Der Zirkus SIMBAOLLODIMBA

Eine Buchstabengeschichte von Christoph Bai (Freien Waldorfschule Schwerin)

In einer kleinen Stadt lebte ein Mädchen bei seiner Großmutter, das hieß Anna. Anna hatte einen Freund, Zefi, dem der Zirkus gehörte. Von allen Jungen, die Anna kannte war Zefi der Lustigste, immer wenn sie sich trafen, hatte er ein neues kleines Kunststück gelernt und zeigte es ihr. Da staunte Anna dann sehr, denn Zefi der kleine Zirkusjunge konnte schon die größten Sprünge machen, sich dabei in der Luft drehen und sicher wieder mit beiden Füßen auf der Erde ankommen. Aber auch mit Bällen konnte er jonglieren, neulich hatte er einen gelben, einen roten und einen blauen Ball gleichzeitig immer wieder in die Luft geworfen und gefangen. Und Geschichten konnte der Zefi erzählen, das war schon sagenhaft, z. B. von dem ulkigen Clown Beppo, der immer über seine großen Schuhe stolperte, von Fredo dem Feuerspucker, der Flammen spucken konnte die größer waren als er selber oder von Ela der berühmten Seiltänzerin, die ohne Netz in schwindelnder Höhe über ein Seil ging, das so dünn wie ein Haar war. Ungelogen sagte Zefi. Ja, der Zefi wusste schon einiges zu erzählen, von fremden Ländern und großen Städten, von langen Reisen und wilden Tieren, das war beinahe so spannend wie die Geschichten ihrer Großmutter und die war immerhin in der ganzen Stadt berühmt für ihre Märchen. Natürlich gehörte der Zirkus Simballodimba nicht Zefi, sondern seinem Vater mit den buschigen Augenbrauen und der war der Zirkusdirektor. Aber für Anna war Zefi der Junge, dem der Zirkus gehörte. Schade war nur, dass Zefi ja beinahe das ganze Jahr über fort war, denn dann zog er mit seinem Zirkus in der Welt umher und Anna sah ihn nur einmal, im Sommer, wenn sie mit ihrer Großmutter in die nächste große Stadt fuhr, um eine der Zirkusvorstellungen zu sehen. Das war ein Erlebnis! Erst liefen sie zu Fuß zum Bahnhof, stiegen in den Zug ein und fuhren dann Stunden lang durch die Landschaft. Jedenfalls kam es Anna sehr lang vor und während ihre Großmutter strickte, sah sie die meiste Zeit aus dem Fenster, bis sie in der Stadt ankamen und dann mit der Tram zum Zirkusplatz fuhren. Anna sah das Zelt schon von weitem, denn die bunten Fahnen flatterten lustig im Wind und das Zelt war riesengroß und vorne über dem Eingang hing in großen goldenen Buchstaben gemalt das Wort SIMBALLODIMBA. So heißt der Zirkus, erklärte ihr die Großmutter. Eine Menge Menschen zogen zum Zirkus Simballodimba. Viele Kinder waren dabei, die aufgeregt hin und her sprangen und es gar nicht erwarten konnten, dass die Tore sich öffneten. Anna und ihre Großmutter brauchten sich nicht in die große Schlange zu stellen, denn Zefi hatte ihnen schon im Frühling Freikarten gegeben. So bekamen sie immer ganz gute Plätze, vorne direkt vor der Manege saßen sie, auf roten Samtsesseln, und konnten alles sehen. Am besten gefiel Anna die Seiltänzerin, es schien, als ob sie oben unter der Kuppel des Zeltes auf ihrem Seil schwebte. Aber auch die Pferdenummer war nicht übel, die Reiterin stand mit beiden Beinen auf dem Rücken von zwei Pferden und hatte die Zügel von sechs weiteren weißen Pferden in der Hand und alle Pferde machten das, was sie wollte, sie brauchte nur mit der Zunge zu schnalzen. Als der Löwe in die Manege kam wurden die Zuschauer plötzlich ganz still und auch Anna hielt den Atem an und umklammerte die Hand ihrer Großmutter. Doch der Dompteur ließ seine Peitsche laut knallen und da sprang der Löwe durch einen Reifen hindurch, machte Männchen und allerlei Sachen. Sogar Zefi trat auf, in der Nummer des großen Zauberers, da durfte er den Käfig mit dem weißen Kaninchen tragen. Anna schaute jedes Jahr ganz genau hin, aber sie konnte nie erkennen wie es geschah, dass das Kaninchen plötzlich verschwand. Es tauchte viel später erst wieder auf, aus dem Hut des Zauberers. Sie hatte Zefi einmal danach gefragt, wie der Zauberer das machen würde, aber Zefi hatte nur gelächelt und die Schultern hochgezogen. Wahrscheinlich, dachte Anna, konnte der Zauberer wirklich zaubern. Nach der Vorstellung kaufte ihr die Großmutter noch einen Zuckerapfel und dann fuhren sie wieder heim und dann war Anna wieder ganz allein und es dauerte so lange, so lange bis der Herbst kam und mit dem Herbst auch endlich wieder der Zirkus. Hier, in dieser kleinen Stadt machte er nämlich Winterschlaf. So nannte Zefi das. Denn im Winter, wenn es kälter und kälter wurde, hörte die wilde Zirkusfahrt auf, die Wagen wurden auf einen großen Platz gefahren, die Tiere bekamen ein Dach über den Kopf und die vielen Zirkusleute hörten auf mit ihren Späßen, mit ihren Kunststücken und mit ihrem Zauber und legten sich in ihre Betten. Das war der Winterschlaf. Und noch bevor die Zirkusleute wieder aufwachten und anfingen, ihre Nummern zu üben und neue Dinge zu erlernen, schaute sich der Zirkusdirektor sein Zelt genau an und ließ die vielen Löcher flicken. Vieles musste nach der langen Fahrt repariert werden, nicht nur die bunten Zirkuswagen. Da war ein Pferd zu alt geworden oder ein tanzender Seehund krank oder ein Zirkuskünstler verließ die Truppe und für seine Zirkusnummer musste ein neuer Künstler gefunden werden. Ja vieles musste über den Winter besorgt werden, und damit der Zirkus im nächsten Jahr, wenn der Frühling kommen würde wieder auf seine Fahrt gehen konnte, ging der Zirkusdirektor nun allein auf Reisen. In dieser Zeit lebte Zefi dann bei Anna und ihrer Großmutter. Das war eine schöne Zeit.

