ihrem Bett ein. Auch am nächsten Morgen war sie ganz munter. Die Großmutter schien jedenfalls beinahe in größerer Sorge zu sein, denn jeden Augenblick zupfte sie hier und da etwas an dem Kostüm von Anna herum.

Und dann war es soweit. Das große Zirkuszelt füllte sich. Der Strom der Zuschauer, die alle in das Zelt hinein drängten, wollte gar kein Ende nehmen. Hinter dem Vorhang stellten sich die Zirkusleute auf. Sie sollten alle in der Reihenfolge ihres Auftritts das Zelt betreten. Zefi drückte Anna noch schnell, und dann kam der Zirkusdirektor, nahm an jede Hand ein Kind und betrat die Arena des Zirkus SYMBALLODIMBA. Anna war geblendet, soviel Licht, so viele Gesichter, so viele bunte Farben. Der Zirkusdirektor hielt in der Mitte der kreisrunden Fläche an und verbeugte sich tief. Dann sagte er ein paar Worte, aber Anna war viel zu aufgeregt, als dass sie genau zugehört hätte. Der Zirkusdirektor erzählte wohl etwas von der großen Reise und den vielen richtig guten Zirkuskünstlern, die sie gefunden hatten, und die dem hoch verehrten Publikum jetzt ihre Show zeigen wollten. Der Zirkusdirektor hob beide Arme empor und die Zuschauer klatschten begeistert. Dann öffnete sich unter Trompeten und Trommeln der Vorhang und die Zirkuskünstler marschierten hinein. Alle zeigten sich einmal zu Beginn der Vorstellung. So wollte es die Tradition des Zirkus. Es war ein langer Zug. Kaum sahen die Zuschauer die Zirkusleute, da ging ein staunendes Raunen durch die Reihen: „ Ahhh" machten sie, als sie vorne Boris Borlof mit seiner Bärin Brimbola sahen. Danach kam Cilla die Clownsdame. Weiter ging es mit Dennis Demut, der einen kleinen Wagen mit Erfrischungen für die Zuschauer vor sich her schob. „Ehh" machte das Publikum vor Schreck, als Fredo Feuerzunge eine lange Flamme hoch hinauf in die Kuppel des Zirkuszeltes spuckte. Gleich dahinter ging Gustaf Gieselherz mit der Gans Grisella, sie war in letzter Minute noch in das Programm eingebaut worden und sollte vor dem Publikum ein goldenes Ei legen. Herbert und Hermann aus Holland liefen natürlich auf ihren Händen, und das sah so lustig aus, dass das Publikum lachen musste: „Ihhhhiii hiii", schallte es aus den Bankreihen. Jetzt kam Jojo der Jongleur und jonglierte im Laufen mit fünf Bällen und gleich dahinter kam der kleine Karl auf seiner Katze Kratzetatze. Er stand mit erhobenem Degen auf ihrem Rücken. Dahinter lief sehr still, aber strahlend wie die Sonne Lilo Lieblich, gefolgt von Minna Moretti, die nach allen Seiten einen kleinen Knicks machte. Im Publikum schrie jemand: „Ohhh, seht nur, ein echter Papagei!", als Perle Flügel schlagend um Pippas Kopf flatterte. Qualle Quentin wurde von Rambo Redlich in einem Glas getragen, so dass jeder die seltsame Zauberqualle sehen konnte. Hinter dem Riesen schritt Susi Süßlich, ihr Bauchladen war voll mit süßen Summelinchen und sauren Drops, nach allen Seiten warf sie die leckeren Süßigkeiten. Hinter ihr stapfte mit festem Schritt Tore Toreson und warf einen prüfenden Blick nach oben, wo in der Kuppel des Zeltes, in schwindelnder Höhe, sein Trapez hing. Das Publikum folgte seinem Blick und erschrak: „Uuhhhh, wie hoch das war." Auch Viktor Vogel, der Veranstaltungsmanager durfte sich kurz zeigen. Er hatte seine Sache doch noch recht gut gemacht, denn das Zelt war ja voll mit Menschen. Wie von Zauberhand schwebte hinter ihm die Wanne mit dem Meerweib Walli Wehmut herein. Der Zauberer Zacharias Zunzelmann trieb nicht nur die weiße Ziege Xanthippa Zappelzeh vor sich her, sondern brachte mit seinem Zauberstab auch die schwere Wanne zum Schweben. Am Ziegenschwanz von Xanthippa hatte Anna an einem Faden einen Luftballon befestigt, auf dem war das Yps drauf gemalt. „Damit die Menschen das Ypsilon nicht vergessen", hatte Anna gesagt. Es war wirklich ein langer Zug. Schaute man nicht ganz so genau hin und schrieb nur die Anfangsbuchstaben auf so sah der Zug der Zirkusleute so aus:

A, B, C, D, E, F, G, H, I, J, K, L, M, N, O, P, Q, R,S, T, U, V, W, X, Y, Z.

Und dann ging es richtig los. Die Zirkusleute zeigten das Beste ihrer Kunst und sie waren, wir ihr ja wisst, wirklich gut. Das Publikum klatschte begeistert und alles gelang ohne Pannen und ohne Schrecken. Auch Anna lief auf dem Seil und es war wunderbar. Sie fühlte sich so leicht und sicher, als ob sie fliegen könnte. Worte können das gar nicht so gut beschreiben, deshalb, schaut euch das Bild an, und ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie schön es war. Welch ein Ereignis!

Noch lange erzählten sich die Menschen in der Stadt von dem großartigen Abend, an dem der Zirkus SYMBALLODIMBA zu ihnen gekommen war, um seine Künste zu zeigen. Und Anna? Anna würde nun bald in die Schule kommen, obwohl sie die Buchstaben ja bereits gelernt hatte, und lesen und schreiben, das würde sie bestimmt auch sehr bald können. Sicher würde sie das, ganz schnell. Denn sie wollte ja unbedingt der Großmutter schreiben, was sie alles auf ihrer neuen Schule erlebte. Ja, auf welche Schule sollte Anna denn nun gehen? Natürlich auf die Zirkusschule, auf die auch Zefi der Zirkusjunge, gehen würde. „So ein Talent zur Seiltänzerin, das muss doch gefördert werden", hatte der Zirkusdirektor noch am Abend der ersten großen Aufführung zur Großmutter gesagt. Und Anna war vor lauter Freude hoch in die Luft gesprungen.

 

Herzlichen Dank auch an Stephan Knauer aus Hamburg für erste Anregungen.

Kommentar
22.05.2018 | Peter Huth | Klassenlehrer
Hallo Karsten, das ist eine tolle Idee! Aber was war denn der Inhalt des Briefes? Wie lang war er, wie viele Wörter, in Schreib- oder Druckbuchstaben geschrieben? Danke für einen Kommentar deinerseits! Mit lieben Grüßen von Peter Huth!
22.05.2018 | Doris Darraz | Lehrerin
Eine wunderbare Idee!
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