Cilla der Clown

Es war eine herrliche Zeit! Nie zuvor war Anna so glücklich gewesen. Jeden Tag schaute sie zu, wie Lilo Lieblich morgens, bevor sie weiterfuhren, ein Seil zwischen zwei Wagen spannte und ihre Kunststücke übte und jeden Tag durfte auch Anna das Seil betreten und üben. Und Anna übte so sehr, dass sie schon ohne Hilfe von einem Ende zum anderen laufen konnte. Zefi hingegen wich keinen Schritt mehr von der Seite Jojos. Er hatte von ihm Bälle geschenkt bekommen und auch er übte jeden Tag wie besessen. Mit drei Bällen konnte er bereits jonglieren und Jojo lobte ihn und sagte, wenn er so weiter übe, dann könne er bald mit 10 Bällen jonglieren. Das war natürlich nur Spaß.

Eines Abends saßen sie unweit der Straße nahe am Waldrand. Der Mond schien und Fredo Feuerzunge hatte ein Feuer angezündet, und die Zirkusleute saßen darum herum und aßen die köstliche Fischsuppe, die Dennis Demut ihnen gekocht hatte. Nonni hatte dazu im nahe gelegenen Bach ein paar Fische gefangen.

Gustaf Gieselherz unterhielt sich angeregt mit dem Zirkusdirektor und streichelte dabei die goldene Gans Grisella, die auf seinem Schoße saß. Gerade fragte er den Zirkusdirektor, wann sie denn die erste große öffentliche Vorstellung geben würden. Der Zirkusdirektor zuckte mit den Schultern, kaute auf seinem langen Schnurrbart herum und murmelte dann: "Es fehlen noch ein paar, zum Beispiel haben wir noch keinen Zauberer." "Richtig, ein Zauberer darf einem Zirkus nicht fehlen.", antwortete Gustaf Gieselherz "und einen Clown brauchen wir auch, so einen richtigen Spaßmacher." Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da hörte Anna, die mit Zefi, Jojo und Nonni zusammen saß, ein leises Schluchzen, fast hörte es sich an, wie das Weinen eines kleinen Kindes. Sie gab den anderen Jungen ein Zeichen und sie hörten genauer hin. Ja, da war es wieder, das leise Schluchzen, es konnte nicht allzu weit entfernt sein. Nonni riss einen Ast aus dem Feuer und mit dieser Fackel gingen die vier in Richtung des Waldes. Sie brauchten nicht lange zu gehen. Das Schluchzen wurde lauter und lauter und schließlich sahen sie im flackernden Lichtschein der Fackel eine dicke Gestalt auf einem Stein hocken. Vorsichtig gingen sie noch näher heran. Die Gestalt hatte einen seltsamen Anzug an, überall waren runde, bunte Kreise drauf gemalt und unter den viel zu weiten Hosenbeinen schauten ein paar sehr große rote Schuhe hervor. Auf dem Kopf hatte sie auf ihrem roten Wuschelhaar einen ganz winzigen Hut und im runden Gesicht saß eine knallrote kugelrunde Nase. Es gab keinen Zweifel, die Gestalt vor ihnen war ein Clown, aber wohl ein sehr trauriger Clown. Der Clown schüttelte sich und schluchzte so sehr, dass ihm dicke Krokodilstränen die Wangen herab liefen und die weiße Schminke verschmierten.

Anna stubste den Clown leicht an der Schulter an und fragte: "Wer bist denn du?" Da hob die Gestalt den Kopf und schaute Anna mit großen Augen lange und traurig an. Dann wischte sie sich mit einer Hand die Tränen vom Gesicht und sprach:

 

Ich bin Cilla der Clown, doch ich kann nicht mehr lachen
Und ich kann keine lustigen Sachen mehr machen.
Ich bin Cilla der Clown und an Tränen so reich,
Ja mein großes Herz ist vor Kummer ganz weich.
Ich bin Cilla der Cown und bin traurig buhu,
Mein schönes Kind, was sagst du denn dazu?