Am Tage spielten die Kinder zusammen und Zefi zeigte Anna all seine Kunststücke. Anna aber zeigte ihm all ihre geheimen Orte im Garten. Es waren Orte, die nur sie kannte, niemand kletterte hinten am Schuppen über die große Regentonne, wo es so dunkel war und so feucht roch. Niemand schlängelte sich zwischen der Bretterwand und dem Gebüsch hindurch und entdeckte den kleinen Rasenfleck, auf dem man in aller Ruhe die im Sonnenstrahl tanzenden Fliegen beobachten konnte. Niemand wusste, dass in dem großen Garten der Großmutter allerlei zauberhafte Wesen wohnten, aber Anna zeigte sie alle ihrem Freund Zefi. Da gab es Wasserschnecksen und Graubolde, Taulischen und Erdmännsel. Bei der Pumpe am Kellereingang wohnte der Schniefhannes und beim Blumenbeet am Hang lebten die Goldschwestern. Anna nannte die Bewohner des Gartens, die heimlichen Leute und niemand anderem als Zefi hätte Anna diese Orte im Garten und die heimlichen Leute gezeigt. Keiner wusste davon, außer ihrer Großmutter und ihre Großmutter konnte zu jedem Ort und zu jedem der Gartenbewohner eine kleine Geschichte erzählen. Abends, wenn es dunkel wurde, kochte sie einen Teepunsch und die Kinder setzten sich zu ihr auf die Ofenbank, auf das Schaffell, wo es schön warm und kuschelig war, und lauschten ihren Erzählungen. Dann wurde sogar der kleine Zefi still und seine Augen ganz groß, denn er liebte die Geschichten vom Königsschloss, vom Drachen und der Prinzessin, von dunklen Wäldern und weisen Frauen. Die Kinder vergaßen die Zeit, und erst wenn es schon spät war, die Großmutter ihnen sanft übers Haar strich und sagte: „Nun aber rasch ihr beiden.", rutschten sie von der Ofenbank, schlüpften in ihre Schlafanzüge und später, wenn sie die Zähne geputzt hatten, in ihre Bettchen.

