Dennis Demut

Eine Buchstabengeschichte von Christoph Bai (Freien Waldorfschule Schwerin)

Die Reisenden fuhren langsam weiter gen Norden. Die dunklen Wälder und die kluftige Bergwelt ließen sie hinter sich und kamen bald an einen großen Fluss, dem sie folgten und der sie nach Deutschland führte. Rambo Redlich war die meiste Zeit in der Fahrerkabine von Dennis Demut, weil hier im Dach ein Luke eingelassen war, die sie bei gutem Wetter öffnen konnten. So war es für Rambo Redlich nicht gar so eng und mit dem ruhigen Diener von Gustaf Gieselherz verstand er sich ausgezeichnet. Doch seit einigen Tagen hatten die Kinder schon bemerkt, dass Dennis Demut gar nicht mehr so ruhig war, sondern ganz aufgeregt wurde. Er war kaum mehr zu halten, deutete hier hin und deutete dorthin und wusste zu allem und jedem etwas zu erzählen. Mit der Elbe, dies war der Name des Flusses, gelangten sie in die Heimat von Dennis Demut und das war die große Stadt Dresden.

Sie fuhren mit den Wägen auf einen schönen Platz am Ufer des Flusses. Dennis Demut erbot sich, ihnen am nächsten Tag die schöne Stadt Dresden zu zeigen. Da ging Gustaf Gieselherz zu seiner Gans Grisella in den Wagen und ließ sie dort ein goldenes Ei legen. Dies wollte er dann morgen in der Stadt bei einem Goldschmied gegen gutes Geld eintauschen. Gustaf Gieselherz drehte den Schlüssel im goldenen Schloss der Wagentür herum. Nun konnte niemand seiner Gans zu nahe kommen. Die Dämmerung brach herein. Bei den Wagen wurde es dunkel. Doch die Zirkusleute entzündeten ein schönes Feuer und setzten sich darum herum. Dennis Demut hatte eine Mahlzeit zubereitet. Überhaupt war es wunderbar, dass Dennis Demut da war, denn er übernahm viele Dienste, nicht nur für Gustaf Gieselherz, sondern für alle Zirkusleute. Dennis brühte duftenden Kaffee, Dennis dünstete zartes Gemüse, Dennis putzte mit dampfendem Wasser und Dennis deutete in den Augen jeden erdenklichen Wunsch. Nach der abendlichen Mahlzeit am Feuer holte Gustaf Gieselherz seine Gitarre heraus und spielte lustige Lieder, während Minna Moretti dazu sang. Als der Mond aufgegangen war, gingen nach und nach alle zu Bett. Bis zuletzt nur Gustaf und Dennis Demut am Feuer saßen. Als das Feuer schließlich herunter gebrannt war, wollte auch Dennis Demut zum Wagen gehen. Da hörte er ein dumpfes Geräusch auf dem Wagendach. Er drehte sich um und sah drei dunkle Gestalten. Dennis deutete dort hin: "Mich dünkt, dort auf dem Dach des Wagens, da dringen dreiste Diebe ein." Dann sprang er behende zum Wagen. Drinnen war es dunkel. Dennis konnte durchs Fenster erkennen, wie die drei Diebe um den Tisch herum standen. Der erste zog die Decke von der Kiste, in der die Gans Grisella wohnte und flüsterte: "Das ist die Gans die goldene Eier legen kann." Der Zweite hielt einen dichten Sack bereit und der Dritte dunkle Geselle hob die Gans aus der Kiste und stopfte sie in den Sack hinein. "Wir wollen sehen, ob wir hier nicht auch die goldenen Eier finden", sagte der, der den Sack hielt. Daraufhin durchsuchte das Gesindel den Wagen. Das darf nicht geschehen, dachte Dennis. Was sollte sein geliebter Gustaf Gieselherz nur ohne die Gans Grisella anfangen. Das durfte Dennis nicht dulden. Er musste den Diebstahl verhindern. Nur wie? Er duckte sich und wollte gerade zu Gustaf Gieselherz zurück schleichen, da öffnete sich über ihm das Fenster und einer der Diebe steckte den Kopf heraus. Da wurde Dennis Demut entdeckt. Starke Arme zogen ihn durch das Fenster hindurch in den Wagen hinein. Dennis Demut wollte schreien, doch eine Hand bedeckte sogleich seinen Mund. Einer der Diebe holte einen Dolch hervor und drohte ihm damit. Die drei dreisten Diebe hatten das goldene Ei bereits entdeckt. Nun deutete der mit dem Dolch darauf und fragte eindringlich: "Du Bursche, du bist doch der Diener. Du zeigst uns jetzt, wo die goldenen Eier sind." Was konnte Dennis denn tun, was durfte er sagen? Doch da hatte Dennis eine tolle Idee. Bedächtig hob er die Hand und deutete nach draussen. Die Diebe murrten. "Wenn du denkst, wir sind dumm, dann denkst du falsch." Der Dieb mit dem Dolch drehte den Arm von Dennis auf den Rücken und hielt ihm den Dolch dicht an den Hals. "Auf geht's, und keine Dummheiten, zeig uns den Goldschatz, aber dalli." Einer der Diebe holte einen Dietrich aus der Tasche, das war ein kleiner gebogener Draht, mit dem er mühelos die Tür öffnete. Es machte dreimal klick und dann war die Tür offen. Zuerst gingen Dennis und der Dieb mit dem Dolch, dann folgte der Dieb mit dem Dietrich und zuletzt kam der Dieb, der den Sack mit Grisella hielt.

