Gustaf Gieselherz

Eine Buchstabengeschichte von Christoph Bai (Freien Waldorfschule Schwerin)

Die nächsten Tage verbrachten sie viel Zeit auf dem Platz der Werkstatt, wo die neuen Zirkuswagen standen und restauriert wurden. Der Zirkusdirektor hatte 10 Wagen beim Werkstattmeister bestellt. Dazu 5 Zugmaschinen. Den größten und längsten Wagen, der bereits fertig war, wollte der Zirkusdirektor mit den beiden Kindern bewohnen. An den beiden Seiten des Wagens war schon in großen goldenen, schnörkeligen Buchstaben das Wort SIMBALLODIMBA geschrieben. Susi Süßlich erwies sich als sehr hilfreich, denn sie konnte neben den süßen Sachen auch vieles andere machen, so z.B. nähen. Sie nähte für die Wagen Vorhänge und bestickte sie auch noch mit goldenen und silbernen Fäden. Sich selber hatte sie einen ganz kleinen Wagen ausgesucht, auf den in silberner Schrift ihr Name Susi Süßlich gepinselt werden sollte. Auch Minna Moretti wählte ein Wägelchen aus und meinte, er müsse rot angestrichen und innen mit Samt ausgekleidet werden. Minna passte gerade noch durch die Tür hindurch, war aber zufrieden. Die Kinder hörten sie den ganzen Tag im Innern des Wagens trällern und singen. Boris Borlof hatte mit seiner Bärin Brimbola den Jahrmarkt verlassen und war mit seinen beiden Wagen auch zur Werkstatt gefahren. Er wollte sie vor Antritt der Fahrt noch einmal durchschauen lassen. Am Abend saßen sie dann alle zusammen am Feuer, erzählten sich Geschichten und sangen Lieder, solange bis jeder in seinen Wagen ging, die Vorhänge zuzog und sich in die kleinen Schlafkojen legte.

Eines Morgens kam der Werkstattmeister mit einem sehr ernsten Gesicht zum Zirkusdirektor. Er gestikulierte wild mit den Armen, schimpfte und schüttelte den Kopf. Der Zirkusdirektor verstand zunächst kein Wort, nur soviel, dass der Werkstattmeister gerade die Motoren der Zugmaschinen getestet hatte und irgendetwas damit nicht stimmte. Er ging selber mit in die Werkstatt und besah sich die Maschinen. Tatsächlich sprangen einige Motoren überhaupt nicht an. Nur zwei Maschinen liefen und auch die nicht wirklich rund. Der Werkstattmeister hatte noch ein paar Ersatzteile, aber das würde nun doch alles einiges mehr kosten, sagte er. Er nannte auch gleich eine Summe und rieb zum Zeichen den Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand aneinander. Der Zirkusdirektor fluchte, der Werkstattmeister schimpfte, und dann saß Zefis Vater eine lange Zeit am Feuer und stocherte mit einem Ast in der Glut herum. Er konnte soviel Geld nicht bezahlen. Das Zelt, die Wagen, die Restaurierung, das alles kostete viel. Und dann musste die Reise auch noch bezahlt werden und die Gage der Zirkusartisten und bis zur ersten Vorstellung würde noch viel Zeit vergehen. Zefis Vater hatte für diese Zeit Geld zurück gelegt, es war die eiserne Reserve, das Startgeld für den neuen Anfang des Zirkus SIMBALLODIMBA. Sollte er dieses Geld für die Motoren benutzen? Der Zirkusdirektor sah düster in die Flammen des Feuers. Nach und nach gesellten sich alle anderen zu ihm. Anna und Zefi, Minna Moretti, Boris und Susi Süßlich, doch keiner wußte einen Rat. Boris Borlof aber legte schweigend einen kleinen alten Topf vor den Zirkusdirektor, es waren seine letzten Einnahmen vom Jahrmarkt. Viel war es nicht, aber immerhin, und auch Susi kramte ein kleines rosa Sparschwein hervor. "Das war für meine Reise, aber nun gehe ich ja mit euch auf Zirkusfahrt.", sagte sie. Der Zirkusdirektor nickte dankbar, aber als er das Geld zusammenzählte, reichte es noch lange nicht. Mit einem Mal schlug sich Minna Moretti mit ihrer Hand an die Stirn. "Mamma mia, warum fällt mir das denn jetzt erst ein. Natürlich, Onkel Gustaf in Genf. Gustaf Gieselherz aus Genf, mein lieber Zirkusdirektor ist ein Mann mit gütigem Herzen. Ihn müssen wir fragen, er hilft uns bestimmt und gibt uns das Geld für die Maschinen. Großzügig wie er ist. Und Geld hat er eine Menge, das müsst ihr wissen. Wir werden ihn gleich heute am Abend anrufen, wie war nur seine Telefonnummer?"

Und Gustaf Gieselherz kam aus Genf nach Budapest geflogen. Er nahm gleich den nächsten Flieger, und da stand er plötzlich vor ihnen. Gustaf Gieselherz war ein Mann aus gutem Hause. Er trug einen langen, sehr schicken Mantel, dazu einen Hut auf dem Kopf. Er hatte gar nicht viel Gepäck dabei, nur einen ganz kleinen Koffer, den trug ihm sein Diener unter dem einen Arm und unter dem anderen trug er auch noch einen recht ungewöhnlichen Gegenstand, eine Kiste mit einer grauen Decke darüber. Gustaf Gieselherz ging mit gebreiteten Armen auf Minna Moretti zu: "Welch ein Genuss, dich wieder zu sehen meine, liebe Minna, wie du gewachsen bist, ganz aussergewöhnlich, aber du warst ja schon von jeher gut gebaut." Er zeigte mit einer Geste seiner Hand auf seinen Begleiter, der den Koffer trug. "Das ist Dennis, mein Diener, er kommt aus Dresden." Dennis verbeugte sich tief vor Minna Moretti und sprach: "Dennis Demut mein Name, immer zu Diensten."