Seit Anna sich erinnern konnte, war es so gewesen. Im Winter lebte Zefi bei ihr und ihrer Großmutter, um dann, wenn im Frühling die Tage wärmer wurden und die Zirkusleute sich auf ihre große Fahrt vorbereiteten, wieder zu seinem Vater in den Zirkuswagen zu ziehen. Irgendwann kam dann immer der Tag, an dem die Zirkuswagen in einer langen Schlange los fuhren, um ihre Tour zu den großen Städten aufzunehmen. Jahr für Jahr ging das so, und immer lief Anna auf den Platz, wo die Wagen standen, um sie zu verabschieden. Früher, als sie noch klein war, kam ihre Großmutter mit und hielt sie an der Hand, später zog sie alleine los. Sie kletterte auf den Steinpfeiler, am Eingang beim Tor und winkte und winkte mit beiden Armen und Zefi schaute aus einem der Seitenfenster seines Wagens heraus und ließ ein rotes Tuch im Winde flattern. Anna blieb immer solange, bis der letzte Wagen weit hinten am Ende der Straße um die Ecke gebogen war. Dann war sie allein. Zu gerne wäre sie mitgefahren, aber sie lebte ja bei ihrer Großmutter und es blieb ihr nichts weiter, als sich auf den Sommer zu freuen, wenn sie mit dem Zug in die Stadt fahren würden, um sich die herrliche Zirkusvorstellung anzuschauen.

Jahr für Jahr ging das so, doch in diesem Jahr war alles anders.

Nach den Sommerferien sollte Anna in die Schule kommen, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen und auch Zefi würde dann in eine Schule gehen, allerdings in eine andere, weit fort, in eine Zirkusschule, wo die Kinder der Zirkusleute auf ihren späteren Beruf vorbereitet werden sollten. Und im Winter, da würde Zefi auch nicht mehr kommen können, da würde er dann in seiner Schule bleiben und lernen. Anna hasste ihre Schule, noch bevor sie sie überhaupt betreten hatte, sie wollte dort nicht hin, sie wollte nicht Lesen und Schreiben lernen, sie wollte auch auf die Zirkusschule, sie wollte zu Zefi, sie wollte, dass Zefi im Winter bei ihr wäre. Anna war traurig!

