Susi Süßlich

Eine Buchstabengeschichte von Christoph Bai (Freien Waldorfschule Schwerin)

Einige Tage blieben Anna und Zefi mit dem Zirkusdirektor und mit Minna Moretti in Budapest. Der Zirkusdirektor wartete auf die neuen Zirkuswagen. Nein, neu waren sie nicht, aber er hatte in der Werkstatt einige wirklich fabelhafte alte Wagen gefunden, die nun vom Werkstattmeister restauriert wurden. Das Holz der Wände musste neu lackiert werden, hier und da fehlte etwas von der Inneneinrichtung, aber die Zirkusleute würden im Nu heimelige Wohnstätten aus den Wagen zaubern. Hauptsache die Motoren waren in einem guten Zustand, doch der Werkstattmeister versicherte dem Zirkusdirektor, der Zirkus SIMBALLODIMBA würde lange Freude an diesen Gefährten haben und auch gar nicht soviel Geld zahlen müssen. Zefis Vater hatte den Handel mit einem Handschlag beschlossen und freute sich über den günstigen Preis.

In den folgenden Tagen besuchten die Kinder jeden Tag den Bärenbändiger Borlof und die Bärin Brimbola. Manchmal wurden sie auch von Minna Moretti begleitet, wenn diese rechtzeitig aus den Federn kam oder gerade nicht in einem der zahlreichen Cafés saß und Marmorkuchen mit Marmelade aß. Einmal kamen sie am Kettenkarussell vorbei, da sahen sie auf der anderen Seite neben dem Stand mit der Zuckerwatte und den gebrannten Mandeln eine junge Frau stehen, die ihnen mit der linken Hand eifrig winkte. Sie trug vor sich einen Bauchladen, auf dem allerlei süße Sachen ausgebreitet waren. Sie hatte auf ihrem Kopf eine Menge krause Locken, die sich wild über ihre Schultern kringelten und nur durch eine silberne Schnur gebändigt wurden. Sie winkte und rief dabei in einem Singsang immerzu lustige Namen. Anna und Zefi verstanden nur die Hälfte, aber es hörte sich ungefähr so an:

 

Süße Sachen, Saure Drops, Summelinchen, Suddelspeck,
Sabbernascher, süßen Hops, kauft und esst, sonst ist es weg.

 

Die Kinder blieben mit offenen Mündern stehen, sie schauten und sahen der Verkäuferin zu. Lustig sah sie aus, sie war sehr grell gekleidet, hatte einen kurzen Rock und silberne Stiefel an. Stolz stand sie da mit ihrem Bauchladen und sagte ihr Sprüchlein auf.

 

Susi Süßlich isst so gerne süße Sachen, sauren Spaß
Suddelinchen, heiße Sahne, Sabberspeck und Summelnass.
Massenweise lässt sie säuselnd, sieden bis zum süßen Hops,
Silberspelz und weiße Läuse siebenhundertsiebzig Drops.

 