Gustaf Gieselherz ging mit den Kindern und Minna Moretti auf den Platz und guckte sich die Wagen an. Unterdessen plapperte Zefi pausenlos von dem Zirkus SIMBALLODIMBA, von den Zirkuskünstlern und von der großen Reise. Als sie schließlich bei dem Käfig der Bärin Brimbola anlangten, da bekam Gustaf Gieselherz ganz große Augen und er ging gleich zum Zirkusdirektor: "Dann wandte er sich zum Zirkusdirektor. "Sie müssen der Zirkusdirektor des großartigen Zirkus SIMBALLODIMBA sein. Gut, gut, Minna hat mir am Telefon von Ihnen erzählt und geschwärmt und da habe ich die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und bin zu Ihnen gereist. Ich war ja schon immer ein großer Bewunderer, des Zirkus. Also gewähren Sie mir die Gunst, Ihnen ein wenig unter die Arme zu greifen."

Der Zirkusdirektor war sprachlos, und Gustaf Gieselherz sagte: "Aber nur unter einer Bedingung. Ich gehe mit dem Zirkus SIMBALLODIMBA auf die große Fahrt, ich begleite euch. Früher, als ich ein kleiner Junge war, da wollte ich auch immer in den Zirkus. Mein Großvater hat mich oft mit genommen. Heute habe ich zwar genug Geld, aber ganz glücklich hat mich das auch nicht gemacht. Bei euch zu sein, das ist gut, das ist ein Glück für mich." Er strubbelte Zefi über das Haar und sprach: "Aber nun wollen wir mal gutes Geld zaubern, damit dein Vater die Zirkuswagen bezahlen kann." Dann ging der gute Gustaf in einen der Wagen und nahm nur den seltsamen Gegenstand, den sein Diener trug, mit. Dann zog er alle Vorhänge an den Fenstern zu. Die Kinder wollten einen Blick in den Wagen werfen, aber Dennis Demut stand an der Tür und duldete keine neugierigen Blicke. Da schlichen die Anna und Zefi auf die andere Seite des Wagens und entdeckten in der Wand ein Astloch, durch das sie hindurch schauen konnten. Drinnen im Wagen war es dunkel. Gustaf Gieselherz hatte die graue Decke vom Kasten abgenommen und auf den Tisch gelegt. Auf der anderen Seite schimmerte die Decke golden. Die Kinder drängelten sich am Loch, und Anna, die gerade ihr Auge auf das Loch gepresst hatte, konnte genau sehen, was der gütige Gustaf tat. Gerade streckte er seine Hände in die Kiste und holte eine Gans daraus hervor. Eine ganz normale Graugans, die setzte er auf die goldene Decke. Nun strich er mit zwei Fingern ganz leicht über den Schnabel der Gans und murmelte einige Worte dazu, die sich für Anna so anhörten:

 

Grisel, grasel, groselei
Golden wird Grisellas Ei.

 

Die Gans ruckte mit dem Kopf, guckte und druckte und legte dann ein Ei auf den Tisch. Anna blieb der Mund offen stehen, sie stieß Zefi den Ellenbogen in die Rippen. "Zefi, das glaubst du nicht, du, die Gans hat ein Ei gelegt, und das ist golden, ganz und gar." Zefi schubste sie zur Seite und wollte auch durch das Loch in den Wagen schauen. Er knuffte sie dabei so stark, dass Anna laut aufschrie. Da öffnete sich das Fenster des Wagens, und heraus schaute Gustaf Gieselherz. Er lachte: "Na ihr beiden, habt ihr mein kleines Geheimnis entdeckt? Gut, gut, nun kennt ihr ja meine Gans. Grisella ist schon etwas besonderes, ich habe sie damals von meinem Großvater geerbt." Dann ging der gütige Gustaf mit dem goldenen Ei zum Zirkusdirektor und beide bezahlten damit den Werkstattmeister. Der staunte nicht schlecht, als er das Gold sah.

An diesem Abend wollten die Kinder der Großmutter einen Brief schreiben und ihr von ihren neuen Freunden berichten. Damit die Großmutter von ihrer Freude erfuhr, zeichneten die Kinder ein großes A auf ein Blatt Papier, und auf der Rückseite malten sie ein Bild dazu, auf dem waren Minna Moretti, Boris Borlof mit seiner Bärin und Susi Süßlich zu sehen. In der Mitte des Bildes aber malten sie die goldene Gans Grisella. Der Zirkusdirektor schrieb auch noch ein paar Zeilen an die Großmutter dazu, die las er den Kindern vor:

 

Gustaf Gieselherz war gütlich, gab sein Gut der ganzen Welt,
Groß war seine Güte gänzlich, jedem gönnte er sein Geld.
Günstig waren seine Gaben, Großmut war sein holder Glanz,
Golden war das Herz vom Gustaf, golden war auch seine Gans.

 

Diesen Brief wollte der Zirkusdirektor am nächsten Morgen zur Post bringen.

Kommentar
10.03.2019 | Michael Harslem | Entwicklungsbegleiter
Vielen Dank für dieses besonders schöne und gut gelungene Beispiel eines Praxisforschungsprojektes zum individualisierten, kooperativen und selbstverantwortlichen Lernen!
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