Und dann passierte es. Noch bevor die Schule anfangen konnte, bevor der Sommer richtig gekommen war, bevor Anna mit ihrer Großmutter in die Stadt zur großen Zirkusvorstellung fahren konnte, brach eines Abends im Zirkuszelt ein Feuer aus. Es war nicht Fredo der Feuerspucker mit seinen Flammen gewesen, der das Feuer auslöste. Nein, jemand hatte bei den Tieren im Stall, wo das Stroh in Mengen lag, eine Zigarette geraucht und einfach auf den Boden geworfen. Das Stroh hatte Feuer gefangen und das Feuer wurde rasch größer und größer, bis es das Zirkuszelt erfasste. Da dauerte es nicht lange und das ganze Zelt brannte lichterloh. Zum Glück verletzte sich keiner der Zuschauer. Zefis Vater, der Zirkusdirektor konnte alle Besucher der Vorstellung rechtzeitig warnen und sie verließen das Zelt. Dann kamen mit lautem Getute die Feuerwehrleute, holten ihre Schläuche hervor und spritzten die ganze Nacht große Mengen Wasser, um das Feuer zu löschen. Als schließlich der Morgen graute, versammelten sich alle Zirkusleute. Es sah sehr schlimm aus, das Zelt war verloren und vieles, was die Zirkusleute für ihre Vorstellungen brauchten, war vom Wasser verdorben worden. Das Schlimmste aber war, dass ein Großteil der Tiere vor dem Feuer geflohen war. Und Terlof der Tierbändiger musste ins Krankenhaus, er hatte bei dem Versuch, einige Tiere zu retten, schwere Verbrennungen erlitten. Es sah wirklich nicht gut für den Zirkus Simballodimba aus. Zefis Vater musste die Arbeit einstellen, die Vorführungen mussten abgesagt werden und die Zirkusleute konnten nicht mehr bezahlt werden. Viele von ihnen mussten sich eine neue oder andere Arbeit suchen und verließen den Zirkus. Obwohl einige von ihnen dem Zirkusdirektor versprachen, dass sie jederzeit wieder mit ihm auf Tour gehen würden, wenn er nur ein neues Zelt besorgte, musste der Zirkusdirektor sich eingestehen, dass die Zeit des schönen Zirkus Simballodimba wohl vorbei war. Er ließ also alles, was das Feuer verschont hatte zusammenpacken und zog mit einigen wenigen Zirkusfreunden zurück in die kleine Stadt, in der Anna mit ihrer Großmutter lebte. Zefi wohnte nun wieder bei Anna und auch sein Vater war tagsüber oft bei ihnen. Er sah sehr traurig aus, wie er da im Sessel saß und seine sonst so lustigen, lebensfrohen Augen unter den buschigen Brauen schauten ganz trübsinnig drein. Annas Großmutter kochte ihm erst einmal einen guten Teepunsch und dann redete sie ihm Mut zu. Sie sagte ihm, dass er nicht den Kopf hängen lassen solle, dass alles schon gut werden würde und dass er als Zirkusdirektor nicht verzagen dürfe. Denn, so meinte sie, „die Kinder in der ganzen Welt warten doch auf den Zirkus Simballodimba. Die Kinder darfst du nicht vergessen, die brauchen dich und den Zirkus doch, die dürfen das Lachen nicht verlernen." So sprach Annas Großmutter und dann sagte sie noch, „jetzt iss erst einmal ein Stück Kuchen und dann besprechen wir deine Reise, denn du musst ja nun allerhand besorgen, damit der Zirkus Simballodimba bald wieder auf große Fahrt gehen kann." Da langte der Zirkusdirektor ordentlich zu und aß gleich vier große Stücke Apfelkuchen mit Schlagsahne und Zefi bemühte sich recht fleißig, ebenso viele zu essen, schaffte aber nur 2 Stück und einen halben. Nach dem Essen sah der Zirkusdirektor schon viel besser aus, er lächelte sogar und sagte zur Großmutter: „Du hast recht, ich werde mich auf die Socken machen und den Zirkus wieder aufbauen und die Kinder, die sollen was zu lachen bekommen, das sage ich dir, die Kinder werden staunen, danke für den guten Kuchen." Als Zefi das hörte machte er einen Freudensprung und auch Annas Augen begannen zu leuchten, sie hatte wirklich große Angst gehabt, dass das Feuer das Ende des Zirkus gewesen sei. Zefi sprang gleich auf den Schoß seines Vaters und rief: „Das ist toll, das ist fantastisch, wir gehen auf die Reise für den Zirkus, gleich jetzt und ich komm mit." Der Zirkusdirektor zog seine dunklen Augenbrauen nach oben und schaute seinen Sohn lange und nachdenklich an. Schließlich lächelte er und sagte. „Nun gut mein Junge, du kommst mit, wir müssen ja jetzt zusammenhalten und vielleicht kannst du auf der Reise auch einiges für den Zirkus lernen." Da machte der Zefi einen Freudensprung, wie Anna noch keinen gesehen hatte und Zefi kugelte sich über den ganzen Boden der Stube, nur um sogleich wieder aufzustehen und seinem Vater erneut auf den Schoß zu springen. Ganz aufgeregt sprach er: „Die Anna kommt aber auch mit, die lassen wir nicht zurück." Da wurde es mit einem Mal ganz still am Tisch. Der Zirkusdirektor schaute Anna an und Anna hoffte er würde sehen, wie sehr, sehr sie sich wünschte mit auf die Fahrt zu gehen. Der Zirkusdirektor schaute die Großmutter an und die Großmutter schaute erst zu Zefi und dann zu Anna herüber. Anna hielt den Atem an. Sie hielt aber dem Blick ihrer Großmutter stand. Dann hauchte sie: „Großmutter, bitte, ich darf doch mit, oder?" Großmutter kannte Anna sehr genau und konnte in ihr kleines Herz tief hineinsehen und dort sah sie eine so große Sehnsucht und Freude, dass sie einfach nicht nein sagen konnte und so sagte sie zum Zirkusdirektor: „Ja, wenn dich die Kinder nicht aufhalten, nimm sie mit, ich vertrau dir die kleine Anna an."

Da war es heraus und Anna fühlte sich plötzlich so wohl, dass sie hätte laut schreien können vor Freude und es war als wenn Weihnachten und Geburtstag und Zirkus auf einmal wären und noch viel schöner. Zefi hüpfte wieder vom Schoß seines Vaters herunter, nahm seine Freundin an die Hand und schrie: „Wir fahren, wir fahren, wir fahren zu den Zirkusleut." Und er ergriff auch die Hand seines Vaters und wollte
gleich zur Tür stürmen. Der Zirkusdirektor lachte und strubbelte Zefi das Haar: „Immer sachte Kleiner, so eine Fahrt will geplant werden, eine Woche müsst ihr euch schon noch gedulden, bis wir für die Reise alles beisammen haben." Da gingen Zefi und Anna in den Garten und sie gingen an alle geheimen Orte und zu allen heimlichen Leuten und erzählten ihnen von ihrem Glück. Der nächste Tag verging wie im Fluge, die Kinder suchten all ihre Sachen zusammen, die sie für die große Reise brauchen würden und packten sie in ihre Reisetaschen. Sie musste sich beschränken, denn der Zirkusdirektor hatte beiden nur erlaubt eine einzige Tasche mitzunehmen.

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