 

"Was ich dazu sage?" sprach Anna. "Komm doch erst einmal mit uns ans Feuer, und dann sehen wir, ob wir dich wieder froh machen können. Jojo, hilf Cilla doch einmal aufzustehen. Jojo gab dem Clown die Hand und zog ihn hoch. Dann gingen sie alle zusammen zurück zum Feuer. Als Cilla sich setzte, schauten alle Zirkusleute ganz verdutzt hoch. "Das ist Cilla", sagte Anna, "sie saß im Wald und weinte." Als Hermann und Herbert Cilla sahen, sprangen sie gleich auf und stellten sich vor. Cilla setzte sich, nahm den Hut vom Kopf und die Nase aus dem Gesicht. Dann zog sie ein dickes Kissen unter ihrem bunten Anzug hervor. Herbert reichte ihr eine Schüssel mit Suppe und Hermann gab ihr einen Becher mit Saftschorle. "Warum bist du denn traurig?" fragte Herbert. "Und woher kommst du?" fragte Hermann. Cilla schaute hoch und fing wieder ein bisschen zu schluchzen an. Begann dann aber, während sie aß, zu sprechen: "Ich schaffe es seid einiger Zeit nicht mehr, die Menschen zum Lachen zu bringen. Dabei ist das doch eigentlich alles, was ich kann. Spaß machen. Aber ich kann keine Späße mehr machen wie früher. Es ist wie verhext, die Leute lachen nicht mehr und ich... ich bin selber auch so traurig. Nach der letzten Vorführung bin ich einfach aus der Stadt geflüchtet."Nun war auch der Zirkusdirektor neugierig geworden. "Das ist ja interessant. Sprich weiter. Wie war das denn früher?" "Ja früher, da war alles anders, da haben die Leute immer gelacht, wenn ich und der komische Karl zusammen auftraten. Aber seitdem der Karl verschwunden ist, kann ich nicht mehr lustig sein."

"Wer ist denn nun dieser komische Karl" Der Zirkusdirektor wurde nun vor Aufregung richtig ungeduldig "Susi Süßlich, komm doch einma her und bring deine Summelinchen und deinen Sabberspeck mit. Ich glaube, wir müssen unsere Clownsdame noch ein wenig aufheitern."Susi Süßlich kam und reichte Cilla zwei Summelinchen herüber. Kaum hatte Cilla diese gekostet, da lächelte sie ein wenig. "Na also," sprach er Zirkusdirektor "das wird schon wieder. Wer also ist dieser Karl?" "Karl" antwortete Cilla die Clownsdame "Karl ist der besteKollege, Kumpel und Kamerad auf der ganzen Welt. Und er ist ein sehr komischer Kauz. Jedenfalls war er es einmal." "Ah" sagte der Zirkusdirektor "na worauf warten wir dann noch, fahren wir zum kleinen König. Er wird schon wieder auftreten." Da begann Cilla wieder zu schluchzen. "Das geht leider nicht." sagte sie und abermals rollten ihr dicke Tränen über das runde Gesicht. "Wir können nicht zu Karl, er ist doch verschwunden, eines Tages ist er in diesen Wald hinein gegangen und nicht wieder heraus gekommen. Niemand weiß, wo er ist." "Mmmh" brummte der Zirkusdirektor, "das ist natürlich ärgerlich". "Traurig ist das" schluchzte Cilla, "es ist so richtig zum heulen." Hermann und Herbert nahmen die unglückliche Cilla in die Arme, aber es half alles nichts, die Tränen flossen ihr nur so von den Wangen.

Da platschte und blubberte es plötzlich gewaltig, sodass alle Zirkuskünstler erschrocken um sich blickten. Was war das? Wer machte mitten in der Nacht solche Geräusche? In ihrer Wanne, die weitab vom heißen Feuer stand, saß Walli Wehmut und hatte sich mit einem Seufzer aufgerichtet.

 

"Oh weh, oh weh, welch Schmerz und Pein,
Oh weh, oh weh, wer weint dort allein.
Ich werde dir helfen, ich weiß wohl den Weg,
Ich will uns führen durch Feld, Wald und Steg."

 

"Vertraut ihr", flüsterte Nonni. "Walli Wehmut weiß manchmal Dinge, die sie gar nicht wissen kann. Wenn jemand den Weg zu diesem Karl finden kann, dann sie, wir sollten ihr folgen." "Also gut.", sagte der Zirkusdirektor. "Wo soll es denn hingehen, Frau Wehmut?"

 

"In den Wald hinein
Dort wird dein Kumpel sein.
Ich zeig euch die Richtung,
Bis zu der Lichtung."

 

"Gut, dann gehen wir besser alle noch ein bisschen schlafen. Morgen stehen wir früh auf.

Kommentar
13.04.2019 | Christa Leitenberger | Großmutter
Vielen Dank, sehr verehrter Herr Kraneburg, für diesen sehr wesentlichen Text.
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