Dennis Demut führte die Diebe geradewegs zum Wagen von Boris Borlof. Als die drei dreisten Diebe davor stehen blieben, fragte der, der den Sack trug: "Denkt ihr der Diener sagt die Wahrheit?" Daraufhin antwortete der mit dem Dolch: "Jedenfalls sind hier wertvolle Dinge, seht nur die dicken Eisenstangen vor der Tür." Der Dieb mit dem Dietrich machte sich also gleich an die Arbeit. Dreimal geklickt und schon war die Gittertür auf. Dennis Demut bemerkte, wie die Gans Grisella im dunklen Sack unruhig wurde. Sie schlug mit den Flügeln, denn sie roch den durchdringenden Geruch der Bärin. Den drei Dieben hingegen schienen keine Bärendüfte in die Nase zu ziehen, sie dachten nur an das viele Gold und drängelten durch die Gittertür hindurch. Dabei ließ der Dieb mit dem Dolch für einen Augenblick den Arm von Dennis Demut los. Doch darauf hatte dieser nur gewartet, blitzschnell drehte er sich weg, duckte sich und schlug hinter den Dieben die Tür zu. Dann rief er so laut er nur konnte: "Diebe, dreiste Diebe. Macht sie dingfest." Im Innern des Wagens war es zuerst sehr still, doch das Diebsgesindel merkte recht bald, in welche Schatzhöhle es da gestolpert war. Brimbola war aus ihrem Schlaf erwacht, brummte dreimal laut und als sie merkte, dass Fremde eingedrungen waren, wurde sie so richtig böse. Die Bärin stellte sich auf ihre Hinterballen und schlug mit ihren Pranken um sich. Drei Mal schlug sie zu. Dem Dieb mit dem Dolch schlug sie die Waffe aus der Hand. Jammernd krümmte er sich auf dem Boden. Beim nächsten Schlag fiel der Dietrich auf den Boden und beim dritten Hieb ließ der Dieb den Sack mit Grisella fallen. Die Gans schlug wild mit den Flügeln und entfloh dem dunklen Gefängnis, machte sich dann ganz dünn und drängte sich zwischen den Gitterstäben hindurch in die Freiheit. Dank Dennis Demut wurden die drei dreisten Diebe gefangen. Zwei von ihnen drückten sich ängstlich an die Gitterstäbe und rüttelten verzweifelt an der Tür. Doch da stapfte mit riesigen Schritten schon Rambo Redlich herbei, Gustaf Gieselherz hatte ihn geweckt. Er brüllte mit mächtiger Stimme: "Ruhe da drinnen." Auch Boris Borlof betrat den Platz vor dem Wagen, öffnete die Gittertür und sprach beruhigend auf die Bärin ein. Rambo Redlich aber packte mit jeder Hand einen der beiden Diebe, drückte sie zu Boden und Dennis Demut, der behende Seile geholt hatte, band den Banditen die Hände und Füsse zusammen. Während Boris Borlof Brimbola mit Honigplätzchen besänftigte und lobte, packte Rambo Redlich den Anführer, hob ihn hoch in die Luft und hob ihn derb nach oben, bis an die Decke des Wagens. Dennis Demut holte das goldene Ei aus der Tasche des Diebes und fesselte auch diesem Banditen die Hände und Füsse. Da kamen auch die beiden Kinder Anna und Zefi herbei und als sie erfuhren, was geschehen war, drehten sie den Dieben eine lange Nase. Gustaf Gieselherz aber drückte seine Gans Grisella ganz fest an sein Herz und rief mit lauter Stimme: "Dank sei Dennis Demut, Dank sei dem Diener." Und gleich darauf dichtete er ein Heldengedicht, das von nun an jeden Abend am Feuer gesungen wurde.

 

Dreiste Diebe dringen ein
Durch das Dach, das ist nicht fein.
Drohn dem Diener mit dem Dolche
Dürsten nach dem Gold die Strolche.
Dennis denkt: "ich bin nicht dumm"
Lockt zur Bärin sie darum
Und dort drohen derbe Hiebe,
Denn er duldet keine Diebe.

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