Dabei lachte sie ununterbrochen, so dass man ihre weißen Zähne sehen konnte. So verkaufte sie an die vorbei gehenden Jahrmarktsbesucher ihre süßen Sachen. Ja, was waren das für süße Sachen! Solch seltsames Naschwerk hatten Anna und Zefi noch nie gesehen. Jedes Stückchen sah anders aus. Es schien, als ob die süßen Sachen sich bewegten und von alleine seltsame Formen annahmen. Da floss ihnen das Wasser im Munde zusammen. Wie sie da so standen und schauten, winkte die Verkäuferin schon wieder mit der Hand. Schließlich gaben sich die Kinder einen Ruck und traten näher heran, da streckte ihnen die junge Frau mit beiden Händen je ein buntes Gummidings hin. Seltsam sahen sie aus, wie Schnüre, die sich in den Händen der Verkäuferin zu winden und zu drehen schienen. "Summelinchen, meine Süßen, die müsst ihr schlecken und schmecken.", sagte sie und ihre Stimme klang wie ein Gesang. Die Kinder steckten die süßen Sachen in den Mund und es war wahrlich ein Genuss. Erst süß, dann sauer und wieder süß. Auf einmal krümmten sich ihre Körper vor Lachen nach allen Seiten, sie bogen sich und die Kinder führten einen Tanz auf. Es war, als ob ihre Arme und Beine wie von selbst tanzten. Dabei mussten Anna und Zefi so sehr lachen, dass ihnen fast der Bauch weh tat. Sie lachten und sprangen aufgeregt um die junge Frau herum. "Was sind das für süße Sachen?" und "Wieso sprichst du unsere Sprache?" fragte Anna. "Woher kommst du denn?" japste Zefi, der sich vor Lachen mit beiden Händen immer noch seinen Bauch halten musste. Da sagte die junge Frau lachend "Ich bin die Susi Süßlich, schaut mal, das steht auch auf meinem Bauchladen drauf." Und richtig in silbernen Buchstaben standen dort zwei Worte, die sahen so aus: SUSI SÜßLICH. "Susi Süßlich, so heiße ich und ich spreche eure Sprache, weil ich aus der schönen Stadt Salzburg komme. Das ist eine Stadt in Österreich und da sprechen wir Deutsch." "Ach so", sagte Zefi "Und du arbeitest hier auf dem Jahrmarkt in Budapest." "Ja ja, so ist es.", antwortete Susi Süßlich und gab den Kindern noch ein paar lange bunte Schnüre. "Ich verkaufe hier meine süßen Summelinchen, den Sabberspeck, die Suddelinchen, solange bis ich genug Geld habe, um wieder auf Reisen zu gehen. Ich reise ja so gerne, sehe mir all die Städte und die fremden Länder an, die seltsamen Sachen, Sehenswürdigkeiten, Menschen. Ich sehe mir so gerne alles an." "Wi seisen au dursch die Schelt" sagte Anna und man verstand sie kaum, weil sie an der bunten Schnur schleckte. "Ja", unterbrach Zefi sie, "mit unserem Zirkus SIMBALLODIMBA suchen wir nach Zirkusartisten. Wir waren schon in Mailand und jetzt hier in Budapest und bald, wenn die Wagen vom Zirkusdirektor fertig sind, dann fahren wir wieder weiter." Er biss ein Stück von seiner bunten Schnur ab und verschluckte sich heftig, er schüttelte sich. "Die schmeckt ja nach Salz." Zefi verzog sein Gesicht und schüttelte sich. "Oh", lachte Susi Süßlich, "manchmal ist auch ein Schlabberwitz dabei." Sie spendierte gleich noch ein paar saure Drops und Zefi schaute wieder sehr lustig drein.

"Ihr fahrt also mit den Zirkuswagen in der Welt herum" Susis Augen waren ganz groß geworden. "Wisst ihr was, das würde ich auch so gerne. Meint ihr, der Zirkusdirektor sucht noch eine Verkäuferin für süße Sachen? Summelinchen, Suddelspaß, saure Drops und süßer Hops?" "Au ja, super" riefen die Kinder, "du kommst mit, komm wir gehen gleich zum Zirkusdirektor und fragen ihn, er ist nämlich mein Vater" sagte Zefi und die Kinder fassten Susi Süßlich bei den Händen und liefen gleich mit ihr davon. Natürlich war Zefis Vater begeistert von der Idee, dass Susi Süßlich süße Sachen für den SIMBALLODIMBA verkaufen wollte und als er ein paar Kostproben von Susis Bauchladen bekam, da war die Sache klar und sie besiegelten die Abmachung mit ein paar sauren Drops und einem süßen Hops.

Kommentar
13.03.2019 | Friedrich Seidenfaden | ehemaliger Klassenlehrer und Handarbeitslehrer
Ein guter und sehr gut begründeter Beitrag über das Fach Handarbeit, der es in sich hat und das Thema wirklich anfasst - Warteschlange. Umfassend beschrieben, geradezu erstaunlich, dass von diesem Fach einmal etwas kommt, das ansonsten im Waldorfzusammenhang eher als unterbelichtet gilt, was Lehrpersonal und Thematik des Unterrichts betrifft. Vielen Dank für die Darstellung und die damit verbundene Arbeit, vor allem für die intellektuelle Leistung auch in der Ausdauer der Beschreibung in diesem Zusammenhang des sonst eher als tütelig und hausbacken bekannten Faches.
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