Fredo Feuerzunge

Einmal, als sie gerade eine Rast einlegten, fragte Zefi seinen Vater, wo sie denn nun hinfahren würden. Der Zirkusdirektor antwortete: "Wir müssen nach Frankreich. Ich habe schon mit Fredo telefoniert, er weiß, dass wir kommen und ihn abholen." "Du meinst Fredo den Feuerspucker? Der Fredo, der die größten, die heißesten, ja die gefährlichsten Flammen spucken kann ohne sich zu verletzen?" Zefi war total begeistert und freute sich riesig. Das war eine frohe Botschaft, die musste er sogleich seiner Freundin Anna erzählen. "Anna", rief er, "Anna, wir fahren nach Frankreich, wir holen Fredo ab, Fredo den Feuerspucker, du weißt schon, der, der schon früher immer dabei war und mit dem Zirkus SIMBALLODIMBA auf große Fahrt gegangen ist." Und Zefi sprang mit großen Freudensprüngen im Kreis herum und rief: "Fredo, Fredo, Feuerzunge, Fredo, Fredo Feuerzunge." Der Zirkusdirektor lachte und wuschelte mit der Hand durch den Haarschopf seines Sohnes. Auch er freute sich gewaltig, denn es war wirklich fein, dass Fredo ihn nicht vergessen hatte und wieder dabei sein wollte.

Die Zirkuswagen fuhren noch ein paar Tage, sie mussten ein kleines Land namens Belgien durchfahren, und Zefi wurde von Tag zu Tag ungeduldiger, bis sie eines Tages die Grenze zu Frankreich passierten. Hier sprachen die Menschen Französisch, doch zum Glück beherrschte Gustaf Gieselherz aus Genf diese Sprache recht gut und konnte mit den fremden Menschen sprechen. In einem kleinen Dorf nahe der Grenze lebte Fredo, wenn er nicht gerade auf Reisen war. Als die Zirkusleute ankamen, hatte er vor der Tür seines Hauses eine große Festtafel aufgebaut und in der Mitte des Dorfplatzes brannte ein Feuer, über dessen lustigen Flammen ein Spanferkel brutzelte. Als Fredo Zefi erblickte, rief er : "Zefi, Zefi, du kleiner Zirkusdirektor, wie du gewachsen bist, fast ätte ich disch nischt mehr erkannt." Und er hob den Jungen hoch und drückte ihn fest an seine Brust. Wie gut die Feuerzunge riecht, dachte Zefi, nach Rauch und Flammen.

Das Festessen am Abend ging bis tief in die Nacht und war unvergesslich. Noch viel später würden die Zirkusleute sich gerne an diesen Abend erinnern. Alle Dorfbewohner des kleinen Dorfes hatten beim Kochen geholfen und alle Dorfbewohner aßen auch mit. Die lange Festtafel bog sich unter der Last der Speisen. Es gab fettes, fritiertes Fleisch, gebratenes Ferkel, dazu Pommes Frites. Ja, in Frankreich verstanden die Menschen etwas von der Kunst des Kochens, soviel stand fest. Anna hatte Frikadellen bisher nur mit Ketchup gegessen, hier gab es viele feine, sehr leckere Soßen dazu. Aber auch frischer Fisch mit Fenchel wurde serviert und dann gab es zum Schluss viele verschiedene Früchte und Feigen und ganz am Ende des langen herrlichen Festessens wurde Fromage aufgetragen. "Das ist Käse", flüsterte Zefi Anna ins Ohr. Als alle satt und zufrieden waren, stand Fredo der Feuerspucker auf und rief: "Zu Ehren unserer Freunde und für den Zikus SIMBALLODIMBA wollen wir heute noch eine wenig von unserer feinen Kunst vorführen." Er ging zum Feuer und fachte es an. Furchtlos sah er aus in seinem roten Flickenrock. Fredo machte das Feuer heiß und gefährlich. Hoch hinauf in den Nachthimmel flackerten die Flammen und die Funken flogen. Die Farben des Feuers waren gelb, rot und ganz unten blau. Der Feuerspucker zog einen weiten Kreis um das Feuer. Dann nahm er eine Fackel und entzündete sie in den Flammen. Schnell flammte die Fackel auf. Flink trank er aus seiner Flasche eine Flüssigkeit, hielt die Fackel an den Mund und blies seinen Feueratem hinein in das Feuer der Fackel. Eine riesige Flamme flog hoch hinauf in die Dunkelheit. Die Flammen von Fredo Feuerzunge waren wie Lebewesen, sie folgten dem Atem, den Worten des Feuerspuckers und formten sich zu den verschiedensten Figuren. Zefi spürte die Hitze und seine Augen folgten jeder Bewegung des Feuerspuckers. Es war als formten sich die Feuerworte in Zefis Mund wie von selbst:

 

Feuer, Feuer komm herbei,
Flammen fliegt und flackert frei.
Feuer, Feuer brenn mit Fleis,
Flammen flimmert, flüstert leis,
Folgt mir Flammen, fliegt nun fort.
Folgt mir! Brennt nach meinem Wort.

 

Nach und nach fingen nun auch die anderen Zirkuskünstler an und zeigten den Dorfbewohnern ihre Künste. Minna Moretti sang mit schmetternder Stimme eine Arie. Boris Borlof sagte sein Sprüchlein auf und ließ seine gewaltige Bärin Brimbola dazu tanzen. Susi Süßlich lief umher und rief: "Summelinchen und Suddelspeck". Sie bot jedem ihre süßen und sauren Naschereien an, so dass bald alle vor Lachen sich die Bäuche halten mussten. Dennis Demut schenkte flink Saft, Wein und Wasser nach, so dass sich die Gläser wie von Zauberhand füllten. Der Riese Rambo Redlich suchte sich einen großen Baumstamm und zeigte seine Riesenkräfte im Baumstammweitwurf. Zum Schluss seiner Vorstellung hob er noch einmal Walli Wehmut in ihrer Wanne hoch über seinen Kopf und das Meerweib verbeugte sich graziös nach allen Seiten. Überhaupt staunte Walli Wehmut, was es in der Welt ausserhalb des Wassers alles zu sehen gab, sie konnte sich gar nicht genug satt sehen. Nonni half Lilo Lieblich dabei, ihr Seil direkt über der Glut des verlöschenden Feuers zu spannen, dann lief die Seiltänzerin mutig und sicher von einer Seite zur anderen, während die Dorfbewohner den Atem anhielten. Tore Toreson schlug einen dreifachen Salto vom Dach des Hauses in den nahe gelegenen Heuhaufen, wo er die goldene Gans Grisella aufscheuchte, die dort gerade ihr Abendbrot gesucht hatte. Herbert und Hermann liefen auf Händen über die Essenstafel ohne dabei auch nur ein Glas oder einen Teller umzustoßen. Gustaf Gieselherz und der Zirkusdirektor aber saßen mit leuchtenden Augen, schauten und klatschten und freuten sich über die gute Zirkustruppe des Zirkus SIMBALLODIMBA. Schade, dachte Anna, dass Großmutter das jetzt nicht sehen kann. Aber zum Glück haben wir ihr ja geschrieben. Anna dachte gerade, die Vorstellung sei nun zu Ende, denn der Abend war ja auch lang und schön gewesen, da erklang auf einmal eine helle Flöte und spielte eine geheimnisvolle Melodie. Die Flötenspielerin war unbemerkt auf den Platz getreten, sie hielt eine Flöte in den Händen und spielte erst leise, dann immer lauter und schneller. Bald spürte Anna, wie es in ihren Gliedern zuckte und pochte und ehe sie sichs versah, tanzte sie schon mit allen anderen Zirkusleuten und Dorfbewohnern. Was für eine wunderschöne Nacht, dachte sie, sie fühlte sich so wohl und so sicher, wie in einer großen Familie.

 

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